Pakete-Frust statt deutscher Traumjob

Mit Blick auf die Weihnachtspost im Raum Hamburg wurden auch auf der Insel Leiharbeiter angeworben. Was ein Mallorquiner dabei erlebte

05.01.2018 | 16:20
Julián Cantón mit seiner Freundin Estefanía Moldovan – fürs Foto noch mal mit Paketen.

Paketbote in Deutschland gesucht – das Jobangebot auf dem Portal milanuncios.com klang vielversprechend. Gehalt: 1.400 Euro netto für eine 35-Stunden-Woche, mit Überstunden zwischen 1.800 und 2.400 Euro. Als der Mallorquiner Julián Cantón die Ausschreibung im Frühjahr sah, zögerte er angesichts des Gehaltsniveaus auf der Insel nicht lange. „Zusammen mit weiteren Bewerbern von Mallorca habe ich mich in einer Bar an der Plaça de los Patines vorgestellt", so der 39-Jährige. Ausweis und Führerschein genügten für einen Vorvertrag.

Was klingt wie eine Geschichte aus der Zeit der Wirtschaftskrise, als zahlreiche Spanier ihr Glück in Nordeuropa versuchten, ist dem massiven Bedarf billiger Paketboten in Deutschland geschuldet: Portale wie Amazon boomen, immer mehr Pakete müssen zugestellt werden – und mit dem Boom häufen sich auch die Geschichten von schlecht bezahlten, überarbeiteten Kurierfahrern, vorwiegend aus Osteuropa.

Im Jahr 2017 wurde nun auch in Spanien rekrutiert. Allein die Deutsche-Post-Tochter DHL stellte nach eigenen Angaben insgesamt rund 10.000 zusätzliche Mitarbeiter in den Wochen rund um Weihnachten ein, aus Gründen der Flexibilität zum Teil über Personaldienstleister, die sich wiederum Arbeitskräfte auch aus dem Ausland holen.

Aus Polen und Kroatien sei bereits rekrutiert worden, heißt es auf einem Info-Blatt der Agentur, die auf Mallorca vermittelte – nun expandiere man nach Spanien. Die Agentur beschrieb den Job folgendermaßen: Anstellung bei einem Hamburger Personaldienstleister, der für DHL arbeitet. Kostenloser Deutsch-Unterricht vor Abflug. Unterbringung zu fünft im Drei-Zimmer-Apartment in Hamburg-Neumünster für 18 Euro am Tag, wovon die Hälfte der Arbeitgeber zahle. Für den täglichen Transfer zum 50 Kilometer entfernten Lager sei gesorgt. Auszuliefern seien täglich 160 Pakete, in einem täglich gleichbleibenden Zustellgebiet.

Der Mallorquiner, der bereits auf der Insel als Paketbote gearbeitet hatte, kündigte seine Wohnung, flog nach einem zweiwöchigen Sprachkurs nach Deutschland und begann am 28. August zu arbeiten. Erste Überraschung: Der Arbeitsort sei 85 Kilometer entfernt gewesen. „Ich bekam den Schlüssel für einen Lieferwagen in die Hand und sollte acht Kollegen abholen." Und sei ihm zunächst ein GPS-Gerät zugesagt worden, um sich als Ortsfremder und Sprachunkundiger beim Ausliefern in Hamburg zu orientieren, musste der Mallorquiner schließlich sein Smartphone einsetzen. Das sei bitter nötig gewesen, „mein Zustellgebiet änderte sich ständig".

Es wurde Winter, die Zahl der täglich auszuliefernden Päckchen höher. Anfangs waren es laut Cantón 80 bis 90. Dann 140, dann 200 und noch mehr. Was er trotz – bezahlter – Überstunden nicht ausliefern konnte, habe für Ärger gesorgt und sei am nächsten Tag zusätzlich in den Wagen gekommen. Auch zum Austreten habe es auf der Route weder Zeit noch Gelegenheit gegeben, „wir haben uns mit einer ­Flasche im Lieferwagen beholfen". Kaum Aufzüge in den Häusern, unwirsche und mitunter fremdenfeindliche Kunden, um 6 Uhr morgens los, erst um 21 Uhr wieder zu Hause, Kälte und Regen – „ich war schließlich physisch und psychisch am Ende", so Cantón. Im Gegensatz dazu sei sein früherer Job auf Mallorca „light" gewesen.

Schließlich kam auch Freundin Estefanía Moldovan nach, um sich nach dem Ende der Mallorca-Saison einen Job in Deutschland zu suchen. Gemeinsam mieteten sie über eine Agentur eine eigene Wohnung. Sie habe Julián einen Tag bei der Arbeit begleitet und sei entsetzt gewesen über die Hetzerei, so die Freundin.

Der Arbeitgeber beschreibt indes die Arbeitsbedingungen deutlich anders: Bei DHL lässt man nichts auf die Leiharbeitsfirma PHH kommen, die derzeit nach eigenen Angaben rund 50 Spanier beschäftigt. Sie arbeite nach deutschem Recht und deutschem Tarifvertrag und sei in der Branche als seriös sowie solide bekannt, so Sprecher Jens-Uwe Hogardt zur MZ. Es gebe keine Mindestzahl täglich auszuliefernder Pakete, nur eine Zielmarke, und neue Angestellte kämen am Anfang nur auf rund die Hälfte. Mitarbeiter würden mindestens 14 Tage eingelernt. Das Zustellgebiet könne sich durchaus ändern, aber „Ziel ist es, Ortswechsel zu vermeiden".

Die Zusteller bekämen ausgearbeitete Tourenlisten und würden umfangreich eingearbeitet, antwortet PHH in einer E-Mail, in der es auch heißt: „Das Zustellgebiet ändert sich üblicherweise nicht bzw. ist uns nicht bekannt." Die Pausenzeiten seien im Tarifvertrag festgelegt, „die Paket­zusteller erhalten sogar eine Vertrauensarbeitszeit und können sich je nach Umfang der Arbeitszeit, innerhalb der gesetzlichen Regelung, 45 Minuten Pausen selbstständig einplanen". Die Zahl der täglichen Pakete betrage 140 bis 160. „Für die Zusteller, die diese Anzahl nicht schaffen, existiert ein Zwischendepot, sodass die Mitarbeiter keinem Auslieferungsdruck unterstehen."

Auch beim Transfer zur Arbeit fällt die Darstellung unterschiedlich aus: Mitarbeitern werde bei Bedarf ein Fahrservice bereitgestellt. „Da dieser auf die Teams abgestimmt wurde, ist uns nicht bekannt, dass Arbeitnehmer eingesammelt werden müssen. Vielleicht ist dieses in Ausnahmefällen etwa von Krankheit einmal vorgekommen."

Der Mallorquiner Cantón hielt bis Dezember durch. Nach einem Sturz und zweitägiger Krankschreibung schmiss er am 8. Dezember hin. Und nicht nur er. Wo offenbar Kroaten, Polen oder Rumänen angesichts noch schlechterer Verhältnisse in ihren Heimatländern Jobbedingungen in Deutschland hinnehmen, probten die Spanier den Aufstand und meldeten sich in TV- und Presseberichten in Deutschland zu Wort. Sie beklagen Wortbrüche beim Gehalt, bei Sprachkursen und der Wohnung. „Wir sind eure Paketsklaven", titelte die „Hamburger Morgenpost" mit dem Foto einer Mallorquinerin. Der Hamburger Verein „Arbeit und Leben" spricht von „spektakulären Fällen" über Ausbeutung von Ausländern in der Kurierbranche.

Cantón und seine Freundin sind inzwischen wieder auf Mallorca. Sie kamen erst einmal in einem Zimmer bei Familienangehörigen unter und streiten sich derzeit mit der Immobilienagentur in Hamburg, die damit droht, ein halbes Jahr Miete bei ihnen einzuklagen. Zeitweise fürchtete der Mallorquiner darüber hinaus um sein November-Gehalt, das eigentlich am 15. Dezember auf seinem Konto hätte eingehen sollen. Es kam dann am Abend des 22. Dezember – am selben Tag, als die Presse in Deutschland über die Leiden der mallorquinischen Leiharbeiter berichtet hatte.

Neueinstellungen seien derzeit nicht geplant, heißt es bei PHH: Die Bewerbertage auf Mallorca seien im Oktober abgeschlossen worden.

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