Mord auf Zimmer 543: Kolumbianischer Drogenboss in Madrid erschossen

09.01.2009 | 18:23

Madrid, Universitätsklinikum des 12. Oktober, kurz vor 20.00 Uhr: Der berüchtigte kolumbianische Drogenboss Leónidas Vargas liegt in Zimmer 543 schlafend in seinem Krankenbett. Der 59- Jährige ist schwerst lungen- und herzkrank. Plötzlich betritt ein Mann mit Mantel, Schal und Wintermütze den Raum. "Sind Sie Leónidas?", fragt er den Patienten im Nachbarbett. "Nein, der da drüben ist es", antwortet er. "Dann halten Sie den Mund, mit Ihnen hat das nichts zu tun", zischt der Unbekannte. Anschließend zückt er eine Pistole mit Schalldämpfer und feuert kaltblütig mindestens vier Schüsse auf sein Opfer ab. Vargas, genannt "der Alte", ist sofort tot. Eine Krankenschwester, die kurz darauf in das Zimmer kommt, erleidet einen Panikanfall.

Die Szene hätte aus einem Mafia-Thriller stammen können, in Madrid wurde die Fiktion aber am Donnerstagabend blutige Realität. Der Täter und sein vor der Tür Wache schiebender Komplize fliehen unerkannt aus dem riesigen Krankenhaus der spanischen Hauptstadt. Vermutlich verschwanden sie in der U-Bahn, vermutet die Polizei am Freitag. Eines ist für die Ermittler jedoch sofort klar: Vargas wurde das Opfer eines Auftragsmordes, möglicherweise angeordnet von einem verfeindeten Clan. Hatten die Hintermänner etwa Angst, "der Alte" (El Viejo) könnte in dem noch anstehenden Prozess auspacken und sie verraten? Oder sollte lediglich ein Konkurrent ausgeschaltet werden?

Diese Fragen werden kaum zu beantworten sein. Fest steht aber, dass Vargas einer der Großen in dem Kokaingeschäft war. "Der König", wurde der einstige Chef des Caquetá-Kartells im Süden Kolumbiens auch genannt. Er starb, wie seinerzeit eines der vielen Opfer seiner Handlanger: In den 1990er Jahren ließ Vargas nach Presseberichten einen Polizisten in einem Krankenhaus in Bogotá ermorden. Damals zählte er zu den 20 meistgesuchten Drogenbossen des südamerikanischen Landes. Er soll gute Kontakte zu dem "Boss der Bosse" gehabt haben, dem 1993 von der Polizei erschossenen Chef des Medellín-Kartells, Pablo Escobar. Auch mit der FARC-Guerilla soll er Geschäfte gemacht haben.

Nach der Auslobung einer Belohnung von fünf Millionen Dollar wurde Vargas gefasst und wegen Drogenhandels sowie mehrfachen Mordes zu fast 50 Jahren Haft verurteilt, sein Vermögen teils beschlagnahmt. Schon damals sollte er ermordet werden: Im Gefängnis überlebte er einen Bombenanschlag. Nur einige Jahre saß Vargas schließlich ab.

Im Sommer 2006 taucht er mit einem gefälschten venezolanischen Pass in Spanien auf. Er will nach Deutschland, zur Fußballweltmeisterschaft. Doch dann wird im Hafen von Valencia eine Ladung 500 Kilogramm Kokain entdeckt, versteckt in einem Ananas- Container. Vargas wird mit seinem Sohn und seinem Schwiegersohn am Eingang eines Luxushotels in Madrid festgenommen. Er kommt in Untersuchungshaft.

Wegen seiner schweren Krankheit wird "der Alte" unter Auflagen jedoch später auf freien Fuß gesetzt. Seit dem 2. Januar lag er im Krankenhaus. Einen Termin für seinen Prozess gab es noch nicht. Wie die Mörder von seinem Aufenthaltsort erfuhren und warum sein Zimmer nicht bewacht wurde, bleibt zunächst ein Rätsel.

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