SILKE DROLL Nach dem Tod einer Schweinegrippe-Patientin auf Mallorca am 16. Juli ist eine Medien-Lawine losgetreten worden, die Urlauber und Residenten verunsichert. Wie hoch ist die Ansteckungsgefahr tatsächlich? Die Mallorca Zeitung gibt Antworten auf die wichtigsten Fragen.
Deutsche Medien berichteten über besonders viele Erkrankte in Deutschland, die von einem Mallorca-Urlaub zurückgekehrt waren. Stimmt das?
Ja. Speziell in Nordrhein-Westfalen ist die Zahl der an Schweinegrippe Erkrankten in den vergangenen Tagen stark gestiegen. Ein Großteil der bei Redaktionsschluss knapp 600 Infizierten sind laut den dortigen Behörden Reisende, die aus den spanischen Ferienregionen Mallorca oder Lloret de Mar an der Costa Brava zurückgekehrt sind. Auch in Niedersachsen und anderen Bundesländern wird der Anstieg der Zahl der Schweinegrippe-Infektionen vor allem auf heimkehrende Spanien-Urlauber zurückgeführt. Von den bei Redaktionsschluss in Deutschland gemeldeten 1.818 Schweinegrippe-Erkrankungen betrafen 1.279 Reiserückkehrer, allerdings auch aus anderen Urlaubsländern.
Ist das jetzt viel oder wenig?
Im Vergleich zu der Gesamtzahl an deutschen Urlaubern auf der Insel ist das nicht viel. Auf Palmas Airport reisen allein in der Woche vom 20. bis 26. Juli nach Schätzungen der Flughafenbehörde Aena insgesamt knapp 695.000 Passagiere an und ab. Die Zahl nachgewiesener Infektionen soll laut der Weltgesundheitsorganisation WHO bei über 120.000 Fällen liegen. Experten gehen von einer Dunkelziffer von ein bis zwei Millionen aus. Laut WHO hat die Schweinegrippe seit April etwa 700 Todesopfer gefordert. Es wird davon ausgegangen, dass sich in den kommenden Monaten noch viele Millionen Menschen auf der ganzen Welt anstecken werden und es ist sehr wahrscheinlich, dass wir alle die Schweinegrippe in den kommenden Jahren einmal bekommen.
Wie geht es den erkrankten Mallorca-Urlaubern?
Den meisten von ihnen wieder sehr gut. Übereinstimmend wird von einem sehr milden Krankheitsverlauf mit nur wenigen Beschwerden berichtet. Es gibt Grippe-Erkrankungen, die schlimmer sind.
Wie weit ist die Schweinegrippe denn auf den Balearen verbreitet?
Auf den Inseln wurden 81 Fälle von Schweinegrippe bestätigt, außerdem gibt es 41 Verdachtsfälle (Stand 28.7.). Am 16. Juli ist auf der Insel zudem erstmals ein Mensch an der Krankheit gestorben. Der Tod der 33 Jahre alten Nigerianerin versetzte Bewohner und Urlauber in Alarmbereitschaft, denn zunächst sah es so aus, als ob die Frau an keinen weiteren Krankheiten litt und damit zu den sehr seltenen Fällen gehörte, in denen die Schweinegrippe bei einem gesunden Menschen so schwer verläuft, dass sie zum Tod führt. Die Frau, die erst vor kurzem aus Madrid auf die Insel gekommen war und offenbar als Prostituierte arbeitete, hatte aber den Ärzten die Gesundheitskarte einer anderen Person vorgelegt – über Vorerkrankungen kann erst eine Autopsie Aufschluss geben, deren Ergebnisse noch nicht vorliegen.
Ist die Gefahr, sich anzustecken, nun im Mallorca-Urlaub größer?
Das kommt auf die Art des Urlaubs an. Spaß-Ferien mit viel Körperkontakt, Küssen, Trinken aus dem gleichen Sangría-Eimer sowie Schlafmangel, Überanstrengung und mangelnde Hygiene bedeuten mit Sicherheit keinen optimalen Schutz vor der Schweinegrippe. Dazu können weitere Risikofaktoren kommen. „Sonnenbrand und Alkohol schwächen die Immunabwehr", warnen Experten der Düsseldorfer Universitätsklinik. Dies werde im Zusammenhang mit den Influenza-Infektionen häufig vergessen. Auch der hautenge Kontakt zu anderen Urlaubern in Bars und Discotheken schließt auf Mallorca wie auch anderswo eine erhöhte Ansteckungsgefahr ein. Das gilt auch ganz allgemein für Reisebusse oder Flugzeuge.
Warum sind vor allem jüngere Menschen betroffen?
Experten gehen davon aus, dass das daran liegt, dass ältere Menschen, die bereits mehrere Grippe-Erkrankungen in ihrem Leben durchgemacht haben, einen höheren Schutz gegen die Viren haben.
Wie steckt man sich genau an?
Die Schweinegrippe, auch als Neue Grippe oder Influenza H1N1/2009 bezeichnet, holt man sich über eine Tröpfchen-Infektion. „Immer da, wo viele Menschen auf engem Raum zusammenkommen, kann man sich infizieren", erklärt Reisemediziner Michael Knappik vom Berliner Centrum für Reise- und Tropenmedizin. Eine Ansteckung kann man zum Beispiel so ablaufen: „Ein Erkrankter niest, hält sich die Hand vor den Mund, dann gibt er einem anderen die Hand, der greift sich ins Gesicht und schon ist er selbst infiziert." Die Viren stecken in Speichel oder Nasensekret, über die Schleimhäute von Mund oder Nase gelangen sie in den Körper eines anderen. Es ist keine sexuell übertragbare Krankheit.
Wie reagieren die Behörden auf Mallorca auf die Schweinegrippe?
Die Verantwortlichen auf Mallorca verweisen darauf, dass die Ansteckungsgefahr in dieser Phase der Pandemie mittlerweile weltweit besteht. Nur mit Vorbehalten wird eingestanden, dass sich die Krankheit auf Mallorca wegen der starken Fluktuation von Menschen schneller ausbreitet als anderswo, wie jetzt der am Krankenhaus Son Llàtzer für Seuchenkontrolle zuständige Arzt Antonio Pareja sagte. Die Behörden befinden sich in einem Dilemma: Wenn sie zu eindringlich vor Ansteckungsgefahren in den Party-Hochburgen warnen und beispielsweise Kontrollen auf den Flughäfen einführen, gefährden sie inmitten der Hauptsaison die Tourismuswirtschaft, die mit großem Abstand wichtigste Einnahmequelle der Insel. Zugleich sind aber Gesundheitszentren und Krankenhäuser auf die Grippewelle vorbereitet. Die Qualität der Versorgung im öffentlichen Gesundheitssystem der Balearen ist in vieler Hinsicht mit der in Deutschland vergleichbar.
Gibt es noch weitere Reaktionen auf Mallorca?
In der Gemeinde Calvià, die häufig ihr eigenes Süppchen kocht, ist den Ortspolizisten freigestellt, Gesichtsmasken zu tragen. An der Playa de Palma werden unterdessen einige Vorsichtsmaßnahmen getroffen. Im Vergnügungstempel Megapark etwa trägt das Thekenpersonal nun Schutzhandschuhe. „Mehr können wir auch nicht machen", sagt Geschäftsführer Andy Bucher.
Wie verhalten sich die Fluggesellschaften?
Nachweislich an Schweinegrippe erkrankte Menschen dürfen nicht befördert werden. „Infizierte werden vom Flug ausgeschlossen", erklärt Nadine Bernhardt, Sprecherin von Air Berlin. Trotzdem ist bei der Verbreitung der Krankheit nicht auszuschließen, dass Infizierte an Bord sind. Bei Air Berlin sind die Flugbegleiter angewiesen, besonders auf Passagiere mit Grippe-Symptomen zu achten. Falls ein Infizierter an Bord war, wird danach die Maschine desinfiziert.
Wie reagieren die Reiseveranstalter und das Auswärtige Amt?
Eventuelle Angst vor der Schweinegrippe ist kein Stornierungsgrund einer Reise. „Die Schweinegrippe ist ein globales Problem und kein reise- oder länderspezifisches. Einen Grund, aktuell auf Urlaubsreisen zu verzichten, gibt es nicht", teilt etwa der Branchenriese Tui mit. Bei Umbuchungswünschen würden die allgemeinen Reisebedingungen gelten. „Je mehr Menschen von einem Land in ein anderes reisen und zurück, umso größer ist natürlich auch die Möglichkeit, das Virus von einem ins andere Land zu verschleppen." Aus diesem Grund könne es auch zu einer höheren Zahl an Erkrankungen von Mallorca-Urlaubern kommen als zum Beispiel bei Marokko-Urlaubern. „Die Chance, das Virus von Deutschland ins Urlaubsland zu verschleppen, ist dabei genauso groß wie anders herum." Ganz ähnlich sieht das auch das Auswärtige Amt, das keine Reisewarnung ausgesprochen hat und auch keinen Anlass dazu sieht. „Die Ansteckungsgefahr ist wie in Deutschland auch", sagt der Sprecher der deutschen Botschaft in Madrid, Daniel Blum.
Ich möchte mich aber auf keinen Fall anstecken, was kann ich tun?
Zunächst sollten übliche Hygiene-Tipps eingehalten werden: Regelmäßiges Händewaschen mit Seife 20 bis 30 Sekunden lang und Hände möglichst vom Gesicht fern halten. Statt in die Hand besser in den Ärmel niesen oder husten, um eine Weitergabe der Viren zu verhindern. Geschlossene Räume regelmäßig lüften, so dass die Anzahl der Viren in der Luft nicht stark steigen kann. Außerdem wird dadurch ein Austrocknen der Mund- und Nasenschleimhäute verhindert, dies ist zur Abwehr von Viren sehr wichtig. Gesichtsmasken bieten nicht unbedingt Schutz. Sie verhindern in erster Linie eine Weitergabe von Erregern. Weitere Informationen zur Vorbeugung gibt es auf der Internetseite www.wir-gegen-viren.de.
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Wie ist das mit der 'residencia'? Wann bekomme ich auch in Palma einen neuen Personalausweis? Was ist bei Diebstahl zu tun? Wie steht es um die Beziehungen zwischen Deutschen, Mallorquinern und ihren Behörden?
Zu diesen und weiteren Fragen wird Konsulin Regina Lochner im MZ-Live-Chat Rede und Antwort stehen. Sie können sie am Donnerstag (17.5.) von 16 Uhr bis 17 Uhr online befragen.
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