Canyoning auf Mallorca

05-02-2009  
An gewagten Sprüngen mangelt es auf der vierstündigen Tour nicht.
An gewagten Sprüngen mangelt es auf der vierstündigen Tour nicht.  Foto: Escull Aventura

KARL-HEINZ EIFERLE Es ist nicht wirklich prickelnd, am frühen Sonntagmorgen in einen Neoprenanzug zu steigen, der sicherlich nicht die ganze Nacht vor einem wärmenden Ofen gehangen hat. Dafür ist man schlagartig wach. Und es wird noch schlimmer kommen. Denn so kalt, wie das Wasser wenig später sein wird, kann ein Gummianzug gar nicht sein.

Aber das weiß das abenteuerlustige Grüppchen noch nicht, das sich am Rande der Ma-2100, zwischen Bunyola und Orient, ziemlich genau bei Kilometer 8,5, mal mehr, mal weniger stöhnend in die kühle zweite Haut zwängt. Die wenigen vorbeifahrenden Autofahrer sind sichtlich irritiert, inmitten des Tramuntana-Ausläufers auf Froschmänner zu treffen.

Tauchen kann man hier garantiert nicht. Aber das wollen die acht Männer und zwei Frauen, die sich langsam an ihr neues Outfit zu gewöhnen scheinen, ja auch nicht. Sie haben Canyoning, Schluchting, beziehungsweise barranquismo gebucht, was in allen drei Sprachen dasselbe bedeutet: Man begeht eine Schlucht. In der Regel von oben nach unten, wie das Internet­lexikon Wikipedia aufklärt. Und in diesem Falle führt der Coanegra genannte Sturzbach, der sich durch eine atemberaubende Schlucht seinen Weg nach Santa Maria bahnt, auch noch Wasser.

„Das ist alles kein Problem“, sagt Fernando (38), als die vier Männer seiner Gruppe an einem kleinen Überhang auf einen locker 20 Meter hinabstürzenden Wasserfall blicken. Die anderen sechs haben sich Cristina angeschlossen, der Chefin der auf Abenteuer-Exkursionen spezialisierten Firma Escull Aventura.

„Zur Feier des Tages beginnen wir die Tour ausnahmsweise einmal weiter unten“, scherzt Fernando. Es ist ein Anfängerkurs.

Weiter unten ist auch ein Wasserfall. In dessen Mitte, in etwa vier Meter Höhe, befindet sich eine Einbuchtung, auf der bereits Cristinas Gruppe steht und sich die Helme aufsetzt. Dann springt einer nach dem anderen in den darunter liegenden Gumpen, eine beckenartige Vertiefung.

„Das machen wir jetzt auch. Einfach einen großen Schritt nach vorne, die Arme über der Brust verschränken und links ans Ufer schwimmen!“ Mit einem lauten Platscher und einem noch lauteren Prusten taucht Miguel aus dem höchstens zehn Grad „warmen“ Wasser auf. Joan und Toni machen es ihm nach, und auch der Reporter bleibt nicht verschont.

„Zum Aufwärmen gehen wir jetzt ein wenig spazieren“, ermuntert die mallorquinische Frohnatur, die schon seit ihrem 16. Lebensjahr die Inselschluchten unsicher macht. Spazieren gehen heißt, sich am Rande des Baches einen Weg suchen, durch das Wasser waten, auf die andere Seite schwimmen, das Gesicht vor hereinragenden Ästen schützen und aufpassen, dass man sich bei den Wackersteinen im Flussbett nicht den Knöchel verstaucht.

Nach diversen Biegungen und Seitenwechseln wird die Schlucht zunehmend enger. Die Wände ragen immer höher in den Himmel und die bis dahin zumindest etwas wärmende Sonne schafft es nicht mehr, sich einen Weg bis hinab zu der Gruppe zu bahnen. Die Strömung wird stärker und zerrt mächtig an den Beinen.

Vor einem mehrere Meter tief nach unten stürzenden Wasserfall werden die Klettergurte angelegt. „Abseilen ist wie Lambada tanzen“, versucht Fernando seine skeptisch drein- blickenden Jungs aufzumuntern. „Beine etwas breiter machen und mit den Knien locker die Schritte abfedern. Die rechte Hand hält das Seil, die linke winkt für das Foto.“ Zumindest an weichen Knien soll es nicht scheitern.

Miguel macht erneut den Anfang. Nachdem Fernando einen Karabinerhaken an einer dauerhaft in der Wand verankerten Öse befestigt und das Seil durch den Haken geführt hat, klinkt Miguel seinen Sicherungshaken ein und führt das Seil durch ein Abseilachter genanntes Teil, das die Zugkraft so umlenkt, dass man nicht ruckartig nach unten fällt.

Miguel, so scheint es, hat noch nicht oft in seinem Leben Lambada getanzt. Und schon gar nicht in einem Bach, dessen wilde Strömung den Rhythmus bestimmt. Die Wucht des herabstürzendes Wassers bringt den groß gewachsenen Mallorquiner, der im 90-Grad-Winkel zur Wand steht, immer wieder aus dem Gleichgewicht. Der Wasserfall zerrt an seinen Beinen, die Gischt spritzt ihm ins Gesicht. Die linke Hand fürs Foto hebt Miguel nicht. Noch drei, vier Meter Kampf mit den Elementen, und er lässt sich ins Wasser plumpsen. Eigentlich hätte er sich auch noch auf halber Höhe in eine unter einem Überhang liegende kleine Grotte hangeln können, deren Eingang von dem prasselnden Wasser verdeckt wird. Aber offensichtlich hatte er keine große Lust, das Panorama durch einen Vorhang aus Wasser zu betrachten. Und wirklich etwas verpasst hat er auch nicht.

„Krise, Krise, Krise, was für eine Krise?“, witzelt Fernando 20 Minuten später bei einer kleinen Marschpause in einer gewaltigen Höhle in die Runde. „Hier haben wir ein Dach über dem Kopf und jede Menge frisches Wasser. Was wollen wir mehr?“ Eine Antwort hat niemand parat, denn die Haken klimpern schon wieder am Gurt. Noch ein halbes Dutzend Mal müssen sie eingeklinkt werden. Genauso oft wird ohne Seil in die Tiefe gesprungen.

Die Landschaft ist grandios. Alle Teilnehmer wissen, dass so ein intensives Natur­erlebnis bei einer normalen Wanderung nicht zu haben ist. Deswegen haben sie die Strapazen des beeindruckenden Abenteuers ja auch auf sich genommen. Andererseits ist es bei einer normalen Wanderung auch nicht so kalt. Die meisten spüren schon nach dem zweiten Abseilen ihre Finger nicht mehr. Von den Füßen ganz zu schweigen, die sich trotz Neoprensocken immer mehr wie Eisblöcke anfühlen. „Noch eine kleine Rutsche, und wir haben es geschafft“, ermuntert Fer­nando nach etwa vier Stunden seine leicht erschöpfte Gruppe. Und in der Tat sieht der schräge Fels, der etwas tiefer in einen kleinen See mündet, wie eine Rutsche aus. Wenn sie nur nicht so kalt wäre.

Mehr Infos über barranquismo gibt es unter www.escullaventura.com

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