MZ vor Ort: Wie Mallorca-Touristen das erste Attentat erlebten

09.08.2009 | 20:28
Das Wrack wird von der Polizei untersucht.
Das Wrack wird von der Polizei untersucht.

Juanjo Sánchez ist fertig mit den Nerven. Zweimal hat der Geschäftsführer eines Cafés in Palmanova an diesem Donnerstag (30.7.) versucht, in seine Wohnung zurückzukehren. Doch die Wohnung befindet sich ganz in der Nähe des Tatorts, dort, wo gegen 14 Uhr eine Bombe der ETA hochgegangen ist und zwei Beamte der Guardia Civil in den Tod gerissen hat. Der Spanier wurde nicht vorgelassen. „Die Polizei schickte alle weg, weil die Hunde etwas entdeckt hatten", sagt Sánchez. Rund zwei Stunden später knallt es erneut – eine kontrollierte Explosion, wie ein Polizist versichert. Jetzt sitzt Sánchez wieder an seinem Arbeitsplatz obwohl er frei hat, und weiß nicht, wann er wieder nach Hause zurückkehren kann – und will.

Palmanova wie auch Mallorca sind im Ausnahmezustand: Das Gelände ist an diesem Donnerstag (30.7.) weiträumig abgesperrt, der Verkehr staut sich auf der gesamten Länge der Autobahn nach Palma. An jedem Kreisel stehen Polizisten, und auch dort, wo zumindest die Hotelgäste durchgelassen werden, darf kein Auto vom Fleck gerührt werden.

Doch nicht weit entfernt vom Tatort herrscht Business as usual. „Was will man machen, es ist Hochsaison", sagt José María Pérez. „Von irgend etwas müssen wir leben." Der Ladenbetreiber hat das brennende Wrack mit eigenen Augen gesehen – und kurz darauf wie immer seinen Posten hinter dem Ladentisch inmitten der Souvenir-Ständer aufgenommen, nur wenige Meter von der Polizeisperrung entfernt.

Die Hoteliers direkt am Tatort üben sich in Zweckoptimismus: Der Schreck werde sich schnell legen, sagt Markus Heitinga, Direktor des Hotels Viva Palmanova. Und ein Bombenattentat sei überall möglich, auf Mallorca genauso wie anderswo. Heitinga vergleicht das Attentat mit einem Verkehrsunfall, der auch alle schockiere, aber einen nicht daran hintere, danach wieder zum Alltag überzugehen. Und auch Alejandro González vom Hotel Ca´s Saboners, der zusammen mit seinen Gästen nach dem „lauten, kurzen und trockenen Knall" auf die Straße stürzte, um das brennende Wrack zu sehen, bemüht sich, die Touristen zu beruhigen: „Die Welt ist sehr groß, und das wird hier nicht noch einmal passieren."

Der Anschlag der ETA hat nach den Sorgen um die Quallenplagen, die Schweinegrippe und die Wirtschaftskrise gerade noch gefehlt. Die Terroristen aus dem Baskenland haben die letzten Hoffnungen zerstört, die Sommersaison noch mit einem blauen Auge zu überstehen. „Unsere Umsätze waren schon vorher um die Hälfte eingebrochen", sagt Terry Lyn, Betreiberin einer Eisdiele direkt am Meer. „Jetzt werden sie in Deutschland schreiben, dass hier eine Atombombe hochgegangen ist und Palmanova von der Landkarte radiert hat." Die Britin ist sich sicher, dass nun die Deutschen ausbleiben – und hofft auf ihre Landsleute: „Sie sind die Bomben der IRA gewohnt", sagt sie, „und wenn der Wetterbericht schlecht bleibt, entschließen sich vielleicht doch noch ein paar zu einem verlängerten Wochenende."

Das Attentat verschärft eine Krise, die sich schon länger abzeichnet. In den ersten vier Monaten dieses Jahres kamen zehn Prozent weniger Touristen auf die Balearen. Während sich die Zahl der Deutschen nur leicht verringert hat, brach neben der Zahl der spanischen Touristen (minus 19 Prozent) vor allem die der Briten ein, um knapp 17 Prozent.

Dass ausgerechnet die ETA alle Hoffnungen zunichte macht, damit hat niemand wirklich gerechnet: Ein Attentat auf Mallorca galt als unwahrscheinlich, weil sich ja Flughafen und Häfen leicht abriegeln lassen – die Terroristen sozusagen gefangen wären. Wegen der jährlichen Sommerurlaube der Königsfamilie wird ohnehin besonders stark kontrolliert. Ein Attentat auf den König war 1995 rechtzeitig verhindert worden. Hinzu kommt, dass die spanische Polizei immer wieder Erfolge bei der Verfolgung der Terroristen vermelden konnte. Auf der Liste der größten Sorgen der Spanier hatten die Wirtschaftskrise und die Arbeitslosigkeit den Terrorismus von Platz eins verdrängt.

Nun wollten die Terroristen offenbar zeigen, dass sie noch handlungsfähig sind - junge Hitzköpfe in der ETA-Führung, die wenig Erfahrung, aber viel Entschlusskraft besitzen. Am Tag zuvor ging eine Bombe in Burgos hoch, verletzte 65 Personen und verwandelte die dortige Polizeikaserne in eine Ruine. Die Bombe in Palmanova explodierte wenige Tage bevor die Königsfamilie vollständig auf Mallorca eintreffen sollte, und zudem nur wenige Kilometer entfernt von der königlichen Sommerresidenz, dem Marivent-Palast.

Die Hoteliers können nun nur hoffen, dass alle Touristen reagieren wie eine Gruppe britischer Jugendlicher, die nach einer nächtlichen Partytour am Mittag von dem Krach der Bombe aus dem Schlaf gerissen worden war. Die Jungs nehmen es sogar mit Humor. Sicher, man habe sich erschreckt, als alles gewackelt habe, sagen Kyle Blackmore, Stevie Berd und Brian Duffy. Aber "so etwas kann überall passieren." Und im letzten Urlaub in Benidorm auf dem spanischen Festland sei auch eine Bombe hochgegangen.

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