Von wegen langweilig: Wie spanische Korrespondenten den deutschen Wahlkampf erklären

23.09.2009 | 19:50
Ein Bundestagswahlkampf mit wenigen Highlights: Die Wähler sind schwer zu begeistern.
Ein Bundestagswahlkampf mit wenigen Highlights: Die Wähler sind schwer zu begeistern.

Ist das überhaupt Wahlkampf? Die spanischen Korrespondenten sind da andere Dinge gewohnt von ihren Politikern aus Spanien. Während hier für gewöhnlich die Fetzen fliegen, gehen die Kandidaten in Deutschland geradezu auf Schmusekurs. „Sehr langweilig", urteilt denn auch Juan Carlos Barrena, Delegierter der spanischen Nachrichtenagentur Efe in Deutschland, über den Wahlkampf. „Es fehlte gerade noch, dass Merkel und Steinmeier nach ihrem Fernsehduell Küsschen austauschen." Seine Kollegen schließen sich an mit Urteilen wie „ruhig", „ungewöhnlich" bis hin zu „merkwürdig".

Ob spannend oder nicht, an den Bundestagswahlen am 27. September kommt keine Zeitung und kein Fernsehsender in Spanien vorbei. Die Korrespondenten in Berlin stellen ihren spanischen Lesern und Zuschauern la canciller Angela Merkel und ihren Herausforderer Frank-Walter Steinmeier vor, erklären das Phänomen der Gran Coalición sowie auch den Unterschied zwischen Socialdemócratas und La Izquierda.

Und natürlich auch, warum der Wahlkampf so langweilig ist. „Das ist der interessanteste Aspekt für uns", sagt Miguel Ángel García, Korrespondent für das staatliche Fernsehen Televisión Española. „Ich habe versucht, den spanischen Zuschauern zu vermitteln, dass hinter dieser offensichtlichen Langeweile der deutschen Politiker die Garantie steckt, dass niemand billige Zaubertricks verwendet, um ein paar Stimmen mehr zu gewinnen." Es sei wohltuend, dass sich die deutschen Politiker nicht als Clowns berufen fühlten und lieber mit den ewig gleichen Monologen langweilten, als ihren Wählern das Unmögliche zu versprechen.

Rafael Poch-de-Feliu, Korrespondent der Zeitung „La Vanguardia", spricht zudem von einem „Pakt des Schweigens" in der politischen Klasse und in den Medien – der Afghanistan-Einsatz werde nicht thematisiert, obwohl die meisten Deutschen für einen Truppenabzug seien. Und auch über die Frage, wer die Folgen der Finanzkrise zahle, werde geschwiegen.

Im Vergleich mit Spanien falle zudem auf, dass die großen Parteien zivilisiert miteinander umgingen und auf scharfe Attacken verzichteten, sagt Juan Gómez, der für Spaniens größte Zeitung „El País" aus Deutschland berichtet. Die Politiker argumentierten, statt sich gegenseitig zu beschimpfen, sagt Ramiro Villapadierna von der Zeitung „ABC", es gebe mehr intellektuelle Debatten als billigen Populismus. Und geradezu bewundernswert sei die Ruhe in der SPD angesichts der katastrophalen Umfragen, so García, „in Spanien hätte das längst ein Gegacker wie im Hühnerstall gegeben".

Die Korrespondenten stimmen im Übrigen darin überein, dass eine Große Koalition in Spanien außerhalb jeder Vorstellungskraft liegt. Koalitionen an sich gehören zur Ausnahme, da der spanische Ministerpräsident im Gegensatz zum deutschen Bundeskanzler auch in der Minderheit regieren kann. Erklärungsbedürftig ist zudem das in Bewegung geratene deutsche Parteienspektrum. „Der Buchstabensalat der Parteinamen ist für den Durchschnittsspanier schon kompliziert", sagt Rosalía Sánchez, Korrespondentin für die Zeitung „El Mundo" und den Sender „La Cope". Und die schwierigen deutschen Namen seien auch nicht gerade hilfreich. Poch-de-Feliu von „La Vanguardia" verweist zudem darauf, dass das spanische Augenmerk traditionell stärker auf Frankreich oder Italien gerichtet sei, „auch dann, wenn es absolut nicht gerechtfertigt ist".

Aber letztendlich sei Deutschland in Europa in vielen Dingen führende Nation, und die Wirtschaft beider Länder eng verflochten, argumentiert Sánchez. Und auch wenn Merkel und Steinmeier weniger unterhaltsam seien als Berlusconi oder Sarkozy, interessierten sich viele Spanier für die Bundestagswahlen, sagt García. Er führt einen Beitrag über Deutschland in der Magazinsendung „Informe Semanal" an, bei dessen Ausstrahlung die Einschaltquote gestiegen sei. Im Sender habe er aber zunächst Überzeugungsarbeit leisten müssen.

Gómez beispielsweise erklärte seinen Lesern am vergangenen Wochenende auf zwei Seiten in „El País" den Werdegang von Gregor Gysi und Oskar Lafontaine. Bei vielen Deutschland-Themen müsse man ausholen und viel erklären, so der Journalist – die Unterschiede zwischen West und Ost, Norden und Süden, katholisch und evangelisch, und nicht zu vergessen die historischen Hintergründe. Gerade Konzepte wie „liberal", „grün", und „Ex-Kommunist" seien schwer zu übertragen, sagt auch Villapadierna – denn in Spanien gibt es vor allem Links und Rechts. Da kann man schon eher etwas mit den beiden Protagonisten des Wahlkampfs anfangen. Zum Beispiel Frau Merkel – ein Phänomen, dass die Spanier interessiert verfolgten, so der Korrespondent von „ABC": „Politikerin, Ostdeutsche, mit Doktortitel, Matriarchin, stark und sanft." Das gefalle in Spanien – im Gegensatz zum Modell „unerfahrenes Mädchen, das lächelt", wie zum Beispiel Gleichstellungsministerin Bibiana Aído oder PSOE-Parteisekretärin Leire Pajín. Korrespondentin Sánchez findet insbesondere Merkels Wahlkampfstil interessant: „Sie verspricht nichts für die kommende Legislaturperiode, sondern beschränkt sich darauf zu regieren." Gerade ihr fehlender Populismus und ihre Zurückhaltung scheinen in Spanien Neugier zu erwecken. „El País" betitelt eine Reportage über sie mit: „Porträt einer Unbekannten."

Für den Wahlausgang erwarten die Korrespondenten keine Überraschungen: Große Koalition oder Schwarz-Gelb. „Merkel und Westerwelle haben eine Chance verdient", sagt Villapadierna. Man sei neugierig, was sie zustande bringen könnten. „Aber wahrscheinlich vermasseln sie es, und es gibt eine Große Koalition 2.0." Nach Meinung von Fernsehjournalist García wäre das im Sinne vieler Wähler. „Ich glaube, die meisten Deutschen sind zufrieden mit den Ergebnissen aus vier Jahren Gran Coalición und würden sie gerne beibehalten." Aber vielleicht gibt es nach dem langweiligen Wahlkampf noch einen Showdown am Sonntagabend, gibt Gómez von „El País" zu bedenken. „Wir haben oft genug gesehen, dass die Deutschen anders wählen, als es die Umfragen vorhersagen."

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