"Bitte sag ihm ab! Zu alt!"

Jobsuchende ab 45 gelten als große Problemgruppe auf dem Arbeitsmarkt. Das hat jetzt auch ein deutscher Mallorca-Resident deutlich zu spüren bekommen

13.01.2017 | 10:00
Andreas Pingel hat einiges zu bieten in seinem Lebenslauf. Doch Arbeitgeber schauen offenbar vor allem auf die Altersangabe.

Die Absage las sich auf den ersten Blick wie so viele andere: „Haben Sie vielen Dank für Ihre Bewerbung. Ihr Profil ist leider nicht das, was wir momentan suchen", heißt es in der Antwort einer Agentur für Ferien­vermietung von Mitte Dezember. Als Andreas Pingel jedoch weiterlas, stieß er weiter unten in der E-Mail auf den Text einer weitergeleiteten internen Nachricht, die beim Antworten stehen geblieben war. „Bitte sag ihm ab! Zu alt!", stand dort.

Dass sein Alter der eigentliche Grund für die vielen Absagen der vergangenen Monate gewesen sein könnte, dass hatte der 50-Jährige aus Pòrtol (Gemeinde Marratxí) schon vorher vermutet. Die ungewollt ehrliche Absage war für Pingel zwar einerseits die Bestätigung seiner bisherigen Einschätzung, traf ihn andererseits aber dennoch hart. „Bis auf einen Punkt habe ich genau dem Profil entsprochen", so der langjährige Mallorca-Deutsche.

Pingel hat sich gut überlegt, ob er mit seinem Fall in der Zeitung erscheinen möchte – schließlich will er kein Mitleid, sondern auf das Problem aufmerksam machen, dass viele Arbeitgeber offenbar nach dem Lesen der Altersangabe die eingesandte Bewerbung direkt zur Seite legen, ohne einen weiteren Blick auf das Profil zu werfen.

Der studierte Betriebswirt und gelernte Industriekaufmann, der Spanisch und Englisch beherrscht und sich mittlerweile auch auf Mallorquinisch gut verständigen kann, gehört nicht zu den Kandidaten, die Bewerbungen wie Wurfsendungen verteilen und sich dann beklagen, dass sie nicht eingeladen werden. Im Gegenteil, er habe auch früher nur wenige, individuell angepasste Unterlagen für Angebote eingereicht, die auch seinem Profil entsprachen. „Ich hatte nur wenige verschickt, wurde zu 90 Prozent eingeladen und bekam dann fast immer eine Zusage."

Die Altersgrenze, ab der Arbeitgeber den Kopf schütteln, scheint bei Mitte 40 zu liegen. Hier zumindest hat die vor knapp drei Jahren gegründete Vereinigung Ampeb – inzwischen APE Baleares – die Marke gesetzt. Die älteren Arbeitslosen seien so etwas wie der Bodensatz in der Statistik, meint Sprecher Joaquín Pereira. Obwohl die Zahl der Menschen ohne Job auf den Inseln mit der Bewältigung der Wirtschaftskrise deutlich zurückging und die Zentral­regierung Hilfen von bis zu 1.500 Euro pro Jahr für die Einstellung von Arbeitslosen ab 45 zahlt, habe sich an der Situation kaum etwas geändert. „Wir sind noch immer mehr als 30.000 auf den Balearen", so Pereira. Das entspricht fast der Hälfte der offiziellen Arbeitslosenzahl.

Eine ehrliche Antwort für die Ablehnung sei schwierig zu bekommen­, so der 60-Jährige, seine Altersklasse werde schlichtweg diskriminiert. „Bei Treffen mit Arbeitgebern hören wir nur Plattitüden, aber keine wirklich schlüssige Antwort." Ein Grund sei aber offenbar die verbreitete Annahme, dass jüngere Angestellte günstiger kämen. Berufsanfänger akzeptierten in der Regel auch besonders geringe Gehälter, um anschließend Berufserfahrung vorweisen zu können.

Und wie erklärt der Ferienvermieter seinen versehentlich verschickten „Zu alt!"-Kommentar? Man habe eigentlich einen Trainee gesucht, so der Geschäftsführer der Firma gegenüber der MZ. In dem konkreten Fall werde zudem für den Kundenkontakt ein mallorquinischer Muttersprachler benötigt. Die Firma lege zwar Wert auf einen jungen und frischen Auftritt, so der Geschäftsführer, er schätze jedoch sehr wohl die Erfahrung seiner älteren Mitarbeiter.

Pingel erhielt zwischenzeitlich eine E-Mail mit einer Entschuldigung, ist aber von den Argumenten nicht wirklich überzeugt – gesucht gewesen sei zunächst kein Trainee, sondern ein „Mitarbeiter", versichert der Deutsche. Die Anzeige sei dann erst nachträglich geändert worden.

Pingel ärgert, dass seine Erfahrung offenbar keine Rolle mehr spielt. Der gebürtige Hamburger hatte seit 1995 als selbstständiger Hausbetreuer gearbeitet, wobei ihm auch seine ab 2002 absolvierte zweijährige Ausbildung zum Elektrotechniker an der Fachhochschule Inca zupass kam. Zuletzt, bis vor einem Jahr, arbeitete er bei einer Website zur Hotelsuche als Rates- und Availability Manager, als er das Angebot für den Posten des Direktors in einem Landhotel annahm. Der Besitzer habe ihn allerdings erst nach längerem Drängen zur Sozialversicherung angemeldet und das Gehalt mit großer Verspätung gezahlt. Als der Deutsche dann auch noch Betten machen, Frühstück zubereiten und gärtnern sollte, begab er sich im Frühjahr 2016 wieder auf Arbeitssuche – und erlebte, wie sehr sich die Situation am Arbeitsmarkt für ihn verändert hatte.

Der 50-Jährige hat Buch geführt über die mehr als 40 versandten Bewerbungen auf Stellen, die im Großen und Ganzen seinem Profil entsprachen – die nicht wenigen Inserate mit dem Zusatz „bis 25 Jahre" selbstverständlich ausgenommen. „Die Hälfte der Firmen hat sich gar nicht gemeldet", so Pingel, „formelle Absagen waren die Ausnahme". Andere scheinbar attraktive Angebote entpuppten sich als un­seriös – da meldeten sich Arbeitgeber mit „tussi81" in der E-Mail-Adresse, mit Tätigkeiten im Bereich der Kalt­akquise oder in Firmen, die erst noch gegründet werden müssen.

Wie schwer es ältere Arbeits­suchende auf Mallorca haben, hängt nach Erfahrung von Jobvermittlerin Doris Stangier stark von Branche und Profil ab. Als Beispiel nennt sie neue Firmen mit jungem Chef. „Wenn der Geschäftsführer 30 ist, will er oft keinen 40-Jährigen als Angestellten", so Stangier. Auch in der Immobilienbranche werde oft junges und dynamisches Auftreten geschätzt. Andererseits gebe es Branchen, in denen das Alter eine geringe Rolle spiele, beispielsweise im Callcenter oder als Gärtner, so Stangier: „Eigentlich hat jeder eine Chance bis Ende 40, erst mit der 5 davor gibt es ein Problem."

Das balearische Arbeitsministerium hat die Marke bei 45 gesetzt. 2016 legte es das Programm „Visibles" zur Förderung von Jobsuchenden ab diesem Alter auf, um ihnen eine Chance in der öffentlichen Verwaltung zu geben und sie „sichtbar" im Arbeitsmarkt zu machen, so die Übersetzung des Projektnamens. Eingestellt wurden in Rathäusern und im Inselrat 512 Personen für zunächst sechs Monate. Subventioniert wird das 6 Millionen Euro teure Programm mit EU-Mitteln.

Weil das aber nur ein Tropfen auf den heißen Stein ist, versucht man es bei APE Baleares mit neuen Wegen. Inzwischen besteht die Vereinigung aus 185 autónomos, also Selbstständigen, die wieder anderen Alterskollegen zu Jobs verhelfen sollen. Pereira selbst organisiert jetzt das Recycling ausrangierter Matratzen, die er im Rahmen eines Abkommen mit den Hoteliers überlassen bekommt.

Auch Pingel spielt ab und an mit dem Gedanken, sich selbstständig zu machen, etwa einen Laden zu eröffnen. Vorher aber will er es weiter mit der Jobsuche probieren – ohne sein Alter zu verschweigen. Aber vielleicht muss es ja nicht schon im Anschreiben stehen.

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