Triebwerk des Madrider Unglücks-Jets war auf Umkehrschub geschaltet

27-08-2008  
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Die Angehörigen wollen Antworten auf die Frage nach der Ursache der Katastrophe.
Die Angehörigen wollen Antworten auf die Frage nach der Ursache der Katastrophe. Foto: Feldmeier
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Die Flugzeugkatastrophe von Madrid ist möglicherweise auf ein Triebwerk zurückzuführen, das auf Umkehrschub geschaltet war. Das haben Untersuchungen an den Überresten des Flugzeugwracks ergeben, wie Medien am Dienstag berichteten. Sechs Tage nach dem Unglück, bei dem 154 Menschen ums Leben kamen und 18 verletzt wurden, fanden die Ermittler damit einen ersten Hinweis auf eine mögliche Ursache der Katastrophe auf dem Madrider Flughafen.

Allerdings warf die Entdeckung eine Reihe neuer Fragen auf. Es war unter anderem völlig unklar, wie dieser Mechanismus aktiviert und ob er vom Piloten oder durch technisches Versagen ausgelöst wurde. Der Umkehrschub dient dazu, ein Flugzeug zu bremsen. Er kann normalerweise nur eingeschaltet werden, wenn eine Maschine sich am Boden befindet. "Eine Schubumkehr ist beim Start so ziemlich das Schlimmste, was passieren kann", sagte ein namentlich nicht genannter Pilot der Zeitung "El Mundo". "Ein Triebwerk treibt die Maschine nach vorn, das Triebwerk auf der anderen Seite zieht in die Gegenrichtung."

Der deutsche Flugingenieur Jürgen Heermann, der 30 Jahre lang große Verkehrsflugzeuge flog, hält diese Erklärung allerdings für wenig wahrscheinlich. "Um den Umkehrschub auszulösen, muss ein spezieller Hebel betätigt werden. Das ist in einer Startphase völlig ausgeschlossen", sagte er in einem dpa-Gespräch. "Solange die Gashebel nach vorne gelegt sind, lässt sich der Hebel überhaupt nicht bewegen." Für nicht ausgeschlossen hält es Heermann, dass der Hebel beim Aufprall in eine andere Stellung gebracht worden sein könnte.

Allerdings könnte eine aktivierte Schubumkehr die Videoaufnahmen einer Kamera des Flughafens erklären. Das sieben Sekunden lange Video zeigt, dass die Spanair-Maschine beim Start nicht genügend Schub hatte, später abhob als normal und dann nach rechts abschmierte. Mehrere Experten wiesen aber darauf hin, dass eine Aktivierung des Umkehrschubs allenfalls ein Faktor, aber nicht die alleinige Ursache der Katastrophe gewesen sein könnte. Ein Flugzeug könne auch dann starten, wenn an einem Triebwerk die Schubumkehr aktiviert sei, sagten Piloten der Zeitung "El País".

Der Absturz einer Boeing 767 der österreichischen Fluglinie Air Lauda am 26. Mai 1991 über dem Dschungel in Thailand war auf die Auslösung der Schubumkehr im linken Triebwerk während des Steigflugs zurückgeführt worden. Als Grund wurde damals technisches Versagen genannt. Bei dem Unglück waren alle 223 Menschen an Bord ums Leben gekommen.

Bei der Madrider Katastrophe ist die Frage offen, ob der Umkehrschub durch eine technische Panne oder vom Piloten ausgelöst wurde. "In dem Fall, dass der Pilot die Schubumkehr aktivierte, könnte dies darauf hindeuten, dass er in einem kritischen Moment den Versuch unternahm, die Maschine noch abzubremsen", schreibt "El País". Der Umkehrschub ist bei Flugzeugen eine zusätzliche Bremse. Zur Auslösung werden am Triebwerk Klappen ausgefahren, die den Abgasstrahl schräg nach vorne leiten und so das Flugzeug abbremsen.

Für Aufregung sorgte ein argentinischer TV-Bericht über die angeblich letzten Worte des Piloten und des Co-Piloten der Unglücksmaschine. Nach Darstellung des Senders Todo Noticias (TN) soll der Dialog so abgelaufen sein: Co-Pilot: "Links! Engine Fire! Ich nehme Gas weg." Pilot: "Ich hab es, ich hab es. Los weiter." Co-Pilot: "Aufstieg positiv. Oh Gott!" - Pilot: "Sie haut mir ab. Das Pedal, gib mir mehr!" Der zuständige Redakteur gab inzwischen selbst zu, dass er den Dialog erfunden hat. Er habe nur darstellen wollen, wie die Sache sich abgespielt haben könnte, sagt er der Internetausgabe von "El Mundo". Das Madrider Verkehrsministerium forderte die Staatsanwaltschaft auf zu ermitteln, ob er sich strafbar gemacht hat.

Von den 18 Insassen der Spanair-Maschine, die die Katastrophe überlebten, wurden zwei aus dem Krankenhaus entlassen. Der erste war ein sechsjähriger Junge, der bei dem Unglück seine 16 Jahre alte Schwester verlor. Ihm folgte die Sparkassenleiterin Beatriz Reyes. Die 41-Jährige sagte auf einer Pressekonferenz, sie habe an den Absturz nur eine schwache Erinnerung. "Ich klammerte mich an meinen Sitz, mehr weiß ich nicht. Nach dem Absturz hörte ich Schreie und Hilferufe. Aber was ich sah, daran kann ich mich nicht erinnern."

Reyes hatte unmittelbar nach dem Unglück zwei Kinder befreit, die in den Trümmern der Maschine in ihren Sitzen eingeklemmt waren. "Das hätte jeder andere an meiner Stelle auch getan", sagte sie. Von Flugangst will sie nach der Katastrophe nichts wissen: "Ich nehme morgen eine Maschine und fliege heim nach Gran Canaria."

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