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Leben

  • Leben

  • Blog de
    16
    Februar
    2017
    Ich habe mit Feder und Tinte gelernt zu schreiben. Von dort komme ich, von dieser ein wenig japanisch anmutenden Kalligrafie, bei der der Strich, je nachdem, wie viel Druck man auf das Papier ausübte, breiter oder schmaler wurde. Ich hätte nie gedacht, dass wir ein wenig den Japanern ähnelten, bis ich nach Tokio reiste und feststellte, dass du dort, ohne dir dessen bewusst zu sein, beim Schreibenlernen einen Master in Design absolvierst. Japan hat eine der höchstenJugendselbstmordraten der Welt, und es ist kein Zufall, dass die meisten sich am ersten Schultag nach den Sommerferien das Leben nehmen. Ich frage mich,warum ich mir damals nicht das Leben nahm. Statt mir die Pulsadern zu öffnen, habe ich mein Blut über die Tinte vergossen und mit jedem Großbuchstaben mein Leben gelassen.     Mein Leben teilt sich auf in die Zeit vor und nach dem Kugelschreiber. Eines Tages tauchte dieses seltsame Gerät auf, in dessen Spitze eine winzige Kugel steckte, die die Tinte ohne die Gefahr von Tintenklecksen verteilte. Es hieß, dass es sich um eine militärische Erfindung handelte, die aus der Kaserne Einzug in unseren Alltag gehalten hatte. Durch den transparenten Schaft (den des Bic Cristal) sah man das Blutgefäß, in dem sich das Plasma befand, dessen Pegel im Maße, in dem wir Erzählungen oder Diktate schrieben, fiel.     Während vieler Jahre habe ich mit nichts anderem als mit meinem Bic Cristal geschrieben. Heute gehe ich in einen Papierwarenladen und probiere alle möglichen Modelle aus, aber am Ende nehme ich doch wieder den Bic, der mich von meiner schrecklichen japanischen Kindheit befreite. Gerade habe ich überrascht erfahren, dass 80 Prozent aller produzierten Kugelschreiber aus China stammen. Letzten Endes habe ich mich also doch nicht so weit von dem Punkt entfernt, an dem ich begonnen habe. ...
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    09
    Februar
    2017
    Viele Familien vereinbaren für ihre Zusammenkünfte, nicht über Politik zu sprechen. Auf diese Weise wollen sie sicherstellen, dass kein Streit aufkommt. Zu Weihnachten erzielt diese Abmachung gute Ergebnisse, aber auch bei der goldenen Hochzeit der Großeltern oder der Erstkommunion des Enkels. Ich habe an vielen dieser Treffen teilgenommen, an denen niemals verboten wurde über Literatur, Fußball, Gastronomie oder Molekularbiologie zu sprechen. Nur die Politik ist in der Lage, das Schlechteste aus jedem einzelnen herauszuholen und Familienbande oder Freundschaften, die unverwundbar schienen, zu zerstören. Schauen Sie nur, wie die Liebe zwischen den Podemos-Politikern Iglesias und Errejón zerbrach (wenn sie denn zerbrach). Als sie neulich von den Fotografen des Kongresses in aggressiver Haltung überrascht wurden, haben sie sicherlich nicht über ein Buch oder einen Film diskutiert. Nein, sie sprachen über Politik.   Aber worüber sprechen wir, wenn wir über Politik reden? Natürlich über etwas anderes, worüber genau, weiß ich nicht. Vielleicht darüber, wie ungerecht das Leben zu mir war und wie großzügig zu dir. Wenn zwei Brüder sich streiten, weil der eine den Sozialisten Pedro Sánchez und der andere die Sozialistin Susana Díaz verteidigt, werfen sie einander tatsächlich vor, dass der andere Mamas Liebling war. Der "andere" sind beide, da sich keiner als der Bevorzugte wähnt. Es ist schwer, direkt anzusprechen, welche Stellung man bei den Eltern hatte.   Vielleicht beruhen die Familienzerwürfnisse nicht auf Streitgesprächen über Politik, sondern darauf, dass sich ihre Mitglieder in weit zurückliegenden Zeiten nicht ausreichend von ihren Eltern geliebt oder unterstützt gefühlt haben. Auf jeden Fall sprechen wir, wenn wir über Politik reden, eigentlich über etwas anderes. Worüber? Das ist ein Mysterium.   ...
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    02
    Februar
    2017
    Unsere nächsten Verwandten im Tierreich, die Primaten, sterben aus, so ein Bericht von 30 Experten aus zwölf Ländern, der im Wissenschaftsjournal "Science Advances" erschien. Bei 75 Prozent unserer Cousins sinken die Bestände ​​und 60 Prozent sind vom Aussterben bedroht, denn wir zerstören ihre natürlichen Lebensräume oder jagen sie, um mit ihrem Gehirn zu experimentieren. Wir sind auch nicht abgeneigt, aus ihren Zähnen Halsketten anzufertigen. Obwohl es um eine Familienangelegenheit geht, sind sie uns egal. 1993 wurde das Great Ape Project ins Leben gerufen, an das wir uns heute kaum erinnern. Gebildete und sensible Menschen aus Wissenschaft und Kultur haben es unterstützt. Das Projekt setzte sich dafür ein, bestimmte Grundrechte auch Schimpansen, Gorillas, Bonobos und Orang-Utans zu gewähren. Sie alle haben uns gelegentlich durch die Gitterstäbe eines Zoos angesehen, und wir haben für sie, wenn auch vorübergehend, Mitleid empfunden, das eigentlich uns selbst galt, das wir aber sofort auf das arme eingesperrte Tier übertrugen. Die Hilflosigkeit unserer Spezies, unter Anzug und Krawatte verborgen, manifestiert sich unverstellt in diesen nahen Verwandten, denen wir das Leben so schwer machen. Ein Freund, der Vegetarier ist, erzählt mir, dass er ganz allmählich das Fleisch weggelassen hat, nachdem er verschiedene Reportagen darüber gelesen und gesehen hat, wie die Tiere, die für den Verzehr bestimmt sind, gehalten werden. Dann, in einem fast natürlichen Prozess, hörte er auch auf, Eier zu essen, weil er einen Dokumentarfilm darüber gesehen hat, wie Hühner einander die Augen aushacken, weil sie in ihren engen Käfigen, in denen sie sich kaum bewegen können, unter Stress geraten. Nun trägt er keine Ledergürtel mehr. Er ist kurz davor, sich vollkommen von uns loszusagen. Denn wir verbreiten Angst und Schrecken.   ...
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    26
    Januar
    2017
    Nach den Enthüllungen über das postfaktische Zeitalter tauchen immer neue Ideen auf, wie man Fake News bekämpfen könnte. Das Problem ist, dass viele echte Nachrichten auch nicht stimmen. Und man kann zudem echte Nachrichten, die stimmen, von denen, die nicht stimmen, nicht unterscheiden. Dass sie auf den Titelseiten erscheinen, ist keine Garantie. Einen Unterschied kann man nur erkennen, wenn man sozial extrem ausgegrenzt oder extrem integriert ist. Ich denke gerade an die Zeit, als der Energiesektor privatisiert wurde und es hieß, dass die Tarife drastisch fallen würden. Das bedeutet, dass wir auch solche Nachrichten erkennen müssen, die zwar kurzfristig wahr sind, mittel- und langfristig aber falsch, Nachrichten, die wie ein Joghurt ein Verfallsdatum haben, auch wenn keiner sich zurzeit traut, sie wie Thunfisch in der Dose zu verkaufen. Es ändert sich alles so schnell, dass wir sogar Fake News sehen, die im Laufe der Tage wahr werden. Die Krise, an der Sie und ich seit einem Jahrzehnt leiden, soll zunächst eine Lüge gewesen sein. So wurde es uns zumindest vermittelt. Es war keine Krise, sondern nur eine leichte Verlangsamung. Jetzt sehen wir, wie sich jene Nachricht entwickelt hat, die damals auf den Titelseiten zu lesen war. Alles ist sehr verwirrend, nicht nur in Politik oder Wirtschaft. Vielleicht ist das, was sie uns als besten Roman des Jahres verkaufen, in fünf Jahren völlig vergessen oder wird als ideologischer Müll verschmäht. Was einer Nachricht Qualität verleiht, ist der Konsens, der auch den Dollar stärkt. Ist der Dollar stark? Ja, weil wir glauben, dass er stark ist. Wahre Nachrichten sind wahr, weil wir glauben, dass sie wahr sind. Das heißt, dass die Bewegung gegen das postfaktische Zeitalter wenig Zukunft hat, wir wissen nicht einmal, ob es wirklich eine Bewegung gibt.   ...
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    19
    Januar
    2017
     Die Welt, ein Kartenhaus. Sehen Sie: Trump verbietet einem Automobilhersteller, sich in Mexiko niederzulassen, und die Weltwirtschaft gerät ins Schwanken. Der Ultraliberalismus schadet uns, der Protektionismus bringt uns um. Traditionelle Mittelklasseberufe werden zunehmend durch Automatisierung ersetzt. Das Überleben der Bourgeoisie, der Unternehmerklasse schlechthin, ist in Gefahr. Wir erleben einen rasanten technologischen Fortschritt kombiniert mit einem galoppierenden sozialen Rückschritt. Der eine geht im Uhrzeigersinn, der andere in die entgegengesetzte Richtung. Vielleicht, da Extreme sich berühren, begegnen sie sich in irgendeiner Zeitzone, vielleicht an einem Dienstag oder Mittwoch, so wie Russland und die USA sich in Gestalt von Trump und Putin getroffen haben, vereint in ihrem Männlichkeitswahn, den wir im Niedergang wähnten und hinter dem sich häufig homosexuelle Leidenschaften verbergen.     "Alice im Wunderland" ist eine Erzählung, die mehr denn je ihre Gültigkeit hat. Alles, was auf einer Seite des Spiegels rechts ist, ist auf der anderen Seite links. Da Russland und die USA Spiegelpartner sind, wissen wir weder, wie die Schmeicheleien Putins Trump gegenüber in Washington, noch wie die von Trump Putin gegenüber in Moskau erscheinen. Seit Wochen, wenn nicht Monaten nähern sich die Lippen von Trump und Putin wie die von Narziss und seinem Spiegelbild einander an. Wenn es wahr ist, dass der russische Tycoon die Wahlen manipulierte, um seinem Freund zu helfen, wird man ihm die Rechnung zahlen müssen.     Die Frage ist, wer sie bezahlen wird. Vielleicht haben die Mexikaner schon damit begonnen. Möglicherweise ist die protektionistische Geste von Trump, die so sehr nach dem Geschmack von Putin ist, die erste Rate. Bei der zweiten sind vielleicht Sie oder ich an der Reihe. Die Welt, ein Kartenhaus. ...
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    12
    Januar
    2017
      Das Krimi-Genre wird immer anspruchsvoller, da der Mörder auf zu vieles achten muss. Bis vor Kurzem reichte es, keine Fingerabdrücke zu hinterlassen. Nun musst du sicherstellen, dass dich keine Kamera aufgenommen hat und du am Tatort nicht gehustet hast. Ich schließe dabei das Handy des Mörders ein, da der Versuchung, sich zu filmen und das Video in die sozialen Netzwerke zu stellen, offenbar kaum widerstanden werden kann. Und was den Husten betrifft, so kann ein einziges Niesen die Wände eines Wohnzimmers mit DNA tapezieren. Es ist fast unmöglich, keine Spur zu hinterlassen. Die fiktiven Mörder haben es schwer.   Vielleicht kann ja die Tatsache, dass eine literarische Gattung an der Realität stirbt, Handlung für einen Krimi sein. Mir kommt der Selbstmord eines Autors in den Sinn, dessen Romane sich nicht mehr verkaufen, da sie niemand mehr glaubt. Wie sollen wir auch glauben, dass der Mörder, bevor er das Haus des Opfers verlässt, in dessen Badezimmer auf Toilette geht? Denn auch wenn er an der Kette gezogen hat, bleiben auf dem Porzellan der Toilette Reste seiner DNA. Man müsste es schon mit Bleichmittel und angehaltenem Atem reinigen, da auch der Atem unsichtbare Substanzen verströmt, die auf dem Toilettendeckel kleben bleiben könnten.   Wenn ich nun ein durch DNA und Überwachungskameras ruinierter Krimiautor wäre, würde ich versuchen, mich an der Wirklichkeit zu rächen. Ich würde meine ganze Kraft daransetzen, die Realität zu demontieren. Mit einem Schuss in die Schläfe und dem Versuch, nach dem Tod weder zu husten, noch auf Toilette zu gehen. All dies kommt mir in den Sinn, da ein Schüler der Schreibwerkstatt gesagt hat, er wolle Krimis schreiben und daraufhin von den anderen aus oben dargelegten Gründen ausgelacht wurde. Aber wer würde es wagen, ihn zu einem Schuss in die Schläfe zu überreden?   ...
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    05
    Januar
    2017
    Wenn die Ratten aus ihren Löchern flüchten, verspricht das nichts Gutes. Einer der berühmtesten Romane von Camus, „Die Pest“, beginnt so. Eines Tages geht jemand aus seiner Wohnung und trifft im Hausflur auf einen dieser Nager. Es gibt ein stillschweigendes Übereinkommen zwischen Menschen und Ratten, nicht in das Territorium der anderen einzudringen. Wir brechen es häufiger als sie, nicht um sie auszurotten, was fast unmöglich ist, sondern damit ihr Bestand stabil bleibt und sie nicht ihre Nischen auf der Suche nach Nahrung verlassen müssen. Es wäre ein Skandal, wenn zu Beginn einer Arbeitswoche eine Rattenfamilie die Hauptstraße irgendeiner Stadt überqueren würde. Nun waren vor Kurzem nachts gegen halb zwei ein paar Leute in Madrid unterwegs, als etwas im Inneren eines Geschäftes ihre Aufmerksamkeit erregte. Das Geschäft war eine Bäckerei, auf dessen Auslage in aller Seelenruhe einige Ratten promenierten. Die Leute filmten sie, meldeten den Fall, und er gelangte an die Öffentlichkeit, wo er für großes Aufsehen sorgte. Wir assoziieren Ratten mit Massensterben. Wenn die Ratten, wo auch immer sie leben, herauskommen, schläft niemand ruhig. Sie stellen etwas dar, was uns betrifft, vielleicht etwas, was mit unseren entferntesten Anfängen zu tun hat: etwas, vor dem wir seit Beginn aller Zeiten fliehen. Eine Ratte in einer Bäckerei lässt selbst die Beherrschtesten unter uns erschaudern. Die Polizei geht dem Fall nach. Ratten und Menschen leben nur am Rande der Wirklichkeit zusammen. Dort, wohin die gesellschaftliche Maschinerie diejenigen ausstößt, die sich nicht anpassen, dort, wo die Ratten auf den Körpern schlafender Kinder spazieren gehen. Die Mischung von Kindern und Ratten erschreckt uns, deshalb kommt sie häufig in Horrorgeschichten vor. Aber das, was ich Ihnen hier erzählt habe, ist eine Meldung.       ...
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    02
    Januar
    2017
      In der Schreibwerkstatt erzählt eine Schülerin die Geschichte ihres Onkels, der seine Witwe heiratete. "In unserer Familie sagten wir, er habe seine Witwe geheiratet", erklärt sie, "da er ein Mädchen zur Frau nahm, das 40 Jahre jünger war als er." Doch wie das Leben so spielt, das Mädchen starb vor ihm, und machte ihn zum Witwer seiner eigenen Witwe. "Deshalb ist mein Onkel", fügt die Schülerin hinzu, "ein besonderer Witwer, sozusagen ein doppelter Witwer. Ich würde gern einen Roman über ihn schreiben, weiß aber nicht, wie ich es anstellen soll."     Alle schauen mich an, aber ich weiß nicht, was ich sagen soll. In letzter Zeit weiß ich nie, was ich sagen soll. Ich bin überrascht, dass es Menschen gibt, die schreiben wollen, wo es doch so schwer und unbefriedigend ist. Um das Schweigen zu brechen, frage ich die Schülerin, ob ihr Onkel noch lebe, was sie bejaht. Er wurde mit 70 Jahren Witwer seiner Witwe (jetzt ist er 75) und geht seither kaum aus dem Haus, wo er den ganzen Tag fernsieht. "Ich weiß nicht", sage ich schließlich, "es ist unmöglich zu wissen, ob da eine Geschichte ist. Was du uns erzählt hast, ist eine amüsante Anekdote, mehr nicht. Ein Roman ist etwas anderes."     Während ich spreche, bemerke ich, wie der Hass meiner Schülerin mir gegenüber wächst. Es ist immer das Gleiche. Sie bitten dich um deine Meinung, du gibst sie, und sie reagieren mit unendlichem Hass. Künstler, oder solche, die es werden wollen, sind empfindlich. Du kannst sie mit einer ablehnenden Meinung zerstören. Ich selbst bin mehrmals Opfer dieser Zerstörung gewesen. Die Fähigkeit, sie zu überwinden, gibt eine Vorstellung von schöpferischem Willen. Die Stunde geht zu Ende. In der Woche darauf kommt die Schülerin, die uns die Geschichte ihres Onkels erzählt hat, nicht mehr. Sie hat die Niederlage nicht überwunden. ...
  • Blog de
    22
    Dezember
    2016
      Wenn ich Zeitung lese, notiere ich, was meine Aufmerksamkeit erregt. Heute erregt nichts meine Aufmerksamkeit und so gehe ich raus, um eine Runde zu drehen. Ich setze mich in ein Café in die Nähe eines Mannes und einer Frau, die verliebt zu sein scheinen. Ich beobachte sie verstohlen und entdecke, dass beide am Handgelenk tätowiert sind (sie mit einer Steckdose und er mit einem Stecker). Wenn sie sich die Hand geben, scheint Strom zwischen ihnen zu fließen. Kurz nachdem die beiden gegangen sind, frage ich mich, ob diese Art von Tattoos normal ist oder ob ich gerade eine Ausnahme gesehen habe. Ich gebe den Suchbegriff "Paar-Tattoos" in mein Smartphone ein.     Es gibt sie! Sie sind normal! Ich sehe ein Foto mit zwei Armen, dem eines Mannes und dem einer Frau, auf denen die beiden Hälften einer Avocado zu sehen sind. Die halbe Frucht auf dem Arm des Mädchens trägt den Kern, während die des Jungen den entsprechenden Hohlraum zeigt. Ich scrolle weiter und sehe zwei Hände mit halben Herzen, die sich zu einem zusammenfügen, wenn die Hände sich vereinen. Auf der Innenseite des Oberschenkels einer Frau ist ein Streichholz und auf dem des Mannes sind ein paar zu einem Lagerfeuer aufgeschichtete Holzscheite. Ich entdecke auch Gedichte oder Sätze, die auf einem Körper beginnen und auf dem anderen enden. Je mehr Bilder ich betrachte, desto besser wird meine Laune.     Zu Hause gehe ich noch einmal die Zeitungen durch und stolpere über ein Interview, in dem der Arzt Josep Tabernero sagt, dass "das Gehirn besser funktioniert, wenn es zufrieden ist". Das lässt mich über den Unterschied von Gehirn und Geist nachdenken. Ich kehre zu Google zurück und lese begeistert ein paar Artikel zu dem Thema. Um die Mittagszeit fühle ich mich wie erneuert. Und das alles dank ein paar Tattoos, die meine Lebensgeister geweckt haben. ...
  • Blog de
    15
    Dezember
    2016
      Es gibt Menschen, die die Relativitätstheorie beim besten Willen nicht verstehen. Oder sie verstehen sie eine Sekunde lang, und dann entfällt sie ihnen wieder. So geht es mir. Nicht nur mit der Relativitätstheorie, sondern mit unendlich vielen wissenschaftlichen oder literarischen Fragen, die ich, obwohl sie mich interessieren, einfach nicht begreifen kann. Nicht alles ist eine Frage des Willens, der Anstrengung, es ist auch eine Frage des Könnens. Manchmal kann man nicht. Der Kampf gegen das, was man nicht kann, ist anstrengend, aber er verschafft uns mentalen Nutzen. Von den verlorenen intellektuellen Kämpfen bleibt immer etwas zurück. Das Gefühl, verloren zu haben, ist schon etwas. Von der Depression aus kann man eine Reise in Richtung Euphorie antreten. Aber von der Euphorie aus, wohin geht man da?    Beispiel Zeitung. Wer versteht sie? Wer kann nach der Lektüre von vier oder fünf Tageszeitungen sagen, dass er die Realität versteht? Die politischen Beobachter beteuern, sie zu verstehen, aber ich habe ernste Zweifel. Besagte Beobachter erklären uns seit Tagen die Gründe für den Fall von Renzi, die sie mit dem Brexit in Zusammenhang bringen und mit der Zunahme des Populismus in Europa. Wenn wir die gemeinsamen Punkte solcher Ereignisse miteinander verbinden würden, so sagen sie, entstünde ein Bild. Ich habe sie miteinan­der verbunden und kann nichts erkennen. Und trotzdem lese ich weiterhin Leitartikel.     Nie wurde so viel über die Realität gesprochen wie jetzt. Was über die Realität gesprochen wird, nimmt mehr Platz ein als die Realität selbst. Die Realität und ich. Was für eine ewig vergebliche Anstrengung, mich in sie einzufügen. Aber von diesem Scheitern bleibt immer etwas zurück: der Wunsch, es erneut zu versuchen, ein wenig in der Art von Fliegen, die gegen Scheiben fliegen.   ...