Hintergrund: Francos Opfer hoffen auf Gerechtigkeit

21.10.2008 | 10:37

In der Nacht des 14. August 1936 wurden José, Juan, Nicolás und Francisco Gutiérrez in La Serna del Monte von bewaffneten Männern aus dem Bett geholt. Die vier Brüder waren aus Madrid in das 80 Kilometer entfernte Bergdorf gefahren, um dem Vater bei der Ernte zu helfen. Doch dazu kam es nicht. "Sie wurden in einem Lastwagen abgeführt und im Scheinwerferlicht am Ortsrand erschossen. Einfach so", erzählt Jesús Gutiérrez, der Neffe der Ermordeten, der Deutschen Presse-Agentur dpa. Die Täter waren Handlanger des Generals Francisco Franco, der einen Monat zuvor gegen die demokratisch gewählte Regierung der Republik geputscht und damit den Spanischen Bürgerkrieg (1936-1939) ausgelöst hatte.

La Serna war in die Hände der Putschisten gefallen. Doch warum die vier Brüder - 18, 27, 35 und 38 Jahre alt - an jenem Freitag exekutiert wurden, ist bis heute unklar. Politisch aktiv waren sie nicht. "Sie waren keine Roten", betont Gutiérrez. Francisco, der Ältere, war aber Mitglied der sozialistischen Gewerkschaft UGT. Dies war jemandem offenbar Grund genug, ihren Tod zu befehlen. 72 Jahre später will der Ermittlungsrichter Baltasar Garzón diese und rund 150 000 weitere Morde aufklären.

Erstmals in der Geschichte Spaniens soll dem Franquismus der Prozess gemacht werden. Doch es gibt Widerstand. Die Staatsanwaltschaft legte Einspruch gegen die Ermittlungen ein. Garzón sei in dieser Sache nicht zuständig, lautete die Begründung. Zudem handele es sich um gewöhnliche Straftaten, die längst verjährt seien.

Garzón spricht dagegen von einem systematischen Plan zur Vernichtung des politischen Gegners und Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Als Beweis führt er unter anderem ein Interview an, das der spätere Diktator Franco (1939-1975) kurz nach Ausbruch des Krieges Jay Allen, dem Korrespondenten der US-Zeitung "Chicago Daily Tribune", gab. Auf die Frage, ob nicht ein Waffenstillstand möglich wäre, antwortete Franco: "Nein, auf keinen Fall. Wir kämpfen für Spanien, die anderen kämpfen gegen Spanien. Wir sind entschlossen, um jeden Preis weiterzumachen." Allen merkte an: "Dann werden sie halb Spanien umbringen müssen." Franco antwortete: "Ich habe gesagt, um jeden Preis."

"Vielleicht wurden meine Onkel nur getötet, um Terror unter den Einwohnern zu säen", meint auch Gutiérrez. "Meine Großmutter wurde vor Kummer krank und erblindete wenig später." Lediglich ein Bruder, der Vater von Gutiérrez, überlebte. Er war schon verheiratet und konnte aus Madrid nicht weg. Später kämpfte er für die Republikaner an der Front und kam in Kriegsgefangenschaft. "Bis zu seinem Tod 1953 hat er darunter gelitten, seine Brüder nie mehr gesehen zu haben", erinnert sich Gutiérrez, der als Elektromechaniker arbeitete und inzwischen selber 65 Jahre alt ist. Sein Vater konnte an keinem Grab trauern: Wie Zehntausende andere wurden José, Juan, Nicolás und Francisco in einer namenlosen Grube achtlos verscharrt. Noch heute, 33 Jahre nach Francos Tod, gelten sie offiziell als "vermisst".

Jesús Gutiérrez nahm sich vor, sie zu finden. Nach seiner Pensionierung begann er zu recherchieren. Von seinem Wohnort in Toledo aus fuhr er immer wieder die 170 Kilometer nach La Serna. Das Dorf hat kaum 100 Einwohner, und obwohl einige von damals noch leben, gilt auch 72 Jahre später noch das Gesetz des Schweigens. Ein alter Schäfer offenbarte Gutiérrez aber schließlich die Stelle, wo seine Onkel zusammen mit vier weiteren Einwohnern erschossen wurden. Sie befindet sich nur wenige hundert Meter vom Ortseingang entfernt - inmitten einer Bilderbuchidylle aus Steineichen, wilden Brombeerbüschen und grasenden Kühen.

Mit Unterstützung einer Bürgerinitiative, die sich für die Exhumierung und - per DNA-Abgleich - Identifizierung von Franco- Opfern einsetzt, ließ Gutiérrez den Boden mit einem Radargerät absuchen - und wurde fündig. Er ist sicher, das Massengrab seiner Onkel gefunden zu haben. Das Grundstück gehört der katholischen Kirche, die damals auf Seiten Francos stand. Sie ist jedoch gegen derartige Initiativen. "Wir sollten die heutige Generation nicht mit den Problemen der vorigen belasten", sagte kürzlich der Erzbischof von Madrid und Vorsitzende der spanischen Bischofskonferenz, Kardinal Antonio María Rouco Varela. Er selbst ist Jahrgang 1936.

Gutiérrez bat das Erzbistum und das Rathaus von La Serna um Erlaubnis, das Grab zu öffnen. Doch er bekam keine Antwort. "Wir wissen von nichts. Das sind alles Geschichten aus der Presse", winkte Bürgermeister Francisco González Alvarez ab. Er gehört der konservativen Volkspartei (PP) an, die sich ebenfalls gegen die Aufarbeitung der Franco-Zeit sträubt. Um keine alten Wunden aufzureißen, wie sie sagt.

Doch nun bekam Gutiérrez Hilfe von Richter Garzón. Er ordnete die Öffnung von landesweit 19 Massengräbern an. Darunter ist nicht nur jenes, wo der von Faschisten ermordete Dichter Federico García Lorca vermutet wird, sondern auch das in La Serna del Monte. Dass auch die Staatsanwaltschaft die Ermittlungen Garzóns stoppen will, macht Gutiérrez wütend. "Ich möchte José, Juan, Nicolás und Francisco nur würdevoll beisetzen. Hier auf dem Friedhof, neben ihren Eltern", sagt er. "Das bin ich meinem Vater schuldig."

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