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Leben

  • Leben

  • Blog de
    27
    April
    2017
    Die beste Zeit zum Töten ist der Kaffee, nach einem Essen, das mit den besten Weinen der Welt hinuntergespült wurde. Warum? Der Magen ist befriedet, man fühlt sich eins mit der Welt und tötet mit einem Hauch von Mitleid, vielleicht sogar mit Anstand. „Verzeihen Sie, dass ich Sie töte.“ Ein Henker, der dich um Vergebung bittet, bevor er die Schraube des Würgeeisens anzieht, entwaffnet dich. Franco unterzeichnete die Todesurteile beim Nachtisch, zu diesem Zeitpunkt fühlte er sich großherziger und legte eins von neun oder zehn Todesurteilen beiseite. So die Legende. Wir wissen nicht, wie viele Menschen ihr Leben einem Rinderfilet mit Kartoffeln zu verdanken haben. Die Historiker setzen sich nicht mit diesen Dingen auseinander, weil sie schwer zu dokumentieren sind. Aber niemand zweifelt daran, dass wenn Franco Sodbrennen hatte, massenweise Erschießungen stattfanden. Vor Jahren brach ein Dieb um drei Uhr morgens bei mir zu Hause ein. Da ich schlecht schlafe, hörte ich Geräusche, stand auf und wir trafen uns im Flur: ich, in meinem Schlafanzug, er mit einem Küchenmesser, das im Halbdunkel glitzerte. Als er im Begriff war, mir das Messer in den Leib zu rammen, klingelte sein Handy, er nahm es zur Hand, während er mich weiter bedrohte und brach in Tränen aus, weil seine Mutter gerade gestorben war. Ich musste ihn trösten, lud ihn zu einem Kaffee ein und brachte ihn dann zur Leichenhalle, weil er kein Auto dabeihatte. Vielleicht verdanke ich diesem Anruf mein Leben. Diese Geschichte kam mir in den Sinn, da Trump nach dem Essen befahl Syrien zu bombardieren. „Ich saß am Tisch“, sagte er später, „wir aßen gerade Nachtisch, den schönsten Schokoladenkuchen, den Sie je gesehen haben.“ Und in diesem Moment befahl er, 59 Raketen abzuschießen. Wie viele Raketen hätte er ohne den Schokoladenkuchen abgefeuert? ...
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    07
    April
    2017
    Fernando Alonso braucht dringend einen Seat Toledo, einen Skoda Octavia oder einen Dacia Sandero. Zumindest sollte er die Rennen zu Ende fahren. Einige dieser Autos hatten laut meinem Stamm-Taxifahrer eine Laufleistung von 500.000 Kilometern. Außerdem fahren sie etwas mehr als 200 km pro Stunde. Manchmal liegt die Lösung ganz nahe, beim Autohändler an der Ecke, und wir sind nicht in der Lage, sie zu sehen, geblendet von den Wagen der Oberklasse. Ich mag den Asturianer einfach nicht mehr mitten im Rennen aus seinem Wagen steigen sehen, während seine Konkurrenten ihm nicht das Wasser reichen können. Geben Sie diesem Mann ein normales Auto und Sie werden sehen, was er damit macht. Merkwürdig, dass viele Leute die Rennen von Alonso erst verfolgen, seit er nichts anderes tut, als zu verlieren. So auch ich.  Und nicht etwa, weil ich gefallene Idole mag, sondern aus purer Liebe zu den „umgekehrten“ Helden, die ihr Unglück gelas- sen und mit Humor tragen. Der Formel-1-Rennfahrer hält Mittagsschlaf. Als amtierender Weltmeister konnte er sich diesen Luxus nicht erlauben, er hätte uns enttäuscht. Aber nun, nachdem er sich auf der Kehrseite des Erfolgs eingerichtet hat, kann er nach dem Mittagessen ein Nickerchen halten.  „Ihnen gefällt die Niederlage, weil Sie sich auch besiegt fühlen“, meint mein Psychoanalytiker. „Besiegt, von wem?“, frage ich. „Vom Leben.“ Nun, es ist nicht das Gleiche, vom Leben oder von einem Auto besiegt zu werden. Ich glaube, vom Leben besiegt zu werden, hat mehr Größe. Deshalb mache ich keinen Mittagsschlaf. Denn wie es sich für jemanden gehört, der vom Leben besiegt wurde, leide ich unter Schlaflosigkeit. Wenn ich Fernando Alonso wäre, würde ich mir einen Seat Tole- do oder einen Skoda Octavia besorgen und damit ins Rennen gehen.         ...
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    03
    April
    2017
    In der U-Bahn streiten Mutter und Tochter über Zwangsverhalten. „Es führt zu nichts, sich die ganze Zeit die Hände zu waschen“, sagt die Mutter. „Ich wasche meine Hände nicht die ganze Zeit“, widerspricht die Tochter. „Die ganze Zeit nicht, aber sieben oder acht Mal am Tag“, sagt die Mutter. „Sieben oder acht Mal am Tag ist nicht die ganze Zeit“, entgegnet die Tochter. „Was hast du davon?“, fragt die Mutter. „Vergnügen“, sagt die Tochter, „ich mag es, meine Hände unter fließendes Wasser zu halten, sie einzuseifen, zu sehen, wie der Schaum zwischen den Fingern entsteht, zu spüren, wie er den Schmutz aus den Poren entfernt und die Hände dann abzuspülen.“   Die beiden schweigen einen Moment, dann fragt die Tochter die Mutter, ob es nicht zwanghaft sei, jeden Tag die Metallknäufe an den Küchenschränken zu putzen. Die Mutter sagt, es sei ein Fehler gewesen, welche aus Kupfer zu nehmen, da Kupfer sehr schmutzig sei und man es ständig po- lieren müsse. „Zudem“, fügt sie hin- zu, „mache ich es auch aus hygienischen Gründen, da wir jedes Mal, wenn wir die Schränke öffnen und schließen, eine Menge Keime hinterlassen.“ „Ihr hinterlasst sie“, sagt die Tochter, „meine Hände sind immer sauber.“   Mir wird klar, dass beide zwanghaft sind, obwohl jede glaubt, dass die andere das Problem hat. Ich möchte Ihnen gerne sagen, dass sie das trennt, was sie vereinen sollte, aber ich bin nicht jemand, der sich in ein Gespräch einmischt. Deshalb nehme ich ein Erfrischungstuch, von denen ich immer eins bei mir habe, und desinfiziere mir ostentativ die Hände. Die Mutter stößt ihre Tochter mit dem Ellbogen an, deutet mit dem Blick auf mich und beide lächeln, Komplizinnen, gegenüber einem, den sie für einen Verrückten mit einem Putzfimmel halten. Wie einfach es ist, dazu beizutragen, dass die Menschen sich gut verstehen, denke ich.     ...
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    03
    April
    2017
    Mit Planung schützen wir uns vor dem Zufall. Die Geschichte der Menschheit könnte erzählt werden als Versuch, das Schicksal zu kontrollieren. Deshalb haben wir begonnen zu säen, zu sammeln. Und Tiere zu domestizieren: um regelmäßig Milch und Fleisch zu haben. Doch uns blieben Dürren, die das Gesäte vernichteten, und Epidemien, denen unser Vieh erlag. Manchmal kam beides auf einmal. Dennoch ist unser Gefühl von Unsicherheit so klein geworden, dass alles, was uns passiert, das Ergebnis vorheriger Planung ist. Das glauben wir wenigstens. Wenn jemand stirbt, ist das Erste, was wir fragen, ob er geraucht hat. Dann, ob er getrunken hat. Und danach: ob er Sport getrieben hat. Wir können uns nicht vorstellen, dass jemand, der joggt, keinen Alkohol trinkt und den Tabak meidet, einen Herzinfarkt erleiden soll. Wenn du stirbst, hast du etwas falsch gemacht.   Vielleicht hast du aber gar nichts falsch gemacht. Vielleicht hat der Zufall, unser alter Freund, die Bühne betreten. Der Zufall ist das Leben, und das Leben offenbart sich, wenn man am wenigsten damit rechnet. Neulich wurde Professor Robert Kelly live in der BBC interviewt. Er saß in seinem Arbeitszimmer, als die Zimmertür geöffnet wurde und ein quengelndes Mädchen eintrat. Dahinter ein Baby in einem Laufstuhl. Der Professor sprach weiter, als wäre nichts geschehen, als seine Frau die Kleinen eilig einsammelte. Das Video wurde zum Internet-Hit. Warum? Weil darin das wahre Leben, nicht das aus der Konserve, sichtbar wurde. Ich weiß nicht, worüber der Professor sprach, weil die Nachricht nicht die war, wovon er sprach, sondern was in seinem Arbeitszimmer passierte, während er sprach.   Die Nachricht ist nicht das, was in der Zeitung steht oder was wir im Fernsehen sehen. Die Nachricht ist das, was uns passiert, während wir die Nachrichten sehen. Was uns passiert und das, was uns durch den Kopf geht.       ...
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    03
    April
    2017
    Die Nachrichten überschlagen sich, sodass wir am Mittwoch die vom Montag bereits vergessen haben. Wann habe ich von dem Massengrab in einem irischen Kloster mit den sterblichen Überresten von Hunderten von Babys gelesen? Keine Ahnung. Ich erinnere mich, dass ich nur die Schlagzeile las und deshalb keine Zeit hatte, mir die Grube vorzustellen. War sie rechteckig, quadratisch, rund? Wie waren die Körper angeordnet? Ich frage mich jetzt vieles, was ich in der Eile, die nächste Schlagzeile zu lesen, übersehen habe. War das Kloster ein Heim für ledige Mütter? Vielleicht. Mein Gedächtnis ist so mangelhaft wie das eines schlechten Spielers beim Simultanschach. Ich erinnere mich nicht an die letzten Bewegungen.   Wurde in Madrid eigentlich bereits über das geplante Sterbehilfegesetz entschieden? Ein wichtiges Thema, das wie eine Eidechse durch einen Riss entschwunden ist. Die digitale Presse ist voller Risse, durch die die Nachrichten rutschen, ohne dass wir Zeit hätten, sie zu verarbeiten. Apropos Tod, mir ist so, als hätte ich gelesen, dass in Arkansas von heute auf morgen acht Gefangene hingerichtet werden sollten, um zu verhindern, dass das Haltbarkeitsdatum der im Kühlschrank verwahrten tödlichen Injektionen abläuft. Wurden sie durchgeführt? Ich weiß es nicht. Einige Schachteln mit Beruhigungsmitteln, die ich für den Fall eines Suizids verwahre, laufen ebenfalls bald ab. Aber ich werde das Haltbarkeitsdatum verstreichen lassen, da ich unbedingt etwas im Finanzamt regeln muss, ich weiß nur nicht mehr was. Zudem heiratet der Sohn eines Freundes.   Im Leben wie in den digitalen Medien herrschen Schlagzeilen vor, durch die wir schwanken wie Betrunkene um drei Uhr nachts zwischen schlecht geparkten Autos. Übrigens meint ein Quantenphysiker, dass wir in 300 Jahren keinen Körper mehr brauchen.     ...
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    03
    April
    2017
    Vor Kurzem starb auf einem Kardiologie-Kongress in Asturien unter den Augen von 150 Ärzten ein Patient, während ihm ein Aortenklappenersatz durch einen Katheter implantiert wurde. Ein Ge- rinnsel ruinierte die medizinische Show, die auf einem riesigen Plasma-Bildschirm live übertragen wurde. Der Patient war 86 Jahre alt und vielleicht zum ersten Mal im Fernsehen. Im Fernsehen geschehen wenige Dinge, sagte mir am Dienstag ein Freund, mit dem ich einen Gin Tonic trank. „Ich wechsle ständig das Programm, um zu sehen, ob jemandem etwas live zustößt.“   Mein Freund ist der Meinung, dass in einem Gerät, das ununterbrochen sendet, mehr Unfälle geschehen sollten. Er versteht nicht, dass die Fernsehnachrichten zu En- de gehen, ohne dass sich ein Scheinwerfer von der Decke gelöst hat. Statt zu hören, was in der Welt geschieht, konzentriert er sich auf das, was den Journalisten passiert, die erzählen, was in der Welt geschieht. „Und es passiert ihnen nie etwas“, sagt er argwöhnisch, als sei dies das Ergebnis einer Verschwörung.   Ich sage ihm, dass es einen Weg gibt, Romane auf ähnliche Weise zu lesen, wie er fernsieht, indem man nicht auf das achtet, was der Erzähler von den Charakteren berichtet, sondern was er uns über sich selbst verrät. „Wenn er zum Beispiel sagt, dass die Stimmung am Abend, an dem der Protago- nist auf die Straße geht, an die Bilder von Velázquez erinnert, muss man annehmen, dass der Erzähler Velázquez kennt und das Museo del Prado besucht hat. Ohne es zu wollen, hat er etwas von sich preisgegeben.“ Mein Freund nickt und fragt, ob der Erzähler vor Beendigung seines Romans auch eines natürlichen oder gewaltsamen Todes sterben könnte. Ich bejahe, wenn auch mit zweifelnder Miene, und er macht eine Geste der Verzweiflung, als würde auch in den Romanen nie etwas Interessantes passieren.   ...
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    02
    März
    2017
      In einigen digitalen Zeitungen steht über den Artikeln die Zeit, die nötig ist, um sie zu lesen. Ist das eine nützliche und wichtige Information? Ich bezweifle es. Nehmen wir an, der Betrachter der "Hoffräulein" von Velázquez wird darüber belehrt, wie lange es dauert, das Bild zu sehen. Es zu sehen geht schnell, aber es anzuschauen dauert länger, manche sind ihr Leben lang damit beschäftigt. Es geht nicht darum, eine einfache Zeitungskolumne mit einem Meisterwerk der Malerei zu vergleichen, aber wer will sich anmaßen, mir ein Lesetempo vorzugeben?     Man will uns glauben machen, dass die Zeit der Lektüre mit der Verarbeitung des Gelesenen übereinstimmt. Bald wird auf dem Buchumschlag des Don Quixote vermerkt sein, wie viele Stunden es dauert, ihn zu lesen. Warum? Um die Leute zu entmutigen, denn Klassiker zu lesen ist nun einmal eine nutzlose Strapaze, wenn man bedenkt, wie unterhaltsam die Tweets von Trump oder deinem Schwager sind. Wenn ich Auto fahre, zum Beispiel nach Asturien, bin ich dankbar für die Schilder, auf denen steht, dass ich gerade die Provinz León verlasse, da sie meiner räumlichen Orientierung dienen. Aber Informationen über die Minuten, die erforderlich sind, um eine Erzählung von Truman Capote zu lesen, geben mir keine zeitliche Orientierung. Sie machen mich wahnsinnig, da ich sie wie einen Befehl empfinde. Sie geben mir zu verstehen, dass ich ein Dummkopf bin, der seine Kräfte nicht richtig einteilen kann.    Ich frage mich, wie viele Menschen, durch diese Angaben entmutigt, Artikel gar nicht erst zu lesen beginnen, die ihr Leben verändern könnten. Der Herausgeber der Zeitung sieht sich unterdessen gezwungen, den Leser darauf hinzuweisen, wie viele Minuten er mit der Lektüre seines eigenen Leitartikels vergeuden wird. Fehlt nur noch, dass er hinzufügt: "Ich habe Sie gewarnt." ...
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    23
    Februar
    2017
    Viel Kongress, viel Rajoy, viel Igle­sias, aber die Wahrheit ist, dass heute auf dem Markt keine Schlange vor dem Obst- und Gemüsestand war. Wegen der Preise. Wegen des Frostes in Griechenland, Italien und Israel und der Stürme in Spanien. Mangold, ein einfaches Gericht, plötzlich unbezahlbar. Ich habe nicht nach seinem Preis gefragt, weil er traurig aussah. Der ganze Markt wirkte freudlos. Wo man die Cents zählen muss, um ein halbes Pfund grüne Bohnen zu kaufen, ist für Kummer gesorgt. Kummer wie im Krieg oder in der Nachkriegszeit. Wir befinden uns in einem Krieg, auch wenn wir uns dessen nicht bewusst sind. Er manifestiert sich in der Auflösung der sozialen Bewegungen, im unerhörten Preis der Artischocken, in den niedrigen Löhnen, der erzwungenen Migration, der wachsenden Kluft zwischen Arm und Reich. Alle 15 Minuten erzählt dir jemand, dass er vergangenes Jahr nicht einmal vier Monate arbeiten konnte; manchmal fünf; manchmal nur ein paar Wochen. Und wovon lebst du? Von der Rente des Großvaters, den Ersparnissen der Eltern, den Armenküchen. Wenn Frost und Stürme solche Auswirkungen auf den Obst- und Gemüsestand in meinem Viertel haben, welche Folgen werden sie erst auf die Flüchtlinge haben, die in Griechenland oder der Türkei im Schlamm schlafen? Wir wissen, wie viel Brokkoli wegen des schlechten Wetters umgekommen ist, die Anzahl der Menschen, die wegen des Frostes ihre Zehen, einen Teil der Nase oder das rechte Ohr verloren haben, ist uns hingegen unbekannt. Wie in allen Kriegen ist die Wahrheit das erste Opfer. Die Informationen betonen das Banale und verbergen den Schrecken, damit die Zivilbevölkerung nicht den Mut verliert. Aber ich kann Folgendes bezeugen: Als ich heute morgen wie ein Kriegskorrespondent an den Obst- und Gemüsestand kam, war niemand da. Und der Mangold weinte grüne Tränen. Was für ein Jammer! ...
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    16
    Februar
    2017
    Ich habe mit Feder und Tinte gelernt zu schreiben. Von dort komme ich, von dieser ein wenig japanisch anmutenden Kalligrafie, bei der der Strich, je nachdem, wie viel Druck man auf das Papier ausübte, breiter oder schmaler wurde. Ich hätte nie gedacht, dass wir ein wenig den Japanern ähnelten, bis ich nach Tokio reiste und feststellte, dass du dort, ohne dir dessen bewusst zu sein, beim Schreibenlernen einen Master in Design absolvierst. Japan hat eine der höchstenJugendselbstmordraten der Welt, und es ist kein Zufall, dass die meisten sich am ersten Schultag nach den Sommerferien das Leben nehmen. Ich frage mich,warum ich mir damals nicht das Leben nahm. Statt mir die Pulsadern zu öffnen, habe ich mein Blut über die Tinte vergossen und mit jedem Großbuchstaben mein Leben gelassen.     Mein Leben teilt sich auf in die Zeit vor und nach dem Kugelschreiber. Eines Tages tauchte dieses seltsame Gerät auf, in dessen Spitze eine winzige Kugel steckte, die die Tinte ohne die Gefahr von Tintenklecksen verteilte. Es hieß, dass es sich um eine militärische Erfindung handelte, die aus der Kaserne Einzug in unseren Alltag gehalten hatte. Durch den transparenten Schaft (den des Bic Cristal) sah man das Blutgefäß, in dem sich das Plasma befand, dessen Pegel im Maße, in dem wir Erzählungen oder Diktate schrieben, fiel.     Während vieler Jahre habe ich mit nichts anderem als mit meinem Bic Cristal geschrieben. Heute gehe ich in einen Papierwarenladen und probiere alle möglichen Modelle aus, aber am Ende nehme ich doch wieder den Bic, der mich von meiner schrecklichen japanischen Kindheit befreite. Gerade habe ich überrascht erfahren, dass 80 Prozent aller produzierten Kugelschreiber aus China stammen. Letzten Endes habe ich mich also doch nicht so weit von dem Punkt entfernt, an dem ich begonnen habe. ...
  • Blog de
    09
    Februar
    2017
    Viele Familien vereinbaren für ihre Zusammenkünfte, nicht über Politik zu sprechen. Auf diese Weise wollen sie sicherstellen, dass kein Streit aufkommt. Zu Weihnachten erzielt diese Abmachung gute Ergebnisse, aber auch bei der goldenen Hochzeit der Großeltern oder der Erstkommunion des Enkels. Ich habe an vielen dieser Treffen teilgenommen, an denen niemals verboten wurde über Literatur, Fußball, Gastronomie oder Molekularbiologie zu sprechen. Nur die Politik ist in der Lage, das Schlechteste aus jedem einzelnen herauszuholen und Familienbande oder Freundschaften, die unverwundbar schienen, zu zerstören. Schauen Sie nur, wie die Liebe zwischen den Podemos-Politikern Iglesias und Errejón zerbrach (wenn sie denn zerbrach). Als sie neulich von den Fotografen des Kongresses in aggressiver Haltung überrascht wurden, haben sie sicherlich nicht über ein Buch oder einen Film diskutiert. Nein, sie sprachen über Politik.   Aber worüber sprechen wir, wenn wir über Politik reden? Natürlich über etwas anderes, worüber genau, weiß ich nicht. Vielleicht darüber, wie ungerecht das Leben zu mir war und wie großzügig zu dir. Wenn zwei Brüder sich streiten, weil der eine den Sozialisten Pedro Sánchez und der andere die Sozialistin Susana Díaz verteidigt, werfen sie einander tatsächlich vor, dass der andere Mamas Liebling war. Der "andere" sind beide, da sich keiner als der Bevorzugte wähnt. Es ist schwer, direkt anzusprechen, welche Stellung man bei den Eltern hatte.   Vielleicht beruhen die Familienzerwürfnisse nicht auf Streitgesprächen über Politik, sondern darauf, dass sich ihre Mitglieder in weit zurückliegenden Zeiten nicht ausreichend von ihren Eltern geliebt oder unterstützt gefühlt haben. Auf jeden Fall sprechen wir, wenn wir über Politik reden, eigentlich über etwas anderes. Worüber? Das ist ein Mysterium.   ...