Schnee auf Mallorca 1956: Nichts fuhr mehr, nichts ging mehr

Ausstellung in Cala Ratjada: Vor 55 Jahren erlebte die Insel das Schneechaos des Jahrhunderts. Zeitzeugen erinnern sich

10-02-2011  
Cala Ratjada im Jahr 1956
Cala Ratjada im Jahr 1956 Foto: Veranstalter

THOMAS FITZNER Kritisch wurde es, als der Cognac ausging. „Man konnte ja nicht arbeiten", erinnert sich Sebastián Ferrer, der in Cala Ratjada ein Podiumsgespräch von Zeitzeugen zum „Jahr des Schnees" organisierte. „Also saß man in der Bar und trank Cognac. Aber die Tage vergingen, die Straßen waren gesperrt und irgendwann waren auch die Reserven leer getrunken."

Der Februar 1956, als Mallorca von drei aufeinanderfolgenden Kältewellen getroffen wurde und unter einer Schneedecke verschwand, ist das Thema einer Low budget-Ausstellung im Centre Cap Vermell in Cala Ratjada. Simple Papierkopien von Privatfotos illustrieren den Ausnahmezustand jener Tage, als vor allem der Osten und Norden der Insel das Schneechaos des Jahrhunderts erlitten. Zur Eröffnung am Freitag (4.2.) lauschte das Publikum den Erinnerungen derer, die es erlebt hatten.

„In Cala Ratjada lag der Schnee stellenweise mehr als einen Meter hoch", berichtete Ferrer. „Man musste schmale Wege freischaufeln, um sich überhaupt von einem Haus zum anderen bewegen zu können." Das wäre nicht weiter schlimm gewesen, hätten die Mallorquiner winterfeste Kleidung gehabt. „Aber wir hatten weder geeignete Schuhe noch Mützen", rief eine Zeitzeugin aus. „Und viele brachten die Türläden nicht auf und saßen in ihren Häusern fest!"

Der Schnee blieb liegen, denn die Temperaturen hielten sich hartnäckig um den Gefrierpunkt herum. Von der Wetterstation am Leuchtturm sind keine Daten überliefert, doch selbst in Palma wurden tagelang Minusgrade gemessen.

Während die meisten Bewohner zu Hause ausharrten, lockte die weiße Pracht dunkle Elemente an: Schon damals bestehende Ferienvillen waren das Ziel von Einbrechern, die Wertgegenstände, ja komplette Küchen davonschleppten. Derselbe Schnee allerdings, der das Land lähmte und die Gelegenheit zu Raubzügen bot, wurde manchen zum Verhängnis. Ein betagter gabellí erzählte, wie er gemeinsam mit Polizisten den Fußspuren eines dieser Einbrecher gefolgt sei – bis zu dessen Haus.

Zu Schaden kam im any de la neu niemand. Bis auf die Hähne des Dorfes. Als während der zehn Tage, die Capdepera von der Außenwelt abgeschnitten war, das Essen knapp wurde, mussten im ganzen Dorf die Gockel dran glauben. Hennen, die brav Eier legten, wurden verschont.

„55è aniversari de l´any de la neu", Centre Cap Vermell, Cala Ratjada, werktags 9 bis 22 Uhr, bis 15.3.

  MZ-Fotowettbewerb: Aktiv auf der Insel

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