Nur wenige hatten einen Schutzengel

21.08.2008 | 17:39

Er wurde nur drei Monate alt. Im kirchlichen Sinne hatte der Kleine nicht einmal einen Namen. Er hatte mit seinen Eltern und einem Onkel die Großeltern in Nordspanien besucht. Mit der Spanair-Maschine JK 5022 wollte die Familie nach Gran Canaria fliegen, um das Baby dort im Heimatort der Mutter taufen zu lassen. Der Junge, die Eltern im Alter von 20 und 23 Jahren und der 19- jährige Onkel, starben beim Madrider Flugzeugunglück im Flammenmeer.


Ein anderes Paar von den Kanaren hatte mehr Glück. Héctor und seine Partnerin retteten ihr Leben, weil sie drei Minuten zu spät kamen. Sie hatten, wie Héctor berichtete, nach ihrem Urlaub mit der Spanair zurück nach Gran Canaria fliegen wollen. Wegen ihrer Verspätung ließ das Personal sie nicht mehr in die Maschine.


Einen ähnlichen Schutzengel schien José Andrés gehabt zu haben. Der 26-Jährige hatte kurz entschlossen nach Gran Canaria fliegen wollen, um seine Freundin zu besuchen. "Am Schalter sagte man mir, dass nur noch Plätze in der Ersten Klasse frei waren", berichtete er der Zeitung "El Mundo". "Der Preis war jedoch doppelt so hoch wie für die Touristenklasse. Da habe ich verzichtet und mich für einen späteren Flug entschlossen. Nun fühle ich mich wie neugeboren und werde in der Kirche für all die Opfer beten."


Bei dem Unglück auf dem Flughafen Madrid-Barajas, dem schwersten in der spanischen Luftfahrt seit fast 25 Jahren, starben 153 Menschen. 19 Insassen der Maschine überlebten schwer verletzt. Die Toten wurden in einer Halle auf dem Messegelände aufgebahrt, die zu einem riesigen Leichenschauhaus umfunktioniert wurde. So war man auch schon vor gut vier Jahren verfahren, als bei den Terroranschlägen auf mehrere Madrider Pendlerzüge 191 Menschen getötet worden waren.


In einer Nebenhalle versammelten sich die Angehörigen der Toten. Sie wurden von Ärzten aufgerufen, um Leichen von Verwandten zu identifizieren. Jeder Familie wurde dabei ein Psychologe zur Seite gestellt. "Unsere Aufgabe besteht zuerst darin, dafür zu sorgen, dass sich die Angehörigen in ihrer Trauer nicht alleingelassen fühlen", erläuterte die Psychologin Ana María Calvo vom Roten Kreuz. "Wir können den Schmerz kaum mindern, aber können dazu beitragen, dass er nicht noch größer wird."


Auch König Juan Carlos, Königin Sofía und Ministerpräsident José Luis Rodríguez Zapatero spendeten den Angehörigen der Opfer Trost. Bei den meisten Toten war eine Identifizierung zunächst nicht möglich, weil viele Leichen zur Unkenntlichkeit verbrannt waren. Zur Feststellung der Identität mussten DNA-Analysen angefertigt werden.


Ligia Palomino hatte Glück, dass sie nicht unter den Toten war. Die 41-jährige Kolumbianerin, die in Madrid selbst als Notärztin beschäftigt ist, hatte in der Unglücksmaschine gesessen und wurde von ihren eigenen Kollegen lebend geborgen. Sie war beim Absturz aus der auseinanderbrechenden Maschine ins Freie geschleudert worden. "Als ich den Kopf hob, sah ich lauter Leichen um mich herum", berichtete sie nach Angaben der Zeitung "El País" ihrer Schwester im Krankenhaus. "Aus dem Wrack des Flugzeugs schlug mir eine ungeheure Hitze entgegen."


Dass die Ärztin aus dem Flugzeug hinausgeschleudert wurde, dürfte ihr das Leben gerettet haben. "Aus dem Innern des Wracks haben wir keine Lebenden geborgen", berichtete ein Mitglied der Rettungsmannschaften. Der Mann gehörte zu einem der ersten Bergungstrupps, die nach dem Unglück an der Absturzstelle eintrafen. "Wir haben verbrannte Leichen von Kindern und Erwachsenen sowie abgetrennte Gliedmaßen aufgesammelt und abtransportiert", berichtete er laut "El Mundo".

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