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Blog Ansichten vom Balkon - Juan Jose Millás

Juan Jose Millás

Juan José Millás (Valencia, 1946) ist einer der bekanntesten Autoren Spaniens. Etliche seiner Bücher sind auch ins Deutsche übersetzt. Für die MZ-Verlagsgruppe Prensa Ibérica schreibt er regelmäßig Kolumnen.

Über diesen Blog | Leben

Spanische Betrachtungen abseits des Mainstreams: mal kritisch und wütend, mal verspielt und absurd - aber stets überraschend und brillant. Ins Deutsche übersetzt von Hella Strehlke.


Archiv

  • 16
    Februar
    2017

    Mallorca
    Leben

    Der Kugelschreiber

    Ich habe mit Feder und Tinte gelernt zu schreiben. Von dort komme ich, von dieser ein wenig japanisch anmutenden Kalligrafie, bei der der Strich, je nachdem, wie viel Druck man auf das Papier ausübte, breiter oder schmaler wurde. Ich hätte nie gedacht, dass wir ein wenig den Japanern ähnelten, bis ich nach Tokio reiste und feststellte, dass du dort, ohne dir dessen bewusst zu sein, beim Schreibenlernen einen Master in Design absolvierst. Japan hat eine der höchstenJugendselbstmordraten der Welt, und es ist kein Zufall, dass die meisten sich am ersten Schultag nach den S...


  • 09
    Februar
    2017

    Mallorca
    Leben

    Ein Mysterium

    Viele Familien vereinbaren für ihre Zusammenkünfte, nicht über Politik zu sprechen. Auf diese Weise wollen sie sicherstellen, dass kein Streit aufkommt. Zu Weihnachten erzielt diese Abmachung gute Ergebnisse, aber auch bei der goldenen Hochzeit der Großeltern oder der Erstkommunion des Enkels.

    Ich habe an vielen dieser Treffen teilgenommen, an denen niemals verboten wurde über Literatur, Fußball, Gastronomie oder Molekularbiologie zu sprechen. Nur die Politik ist in der Lage, das Schlechteste aus jedem einzelnen herauszuholen und Familienbande oder F...


  • 02
    Februar
    2017

    Mallorca
    Leben

    Angst und Schrecken

    Unsere nächsten Verwandten im Tierreich, die Primaten, sterben aus, so ein Bericht von 30 Experten aus zwölf Ländern, der im Wissenschaftsjournal "Science Advances" erschien. Bei 75 Prozent unserer Cousins sinken die Bestände ​​und 60 Prozent sind vom Aussterben bedroht, denn wir zerstören ihre natürlichen Lebensräume oder jagen sie, um mit ihrem Gehirn zu experimentieren. Wir sind auch nicht abgeneigt, aus ihren Zähnen Halsketten anzufertigen. Obwohl es um eine Familienangelegenheit geht, sind sie uns egal.&n...


  • 26
    Januar
    2017

    Mallorca
    Leben

    Keine Zukunft

    Nach den Enthüllungen über das postfaktische Zeitalter tauchen immer neue Ideen auf, wie man Fake News bekämpfen könnte. Das Problem ist, dass viele echte Nachrichten auch nicht stimmen. Und man kann zudem echte Nachrichten, die stimmen, von denen, die nicht stimmen, nicht unterscheiden. Dass sie auf den Titelseiten erscheinen, ist keine Garantie. Einen Unterschied kann man nur erkennen, wenn man sozial extrem ausgegrenzt oder extrem integriert ist. Ich denke gerade an die Zeit, als der Energiesektor privatisiert wurde und es hieß, dass die Tarife drastisch fallen...


  • 19
    Januar
    2017

    Mallorca
    Leben

    Die Rechnung

     Die Welt, ein Kartenhaus. Sehen Sie: Trump verbietet einem Automobilhersteller, sich in Mexiko niederzulassen, und die Weltwirtschaft gerät ins Schwanken. Der Ultraliberalismus schadet uns, der Protektionismus bringt uns um. Traditionelle Mittelklasseberufe werden zunehmend durch Automatisierung ersetzt. Das Überleben der Bourgeoisie, der Unternehmerklasse schlechthin, ist in Gefahr. Wir erleben einen rasanten technologischen Fortschritt kombiniert mit einem galoppierenden sozialen Rückschritt. Der eine geht im Uhrzeigersinn, der andere in die entgegengesetzte Richtung...


  • 12
    Januar
    2017

    Mallorca
    Leben

    Schuss in die Schläfe

    Das Krimi-Genre wird immer anspruchsvoller, da der Mörder auf zu vieles achten muss. Bis vor Kurzem reichte es, keine Fingerabdrücke zu hinterlassen. Nun musst du sicherstellen, dass dich keine Kamera aufgenommen hat und du am Tatort nicht gehustet hast. Ich schließe dabei das Handy des Mörders ein, da der Versuchung, sich zu filmen und das Video in die sozialen Netzwerke zu stellen, offenbar kaum widerstanden werden kann. Und was den Husten betrifft, so kann ein einziges Niesen die Wände eines Wohnzimmers mit DNA tapezieren. Es ist fast unmöglich, keine ...


  • 05
    Januar
    2017

    Mallorca
    Leben

    Eine Meldung

    Wenn die Ratten aus ihren Löchern flüchten, verspricht das nichts Gutes. Einer der berühmtesten Romane von Camus, „Die Pest“, beginnt so. Eines Tages geht jemand aus seiner Wohnung und trifft im Hausflur auf einen dieser Nager. Es gibt ein stillschweigendes Übereinkommen zwischen Menschen und Ratten, nicht in das Territorium der anderen einzudringen. Wir brechen es häufiger als sie, nicht um sie auszurotten, was fast unmöglich ist, sondern damit ihr Bestand stabil bleibt und sie nicht ihre Nischen auf der Suche nach Nahrung verlassen m&uum...


  • 02
    Januar
    2017

    Mallorca
    Leben

    Niederlage

    In der Schreibwerkstatt erzählt eine Schülerin die Geschichte ihres Onkels, der seine Witwe heiratete. "In unserer Familie sagten wir, er habe seine Witwe geheiratet", erklärt sie, "da er ein Mädchen zur Frau nahm, das 40 Jahre jünger war als er." Doch wie das Leben so spielt, das Mädchen starb vor ihm, und machte ihn zum Witwer seiner eigenen Witwe. "Deshalb ist mein Onkel", fügt die Schülerin hinzu, "ein besonderer Witwer, sozusagen ein doppelter Witwer. Ich würde gern einen Roman über ihn schreiben, weiß aber nicht, wie ich es an...


  • 22
    Dezember
    2016

    Mallorca
    Leben

    In Schwung kommen

    Wenn ich Zeitung lese, notiere ich, was meine Aufmerksamkeit erregt. Heute erregt nichts meine Aufmerksamkeit und so gehe ich raus, um eine Runde zu drehen. Ich setze mich in ein Café in die Nähe eines Mannes und einer Frau, die verliebt zu sein scheinen. Ich beobachte sie verstohlen und entdecke, dass beide am Handgelenk tätowiert sind (sie mit einer Steckdose und er mit einem Stecker). Wenn sie sich die Hand geben, scheint Strom zwischen ihnen zu fließen. Kurz nachdem die beiden gegangen sind, frage ich mich, ob diese Art von Tattoos normal ist oder ob ich gerade...


  • 15
    Dezember
    2016

    Mallorca
    Leben

    Gegen die Scheibe

    Es gibt Menschen, die die Relativitätstheorie beim besten Willen nicht verstehen. Oder sie verstehen sie eine Sekunde lang, und dann entfällt sie ihnen wieder. So geht es mir. Nicht nur mit der Relativitätstheorie, sondern mit unendlich vielen wissenschaftlichen oder literarischen Fragen, die ich, obwohl sie mich interessieren, einfach nicht begreifen kann. Nicht alles ist eine Frage des Willens, der Anstrengung, es ist auch eine Frage des Könnens. Manchmal kann man nicht. Der Kampf gegen das, was man nicht kann, ist anstrengend, aber er verschafft uns mentalen Nutzen...