Deutsche Berufsschüler sollen auf Mallorca die Scheuklappen ablegen

33 junge Rendsburger schauten sich in Betrieben auf der Insel um. Ziel des Programms: die Jugend mobilisieren

26.10.2017 | 16:33
Stellen für die MZ ein Beratungsgespräch: (v.l.) Sophie Schulz, Marko Krahmer und Gimena Mazzeo.

An der Rendsburger Berufsschule hat man eine Mission: „Wir wollen, gerade in Zeiten wie diesen, in denen sich viele Staaten wieder abschotten, den europäischen Gedanken hervorheben", sagt Marko Krahmer, der Betreuungslehrer einer in diesem Jahr 33-köpfigen Schülergruppe, die auf Mallorca in verschiedene Betriebe hineinschnuppern darf. Die jungen Leute, die aus Schleswig-Holstein und Hamburg kommen, lernen an der 3.200 Schüler zählenden Berufsschule – und können dank des Einsatzes von Krahmer zwischen ihrer Routine aus Berufsschule und Arbeit im Betrieb einen dreiwöchigen Auslandsaufenthalt absolvieren. Von Fleischereifachverkäufern, Bauzeichnern über Sattler bis hin zu IT-Fachkräften und Friseuren ist ein breites Spektrum an Berufen dabei – 16 insgesamt. Erasmus+ Mobilitätspraktikum nennt sich das Ganze.

Für Sophie Schulz war es der erste Flug in ihrem Leben – und das erste Mal Mallorca. Die 20-Jährige, die nahe Rendsburg in einem kleinen Polsterbetrieb als Raumausstatterin arbeitet, findet sich in Palma in einer anderen Welt wieder. Sie darf Gimena Mazzeo zur Hand gehen, einer in Argentinien geborenen Italo-Spanierin, die in der Inselhauptstadt eine Firma für die Inneneinrichtung von Luxusyachten mit elf Mitarbeitern führt. Gemeinsam mit Mazzeo misst Sophie Schulz in millionenschweren 30-Meter-Yachten Stoffe ab, sucht Farben für Teppiche oder Polsterbezüge aus und darf auch kleinere Skizzen anfertigen. „Ich habe bisher immer nur in Häusern oder Wohnungen gearbeitet. Die Boote hier sind teilweise größer als die Immobilien, die ich gewohnt bin", sagt Sophie Schulz.

Sie hatte sich eigentlich für Helsinki beworben, eine von drei Städten, in die die Berufsschule Rendsburg ihre Schüler schickt. „Je nach dem Beruf unserer Schüler wählen wir aber letztendlich den perfekten Zielort aus", erklärt Betreuungslehrer Krahmer. Und auf Mallorca gebe es nun mal ein großes Angebot an Firmen, die sich der Inneneinrichtung widmen.

Gimena Mazzeo ist froh, dass sie für drei Wochen eine Unterstützung zur Hand hat. „Wir brauchen dringend Leute in unserer stark spezialisierten Branche. Sophie ist deshalb kein Klotz am Bein, sondern eine große Hilfe", berichtet Mazzeo, die 2009 das Unternehmen Softinterior gründete – und sich seitdem nach eigenen Angaben nicht über fehlende Arbeit beklagen kann. Sie ist bereits zum dritten Mal bei dem Programm dabei. Sie schätzt vor allem die guten Kenntnisse der deutschen Schüler. „Man merkt, dass sie im Gegensatz zu den spanischen Berufsschülern schon arbeiten."

Seit inzwischen 14 Jahren schickt die Schule in Rendsburg ihre Schüler zu den Praktika im europäischen Ausland. Mit Helsinki ging es damals los, die Jugendlichen sollten für drei Wochen mal „die Scheuklappen aus der deutschen Heimat ablegen", sagt Krahmer. Vor sieben Jahren kam dann die Kooperation mit Palma zustande, zunächst über mehrere Berufsschulen der Inselhauptstadt. Mit dabei sind inzwischen die Schulen IES Politècnic, IES Son Rullan und IES Borja Moll in Palma, die IES Pau Casesnoves in Inca, die IES Llucmajor und die IES Na Camella in Manacor.

„Die Schulen waren am Anfang zuständig dafür, unseren Schülern die Betriebe zu verschaffen", sagt Krahmer. Inzwischen habe er selbst ein so großes Netzwerk aufgebaut, dass er immer wieder neue Unternehmen auftue, die mitmachen wollten. Im Gegenzug organisieren die Rendsburger in Deutschland dasselbe Programm für die Spanier und die Finnen – und demnächst auch für Ungarn. „Budapest haben wir seit diesem Jahr neu im Angebot." Die Schüler aus Rendsburg sind allesamt in einem Haus mit sieben Apartments an der Plaça d'Espanya untergebracht. Dafür stehen unter anderem Mittel der Europäischen Union zur Verfügung. Für die Berufsschüler werden lediglich 120 Euro Eigenbeteiligung fällig, der Rest der Reise wird übernommen.

Nicht ganz einfach ist es manchmal für die Berufsschüler, sich für das dreiwöchige Programm freistellen zu lassen. „Die Betriebe, in denen sie arbeiten, bestehen oft nur aus drei, vier Mann. Einer weniger, das fällt dann ziemlich ins Gewicht", berichtet Krahmer.

Bei Sophie Schulz war es kein Problem – und Gimena Mazzeo hat schon weitergehende Pläne mit der jungen Frau. „Sophie wäre eine Kandidatin, der ich eine Stelle anbieten würde. Sie traut sich etwas zu. Das mag ich." Womit dann auch der Sinn des Programms erfüllt wäre, nämlich den Jugendlichen klarzumachen, dass ihr Arbeitsmarkt nicht an den deutschen Grenzen endet, sondern dass es in ganz Europa interessante Stellenangebote gibt. Sophie Schulz jedenfalls kann sich gut vorstellen, nach dem Ende ihrer Berufsschulausbildung auch längere Zeit auf Mallorca zu arbeiten.

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