Spanien bleibt ein Paradies der Plastiktüten

29-12-2008  

"Darf es noch eine Tüte mehr sein?" Die Kassiererinnen in spanischen Supermärkten drängen den Kunden die Plastikbeutel förmlich auf. Touristen, die in ihrem Spanien-Urlaub zum Einkaufen gehen, fühlen sich an alte Zeiten erinnert: Einweg- Tüten gibt es gratis und in großen Mengen. Während viele Staaten in aller Welt diesen Taschen längst den Kampf angesagt haben, ist Spanien ein "Paradies der Plastiktüten" geblieben.

In Ländern wie Australien, China, Bangladesch, Südafrika oder Deutschland sind Einschränkungen für die Gratis-Abgabe von Kunststoffbeutel in Kraft oder geplant. In den USA will die Millionenstadt Los Angeles als zweite Metropole nach San Francisco die Plastiktüten aus den Supermärkten verbannen. Spanien dagegen hat den Kampf gegen die Kunststoffbeutel noch nicht aufgenommen.

Jeder Spanier - Kinder mitgerechnet - verbraucht durchschnittlich 238 Plastiktüten im Jahr. Das Madrider Umweltministerium arbeitete Pläne aus, die auf eine schrittweise Reduzierung abzielen. Die Pläne liegen jedoch in den Schubladen. Konkrete Beschlüsse gibt es nicht. "Die Vorhaben des Ministeriums sind völlig unrealistisch, weil die Zeit dafür nicht reif ist", meint Ignacio García, Generaldirektor des Supermärkte-Verbandes. "Es gibt noch keine Alternative."

Tüten aus Bio-Kunststoff seien viermal so teuer wie herkömmliche Plastikbeutel. Ein massiver Einsatz solcher Taschen hätte zudem eine Verteuerung von Lebensmitteln zur Folge, da die Tüten aus Mais- und Kartoffelstärke hergestellt werden, betont der Verband. Dem deutschen Modell, wiederverwendbare Plastiktüten gegen Bezahlung abzugeben, wollen die spanischen Supermärkte auch nicht folgen: Dadurch stiege die Nachfrage nach Mülltüten; denn bisher benutzten die Spanier mehr als die Hälfte der Einweg-Tüten für die Abfälle.

Spaniens Umweltschützer verlangen dagegen, dass die Gratis-Tüten verschwinden. "Die Leute sind sich des Wertes der Beutel und des Schadens, der damit angerichtet wird, nicht bewusst", sagt Leticia Baselga von der Organisation Ecologistas en Acción. Die Hersteller meinen demgegenüber, hinter der Debatte stecke ein "Image-Problem". "Dass Plastiktüten umweltschädlich sein sollen, ist ein falscher Eindruck", sagte ein Sprecher der Zeitung "El País". "Wenn sie im Meer oder in der Natur landen, liegt dies am unverantwortlichen Handeln Einzelner." Das Recycling der Tüten sei einfach und billig. Ihr Anteil an der Ölproduktion mache 0,00000000001 Prozent aus.

Allerdings zeichnet sich auch in Spanien ein Umdenken ab. In einer Umfrage sprachen sich 74 Prozent der Befragten für ein Verbot der Gratis-Beutel aus. Freiwillig scheint aber kaum jemand darauf verzichten zu wollen. Große Supermarktketten bieten an "Öko-Kassen" gegen Bezahlung mehrfach verwendbare Plastiktüten an. Diese finden jedoch kaum Abnehmer. "Heute haben wir davon vielleicht vier Stück verkauft", berichtete ein Kassierer in einem Einkaufszentrum am Madrider Stadtrand.

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