Das blieb von Chopins Winter auf Mallorca

Schon vor 100 Jahren kamen die ersten Touristen nach Valldemossa, um zu sehen, wo der Komponist Frédéric Chopin und die Autorin George Sand den Winter 1838/39 verbracht hatten. Heute gibt es in der Kartause zwei Privatmuseen mit verblüffendem Fundus. Ihre Besitzer haben einen persönlichen Bezug zu Chopin und Sand – und sind hoffnungslos zerstritten

25-02-2010  
Rosa Capllonch: Bis heute mit der letzten Angehörigen der Familie Sand in Kontakt.
Rosa Capllonch: Bis heute mit der letzten Angehörigen der Familie Sand in Kontakt.  Fitzner

THOMAS FITZNER Die Reise mit Postkutsche und Schiff dauert 13 Tage. Am 8. November 1838 beginnen der Komponist Frédéric Chopin und die Autorin George Sand auf Mallorca einen Aufenthalt, der noch 172 Jahre später Wellen schlägt. Chopin verfasst hier einige seiner berühmtesten Partituren und Sand macht die Insel zum Schauplatz eines Romans, der zum Bestseller wird und bis heute in zahllosen Übersetzungen auf dem Markt ist.

Nirgendwo kristallisiert sich diese Episode deutlicher als in den beiden Zellen beziehungsweise Museen, die seit den 30er Jahren Gelegenheit bieten, Originalatmosphäre zu schnuppern. Welche der beiden Zellen der Kartause von Valldemossa tatsächlich die war, in der Chopin und Sand vom 15. Dezember 1838 bis zum 11. Februar 1839 wohnten, soll nach einer Anzeige der Besitzer von Zelle 4 im Juni ein Gericht klären.

In der Geschichte des Museums in Zelle 2 spielt Anne-Marie Boutroux eine zentrale Rolle. Die geborene Pariserin kam 1899 nach Mallorca und heiratete einen Insulaner: den Maler und Schriftsteller Bartomeu Lluís Ferrà. 1917 mietete sich das Paar in seiner ersten Behausung ein: Zelle 2 der Kartause von Valldemossa. 1921 kauften sie die Zelle und merkten bald, dass sie in einem Gemäuer wohnten, das in Köpfen auf der ganzen Welt herumspukte: Immer wieder klopften Ausländer an, die sehen wollten, wo Frédéric Chopin und George Sand jenen Winter verbracht hatten. Auch Deutsche waren darunter, denn seit Anfang des Jahrhunderts war „Ein Winter auf Mallorca" in deutscher Fassung auf dem Markt.

Die Französin – nun Aina Maria – nahm Kontakt mit Aurore Sand auf, der Enkelin von George Sand. 1932 trafen sie einander in Südfrankreich. Es war der Beginn einer Freundschaft, die bis zum Tod Aurores im Jahr 1961 währte. Ob sie nun die Originalzelle ist oder nicht, zwei Umstände machen celda 2 zu einem Brennpunkt der Chopin- und Sand-Begeisterung: Von allen Gegenständen ihrer berühmten Oma bewahrte Aurore all jene auf, die mit dem Aufenthalt auf Mallorca zu tun haben – für den Fall, dass auf der Insel eines Tages ein der Autorin gewidmetes Museum eröffnet würde.

Zu den vielen Objekten, die aus Frankreich den Weg zurück nach Mallorca fanden, gehören zwei mallorquinische Bauernpuppen, die George Sand damals für ihre Kinder kaufte, und der Malblock von Sands Sohn Maurice, der die Reise in Bildern festhielt. Zu den Juwelen der Sammlung gehören ein Großteil des Originalmanu-skripts von „Un hiver à Majorque". Und eine Louis-XVI.-Kommode aus Wien, die Chopin in Wien seiner Geliebten schenkte. Das Möbel soll im Chopin-Jahr erstmals öffentlich ausgestellt werden.

Boutroux und ihr Gatte unterstützen den Pfarrer Joan Maria Thomàs, als dieser 1936 das erste Chopin-Festival anleiert. Und
Boutroux ist es auch, die in den 80er Jahren ihre Familie und Freunde dazu drängt, dieses Festival wiederzubeleben. Rosa Capllonch, die Konservatorin des Museums von Zelle 2, ist die Enkelin der musik- und literaturbegeisterten Anne-Marie Boutroux, die 1986 in Valldemossa starb. Capllonch steht noch heute in Kontakt mit der Familie Sand.

Gabriel Quetglas gehört jener Familie an, die den Besitz von Bazil Canut erbte oder bei Auktionen zurückkaufte. Der Franzose war eine wichtige Bezugsperson für Chopin und Sand, er bürgte für die Besucher und half ihnen bei der Organisation ihres Aufenthaltes. In den Büchern des Bankiers wurde penibel jedes Geschäft vermerkt, das Canut für die prominenten Besucher abwickelte – bis hin zum Verkauf des Mobiliars der Zelle 4 nach der Abreise des Paars, dokumentiert bis zum letzten Suppenlöffel. Das Bankiersbuch ist im Museum ausgestellt.

Anfang des 20. Jahrhunderts mieteten sich die Erben der Canuts in der Kartause ein. Quetglas berichtet, dass schon vor der Jahrhundertwende die ersten Besucher aufgetaucht waren. Sie wandelten jedoch auf den Spuren von George Sand. Das Interesse an ­Chopin erwachte später und führte dazu, dass die Familie Quetglas die Zelle 4 kaufte und das Klavier aus der Erbschaft hineinstellte. 1932 eröffneten sie offiziell das Museum (jenes in Zelle 2 machte einen fließenden Übergang vom besuchbaren Raum zum regulären Museum durch).

Zu sehen sind in Zelle 4 neben dem Pleyel-Klavier originale Dokumente wie ein Brief George Sands, die am 13. November 1838 einer Freundin berichtet, dass sie bei einem Besuch der Granja von Esporles (schon damals eine Sehenswürdigkeit!) einen Abstecher nach Valldemossa gemacht und dort erfahren habe, dass in der Kartause eine Zelle frei würde, sowie ein Brief gleichen Datums, in dem der Bewohner dieser Zelle dem Bruder des Bankiers Canut seine bevorstehende Abreise mitteilt.

Die zentrale Sehenswürdigkeit des Museums ist jedoch jenes Klavier der renommierten Marke Pleyel, das Chopin kaufte und nach Mallorca bringen ließ, wo es allerdings erst in den letzten Tagen seines Aufenthaltes eintraf. Die Bemühungen, das Instrument zu verkaufen, scheitern: Die Mallorquiner, erzählt Quetglas, fürchteten, sich über die Tasten mit Chopins vermeintlicher Tuberkulose zu infizieren. Am Ende kauft Canuts Gattin das Klavier. Zum Jubiläum will Quetglas auch den dazugehörigen Sessel ins Museum stellen, „auf dem George Sand so gerne saß".

Beide Museen sind für das Andenken an Chopin und Sand von unschätzbarem Wert. Gemeinsam wären sie unschlagbar. Doch die Besitzerfamilien sind verfeindet – und das seit über 70 Jahren.

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