Spanien

Pfusch bei Identifizierung von spanischen Absturzopfern

23.04.2009 | 00:00

Ein General, ein Major und ein Hauptmann waren vom spanischen Verteidigungsministerium zu einer Reise in die Türkei abkommandiert worden. Die drei Militärärzte sollten dort 62 tote spanische Soldaten identifizieren, die auf der Heimkehr von einem Afghanistan-Einsatz mit ihrem Flugzeug abgestürzt waren. General Vicente Navarro und seine Gehilfen erledigten ihre Aufgabe in wenigen Stunden. Die Toten konnten nach Spanien zurückgebracht und in einem Staatsbegräbnis beigesetzt werden. Dies war im Mai 2003.

Knapp sechs Jahre später sitzen der General, der Major und der Hauptmann in Madrid auf der Anklagebank. Ihnen drohen bis zu fünf Jahre Haft; denn ihre Identifizierungen waren in 30 Fällen falsch. Die Hinterbliebenen hatten die falschen Leichen ausgehändigt bekommen. Die Toten mussten exhumiert, anhand von Gen-Analysen neu identifiziert und dann unter richtigen Namen und in den richtigen Gräbern erneut beigesetzt werden.

Der Prozess vor dem Nationalen Gerichtshof brachte zutage, dass skandalöse Unregelmäßigkeiten zur Vertauschung der Leichen geführt hatten. "Die Angeklagten waren von Anfang an entschlossen, die Sache in der Türkei so schnell wie möglich über die Bühne zu bringen", sagte der Staatsanwalt in seinem Schlussplädoyer. "Dabei hatten sie genau gewusst, dass 30 Leichen bei dem Absturz so stark verbrannt waren, dass die Toten nicht auf die Schnelle identifiziert werden konnten." Dies bedeutet: Der General und seine Untergebenen sollen laut Anklage 30 Toten nach dem Zufallsprinzip Namen zugeordnet und den Hinterbliebenen bewusst falsche Leichen überstellt haben. Das Urteil wird für die kommenden Wochen erwartet.

Damit wird die Sache aber nicht ausgestanden sein. Im Gegenteil: Der Skandal dürfte noch weitere Kreise ziehen. Die Angehörigen der Toten glauben nämlich zu wissen, weshalb die spanischen Militärärzte es in der Türkei so eilig hatten: Drei Tage nach dem Unglück sollte die Trauerfeier in Madrid stattfinden und bis dahin sollten die Toten in Spanien sein.

Die Hinterbliebenen vermuten, dass der General den Befehl "von oben" hatte, die Rückführung der Leichen im Schnellverfahren über die Bühne zu bringen. Sie verlangen daher, dass Ermittlungen gegen Spaniens damaligen Ministerpräsidenten José María Aznar und Verteidigungsminister Federico Trillo eingeleitet werden. Ein Anwalt der Nebenkläger sagte: "Wer die Verwechselungen vornahm, ist völlig klar. Nun muss festgestellt werden, wer die Hintermänner waren."

Die Angeklagten schoben dagegen den Gerichtsmedizinern in der Türkei die Schuld in die Schuhe und forderten Freisprüche. Die Türken hätten damals die toten Spanier rasch loswerden wollen und versichert, alle Leichen seien identifiziert. Diese Vorwürfe wollten die Ärzte in der Türkei jedoch nicht auf sich sitzen lassen. Als sie davon erfuhren, machten sich zwei Mediziner auf den Weg nach Madrid. Dort ließ das Gericht sie als Zeugen zu, obwohl es im Vorfeld des Prozesses deren Anhörung ausdrücklich abgelehnt hatte.

"Wir haben die Spanier ausdrücklich darauf hingewiesen, dass bei 30 Toten eine Identifizierung ohne DNA-Analyse nicht möglich war", betonte der Gerichtsmediziner Bülent Sam. "Die Spanier wollten davon aber nichts wissen und versicherten uns, die Tests würden in Spanien nachgeholt." General Navarro habe in seinem Büro eine Flasche Wodka geleert und nach Alkohol gerochen. Die Zeitung "El País" warf die Frage auf, ob die Führung der Streitkräfte von dem Pfusch gewusst hat und hohe Generäle wegen Vertuschung einer Straftat angeklagt werden.

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