Atemraub auf dem Aussichtsturm

16-09-2008  
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Von sonst nirgendwo hat man eine schönere Aussicht auf das Kap Formentor.  Foto: Khe

KARL-HEINZ EIFERLE Schwindelfrei sollte man schon sein, um den 300 Jahre alten Piraten-Ausguck bei Formentor zu erklimmen. Zur Belohnung winkt eine der wohl spektakulärsten Ansichten der Insel

Während sich Millionen Urlauber jährlich auf Mallorcas bekanntester Aussichtsterrasse, der Punta de la Nao am Kap Formentor bei Pollença, von der imposanten Steilküste beeindrucken lassen, interessiert sie der 200 Meter über ihnen thronende alte Piratenausguck kaum. Vermutlich werden die Kamera-Objektive einfach nicht schräg genug nach oben gehalten. Und das ist wirklich schade: Wirkt die Aussicht von der Besucher-Terrasse schon spektakulär, ist die vom besagten Wachturm, dem Talaia d‘Albercutx, an Grandiosität nicht zu übertreffen. Zweifellos haben sich seine Erbauer im 18. Jahrhundert einen der besten strategischen Punkte ausgesucht, um an der Nordostküste Mallorcas nach möglichen Angreifern Ausschau zu halten. Ausschau kann man auch heute noch halten. Und was für eine.

Aber zuerst will der festungsartige Turm erobert werden, denn mit dem Auto kann man sich ihm nur nähern (einfach dem Abzweig am Aussichtpunkt Punta de la Nao bergauf folgen). Ist der kurze Spaziergang vom provisorischen Parkplatz noch für jedermann ein Leichtes, trennt sich am Fuße des Turms der schwindelfreie Weizen von der zurückbleibenden Spreu. Es gibt keine Treppen, und einen Fahrstuhl schon gar nicht. In die Turmmauern sind Steigeisen eingelassen, die zu einem sieben bis acht Meter höher liegenden Eingang führen. Von innen führen weitere Steigeisen durch einen weiteren Einstieg hindurch zur zweieinhalb Meter darüberliegenden Terrasse. Und dann muss man sich erst einmal die Augen reiben. Nicht wegen des blendenden Lichts der späten Nachmittagssonne, sondern des Panoramas wegen. Man glaubt es schlichtweg nicht. Die komplette Halbinsel Formentor breitet sich am Ende des Hochplateaus vor einem aus. Zur linken das offene Meer und die kleinen, bunten Punkte der tiefer sich freuenden Ausflügler, die nicht wissen, was ihnen entgeht. Selbst hier oben donnert die Brandung noch mächtig. Der frische Wind hat sich fast gegen den sommerlichen Dunst behauptet, und hinter dem Kap taucht schemenhaft Menorca am Horizont heraus.

Die komplette Bucht von Pollença liegt einem zu Füßen. Mitten im Wald kontrastieren die weißen Wände des Luxushotels Formentor mit dem satten Grün der Pinien. Ob Audrey Hepburn, Helmut Kohl, Prinzessin Soraya, Yassir Arafat und all die anderen Berühmtheiten aus Politik und High Society, die im Laufe der 80-jährigen Geschichte der Nobelherberge dort zu Gast waren, auch schon einmal hier oben gestanden haben? Vermutlich nicht. Denn diese Aussicht kann man nicht erkaufen.

Wie ein schlafendes Krokodil ragt die Halbinsel La Victòria aus dem spiegelglatten Meer und deckt leicht die dahinter liegende Bucht von Alcúdia ab. Can Picafort ist deutlich zu erkennen und unterhalb der Bergrücken von Artà schimmern flimmernd die Dächer von Colònia de Sant Pere.

Je mehr sich die Sonne in einen glutroten Ball verwandelt, umso wilder und rauer wirken die scharfkantigen Grade der Tramuntana, deren schwarze Silhouette einer EKG-Linie ähnelt. Und tatsächlich klopft das Herz beachtlich. Das einer russischen Turmbesucherin kann man sogar hören. Offensichtlich hat die sportlich wirkende Frau in ihrem Übermut vergessen, dass man von hier oben auch wieder runter muss. Denn so romantisch es auch sein mag, hier eine Nacht zu verbringen, wäre sicherlich nicht bequem.

Schon beim ersten Abstieg redet ihr Begleiter viel und laut auf sie ein. Richtig mitfühlend scheint er nicht zu sein. Bei der zweiten Etappe geht gar nichts mehr. Sie kriegt den Dreh einfach nicht, der sie vom Turminnern auf die Steigeisen bringen soll. Schließlich hat ihr Partner angesichts der sich oben und unten stauenden Menschen doch noch Mitleid, steigt wieder empor, beugt sich über sie und eskortiert seine Noch-Partnerin zwischen seinen kräftigen Armen hinab.

Sichtlich erleichtert, da wieder festen Boden unter den Füßen, scheint sie sich zu sagen: „Au Mann! Den oder das tue ich mir nicht mehr an. Zumal ich auch von hier unten einen tollen Blick auf ganz Mallorca habe.“ Recht hat sie. Man muss eben auch mal Kompromisse schließen können.

Anfahrt: Von Port de Pollença in Richtung Cap Formentor fahren. Gegenüber dem Aussichtspunkt Punta de la Nao dem schlecht asphaltierten Weg folgen.

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