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Leben

  • Leben

  • Blog de
    02
    März
    2017
      In einigen digitalen Zeitungen steht über den Artikeln die Zeit, die nötig ist, um sie zu lesen. Ist das eine nützliche und wichtige Information? Ich bezweifle es. Nehmen wir an, der Betrachter der "Hoffräulein" von Velázquez wird darüber belehrt, wie lange es dauert, das Bild zu sehen. Es zu sehen geht schnell, aber es anzuschauen dauert länger, manche sind ihr Leben lang damit beschäftigt. Es geht nicht darum, eine einfache Zeitungskolumne mit einem Meisterwerk der Malerei zu vergleichen, aber wer will sich anmaßen, mir ein Lesetempo vorzugeben?     Man will uns glauben machen, dass die Zeit der Lektüre mit der Verarbeitung des Gelesenen übereinstimmt. Bald wird auf dem Buchumschlag des Don Quixote vermerkt sein, wie viele Stunden es dauert, ihn zu lesen. Warum? Um die Leute zu entmutigen, denn Klassiker zu lesen ist nun einmal eine nutzlose Strapaze, wenn man bedenkt, wie unterhaltsam die Tweets von Trump oder deinem Schwager sind. Wenn ich Auto fahre, zum Beispiel nach Asturien, bin ich dankbar für die Schilder, auf denen steht, dass ich gerade die Provinz León verlasse, da sie meiner räumlichen Orientierung dienen. Aber Informationen über die Minuten, die erforderlich sind, um eine Erzählung von Truman Capote zu lesen, geben mir keine zeitliche Orientierung. Sie machen mich wahnsinnig, da ich sie wie einen Befehl empfinde. Sie geben mir zu verstehen, dass ich ein Dummkopf bin, der seine Kräfte nicht richtig einteilen kann.    Ich frage mich, wie viele Menschen, durch diese Angaben entmutigt, Artikel gar nicht erst zu lesen beginnen, die ihr Leben verändern könnten. Der Herausgeber der Zeitung sieht sich unterdessen gezwungen, den Leser darauf hinzuweisen, wie viele Minuten er mit der Lektüre seines eigenen Leitartikels vergeuden wird. Fehlt nur noch, dass er hinzufügt: "Ich habe Sie gewarnt." ...
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    23
    Februar
    2017
    Viel Kongress, viel Rajoy, viel Igle­sias, aber die Wahrheit ist, dass heute auf dem Markt keine Schlange vor dem Obst- und Gemüsestand war. Wegen der Preise. Wegen des Frostes in Griechenland, Italien und Israel und der Stürme in Spanien. Mangold, ein einfaches Gericht, plötzlich unbezahlbar. Ich habe nicht nach seinem Preis gefragt, weil er traurig aussah. Der ganze Markt wirkte freudlos. Wo man die Cents zählen muss, um ein halbes Pfund grüne Bohnen zu kaufen, ist für Kummer gesorgt. Kummer wie im Krieg oder in der Nachkriegszeit. Wir befinden uns in einem Krieg, auch wenn wir uns dessen nicht bewusst sind. Er manifestiert sich in der Auflösung der sozialen Bewegungen, im unerhörten Preis der Artischocken, in den niedrigen Löhnen, der erzwungenen Migration, der wachsenden Kluft zwischen Arm und Reich. Alle 15 Minuten erzählt dir jemand, dass er vergangenes Jahr nicht einmal vier Monate arbeiten konnte; manchmal fünf; manchmal nur ein paar Wochen. Und wovon lebst du? Von der Rente des Großvaters, den Ersparnissen der Eltern, den Armenküchen. Wenn Frost und Stürme solche Auswirkungen auf den Obst- und Gemüsestand in meinem Viertel haben, welche Folgen werden sie erst auf die Flüchtlinge haben, die in Griechenland oder der Türkei im Schlamm schlafen? Wir wissen, wie viel Brokkoli wegen des schlechten Wetters umgekommen ist, die Anzahl der Menschen, die wegen des Frostes ihre Zehen, einen Teil der Nase oder das rechte Ohr verloren haben, ist uns hingegen unbekannt. Wie in allen Kriegen ist die Wahrheit das erste Opfer. Die Informationen betonen das Banale und verbergen den Schrecken, damit die Zivilbevölkerung nicht den Mut verliert. Aber ich kann Folgendes bezeugen: Als ich heute morgen wie ein Kriegskorrespondent an den Obst- und Gemüsestand kam, war niemand da. Und der Mangold weinte grüne Tränen. Was für ein Jammer! ...
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    16
    Februar
    2017
    Ich habe mit Feder und Tinte gelernt zu schreiben. Von dort komme ich, von dieser ein wenig japanisch anmutenden Kalligrafie, bei der der Strich, je nachdem, wie viel Druck man auf das Papier ausübte, breiter oder schmaler wurde. Ich hätte nie gedacht, dass wir ein wenig den Japanern ähnelten, bis ich nach Tokio reiste und feststellte, dass du dort, ohne dir dessen bewusst zu sein, beim Schreibenlernen einen Master in Design absolvierst. Japan hat eine der höchstenJugendselbstmordraten der Welt, und es ist kein Zufall, dass die meisten sich am ersten Schultag nach den Sommerferien das Leben nehmen. Ich frage mich,warum ich mir damals nicht das Leben nahm. Statt mir die Pulsadern zu öffnen, habe ich mein Blut über die Tinte vergossen und mit jedem Großbuchstaben mein Leben gelassen.     Mein Leben teilt sich auf in die Zeit vor und nach dem Kugelschreiber. Eines Tages tauchte dieses seltsame Gerät auf, in dessen Spitze eine winzige Kugel steckte, die die Tinte ohne die Gefahr von Tintenklecksen verteilte. Es hieß, dass es sich um eine militärische Erfindung handelte, die aus der Kaserne Einzug in unseren Alltag gehalten hatte. Durch den transparenten Schaft (den des Bic Cristal) sah man das Blutgefäß, in dem sich das Plasma befand, dessen Pegel im Maße, in dem wir Erzählungen oder Diktate schrieben, fiel.     Während vieler Jahre habe ich mit nichts anderem als mit meinem Bic Cristal geschrieben. Heute gehe ich in einen Papierwarenladen und probiere alle möglichen Modelle aus, aber am Ende nehme ich doch wieder den Bic, der mich von meiner schrecklichen japanischen Kindheit befreite. Gerade habe ich überrascht erfahren, dass 80 Prozent aller produzierten Kugelschreiber aus China stammen. Letzten Endes habe ich mich also doch nicht so weit von dem Punkt entfernt, an dem ich begonnen habe. ...
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    09
    Februar
    2017
    Viele Familien vereinbaren für ihre Zusammenkünfte, nicht über Politik zu sprechen. Auf diese Weise wollen sie sicherstellen, dass kein Streit aufkommt. Zu Weihnachten erzielt diese Abmachung gute Ergebnisse, aber auch bei der goldenen Hochzeit der Großeltern oder der Erstkommunion des Enkels. Ich habe an vielen dieser Treffen teilgenommen, an denen niemals verboten wurde über Literatur, Fußball, Gastronomie oder Molekularbiologie zu sprechen. Nur die Politik ist in der Lage, das Schlechteste aus jedem einzelnen herauszuholen und Familienbande oder Freundschaften, die unverwundbar schienen, zu zerstören. Schauen Sie nur, wie die Liebe zwischen den Podemos-Politikern Iglesias und Errejón zerbrach (wenn sie denn zerbrach). Als sie neulich von den Fotografen des Kongresses in aggressiver Haltung überrascht wurden, haben sie sicherlich nicht über ein Buch oder einen Film diskutiert. Nein, sie sprachen über Politik.   Aber worüber sprechen wir, wenn wir über Politik reden? Natürlich über etwas anderes, worüber genau, weiß ich nicht. Vielleicht darüber, wie ungerecht das Leben zu mir war und wie großzügig zu dir. Wenn zwei Brüder sich streiten, weil der eine den Sozialisten Pedro Sánchez und der andere die Sozialistin Susana Díaz verteidigt, werfen sie einander tatsächlich vor, dass der andere Mamas Liebling war. Der "andere" sind beide, da sich keiner als der Bevorzugte wähnt. Es ist schwer, direkt anzusprechen, welche Stellung man bei den Eltern hatte.   Vielleicht beruhen die Familienzerwürfnisse nicht auf Streitgesprächen über Politik, sondern darauf, dass sich ihre Mitglieder in weit zurückliegenden Zeiten nicht ausreichend von ihren Eltern geliebt oder unterstützt gefühlt haben. Auf jeden Fall sprechen wir, wenn wir über Politik reden, eigentlich über etwas anderes. Worüber? Das ist ein Mysterium.   ...
  • Blog de
    02
    Februar
    2017
    Unsere nächsten Verwandten im Tierreich, die Primaten, sterben aus, so ein Bericht von 30 Experten aus zwölf Ländern, der im Wissenschaftsjournal "Science Advances" erschien. Bei 75 Prozent unserer Cousins sinken die Bestände ​​und 60 Prozent sind vom Aussterben bedroht, denn wir zerstören ihre natürlichen Lebensräume oder jagen sie, um mit ihrem Gehirn zu experimentieren. Wir sind auch nicht abgeneigt, aus ihren Zähnen Halsketten anzufertigen. Obwohl es um eine Familienangelegenheit geht, sind sie uns egal. 1993 wurde das Great Ape Project ins Leben gerufen, an das wir uns heute kaum erinnern. Gebildete und sensible Menschen aus Wissenschaft und Kultur haben es unterstützt. Das Projekt setzte sich dafür ein, bestimmte Grundrechte auch Schimpansen, Gorillas, Bonobos und Orang-Utans zu gewähren. Sie alle haben uns gelegentlich durch die Gitterstäbe eines Zoos angesehen, und wir haben für sie, wenn auch vorübergehend, Mitleid empfunden, das eigentlich uns selbst galt, das wir aber sofort auf das arme eingesperrte Tier übertrugen. Die Hilflosigkeit unserer Spezies, unter Anzug und Krawatte verborgen, manifestiert sich unverstellt in diesen nahen Verwandten, denen wir das Leben so schwer machen. Ein Freund, der Vegetarier ist, erzählt mir, dass er ganz allmählich das Fleisch weggelassen hat, nachdem er verschiedene Reportagen darüber gelesen und gesehen hat, wie die Tiere, die für den Verzehr bestimmt sind, gehalten werden. Dann, in einem fast natürlichen Prozess, hörte er auch auf, Eier zu essen, weil er einen Dokumentarfilm darüber gesehen hat, wie Hühner einander die Augen aushacken, weil sie in ihren engen Käfigen, in denen sie sich kaum bewegen können, unter Stress geraten. Nun trägt er keine Ledergürtel mehr. Er ist kurz davor, sich vollkommen von uns loszusagen. Denn wir verbreiten Angst und Schrecken.   ...
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    26
    Januar
    2017
    Nach den Enthüllungen über das postfaktische Zeitalter tauchen immer neue Ideen auf, wie man Fake News bekämpfen könnte. Das Problem ist, dass viele echte Nachrichten auch nicht stimmen. Und man kann zudem echte Nachrichten, die stimmen, von denen, die nicht stimmen, nicht unterscheiden. Dass sie auf den Titelseiten erscheinen, ist keine Garantie. Einen Unterschied kann man nur erkennen, wenn man sozial extrem ausgegrenzt oder extrem integriert ist. Ich denke gerade an die Zeit, als der Energiesektor privatisiert wurde und es hieß, dass die Tarife drastisch fallen würden. Das bedeutet, dass wir auch solche Nachrichten erkennen müssen, die zwar kurzfristig wahr sind, mittel- und langfristig aber falsch, Nachrichten, die wie ein Joghurt ein Verfallsdatum haben, auch wenn keiner sich zurzeit traut, sie wie Thunfisch in der Dose zu verkaufen. Es ändert sich alles so schnell, dass wir sogar Fake News sehen, die im Laufe der Tage wahr werden. Die Krise, an der Sie und ich seit einem Jahrzehnt leiden, soll zunächst eine Lüge gewesen sein. So wurde es uns zumindest vermittelt. Es war keine Krise, sondern nur eine leichte Verlangsamung. Jetzt sehen wir, wie sich jene Nachricht entwickelt hat, die damals auf den Titelseiten zu lesen war. Alles ist sehr verwirrend, nicht nur in Politik oder Wirtschaft. Vielleicht ist das, was sie uns als besten Roman des Jahres verkaufen, in fünf Jahren völlig vergessen oder wird als ideologischer Müll verschmäht. Was einer Nachricht Qualität verleiht, ist der Konsens, der auch den Dollar stärkt. Ist der Dollar stark? Ja, weil wir glauben, dass er stark ist. Wahre Nachrichten sind wahr, weil wir glauben, dass sie wahr sind. Das heißt, dass die Bewegung gegen das postfaktische Zeitalter wenig Zukunft hat, wir wissen nicht einmal, ob es wirklich eine Bewegung gibt.   ...
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    19
    Januar
    2017
     Die Welt, ein Kartenhaus. Sehen Sie: Trump verbietet einem Automobilhersteller, sich in Mexiko niederzulassen, und die Weltwirtschaft gerät ins Schwanken. Der Ultraliberalismus schadet uns, der Protektionismus bringt uns um. Traditionelle Mittelklasseberufe werden zunehmend durch Automatisierung ersetzt. Das Überleben der Bourgeoisie, der Unternehmerklasse schlechthin, ist in Gefahr. Wir erleben einen rasanten technologischen Fortschritt kombiniert mit einem galoppierenden sozialen Rückschritt. Der eine geht im Uhrzeigersinn, der andere in die entgegengesetzte Richtung. Vielleicht, da Extreme sich berühren, begegnen sie sich in irgendeiner Zeitzone, vielleicht an einem Dienstag oder Mittwoch, so wie Russland und die USA sich in Gestalt von Trump und Putin getroffen haben, vereint in ihrem Männlichkeitswahn, den wir im Niedergang wähnten und hinter dem sich häufig homosexuelle Leidenschaften verbergen.     "Alice im Wunderland" ist eine Erzählung, die mehr denn je ihre Gültigkeit hat. Alles, was auf einer Seite des Spiegels rechts ist, ist auf der anderen Seite links. Da Russland und die USA Spiegelpartner sind, wissen wir weder, wie die Schmeicheleien Putins Trump gegenüber in Washington, noch wie die von Trump Putin gegenüber in Moskau erscheinen. Seit Wochen, wenn nicht Monaten nähern sich die Lippen von Trump und Putin wie die von Narziss und seinem Spiegelbild einander an. Wenn es wahr ist, dass der russische Tycoon die Wahlen manipulierte, um seinem Freund zu helfen, wird man ihm die Rechnung zahlen müssen.     Die Frage ist, wer sie bezahlen wird. Vielleicht haben die Mexikaner schon damit begonnen. Möglicherweise ist die protektionistische Geste von Trump, die so sehr nach dem Geschmack von Putin ist, die erste Rate. Bei der zweiten sind vielleicht Sie oder ich an der Reihe. Die Welt, ein Kartenhaus. ...
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    12
    Januar
    2017
      Das Krimi-Genre wird immer anspruchsvoller, da der Mörder auf zu vieles achten muss. Bis vor Kurzem reichte es, keine Fingerabdrücke zu hinterlassen. Nun musst du sicherstellen, dass dich keine Kamera aufgenommen hat und du am Tatort nicht gehustet hast. Ich schließe dabei das Handy des Mörders ein, da der Versuchung, sich zu filmen und das Video in die sozialen Netzwerke zu stellen, offenbar kaum widerstanden werden kann. Und was den Husten betrifft, so kann ein einziges Niesen die Wände eines Wohnzimmers mit DNA tapezieren. Es ist fast unmöglich, keine Spur zu hinterlassen. Die fiktiven Mörder haben es schwer.   Vielleicht kann ja die Tatsache, dass eine literarische Gattung an der Realität stirbt, Handlung für einen Krimi sein. Mir kommt der Selbstmord eines Autors in den Sinn, dessen Romane sich nicht mehr verkaufen, da sie niemand mehr glaubt. Wie sollen wir auch glauben, dass der Mörder, bevor er das Haus des Opfers verlässt, in dessen Badezimmer auf Toilette geht? Denn auch wenn er an der Kette gezogen hat, bleiben auf dem Porzellan der Toilette Reste seiner DNA. Man müsste es schon mit Bleichmittel und angehaltenem Atem reinigen, da auch der Atem unsichtbare Substanzen verströmt, die auf dem Toilettendeckel kleben bleiben könnten.   Wenn ich nun ein durch DNA und Überwachungskameras ruinierter Krimiautor wäre, würde ich versuchen, mich an der Wirklichkeit zu rächen. Ich würde meine ganze Kraft daransetzen, die Realität zu demontieren. Mit einem Schuss in die Schläfe und dem Versuch, nach dem Tod weder zu husten, noch auf Toilette zu gehen. All dies kommt mir in den Sinn, da ein Schüler der Schreibwerkstatt gesagt hat, er wolle Krimis schreiben und daraufhin von den anderen aus oben dargelegten Gründen ausgelacht wurde. Aber wer würde es wagen, ihn zu einem Schuss in die Schläfe zu überreden?   ...
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    05
    Januar
    2017
    Wenn die Ratten aus ihren Löchern flüchten, verspricht das nichts Gutes. Einer der berühmtesten Romane von Camus, „Die Pest“, beginnt so. Eines Tages geht jemand aus seiner Wohnung und trifft im Hausflur auf einen dieser Nager. Es gibt ein stillschweigendes Übereinkommen zwischen Menschen und Ratten, nicht in das Territorium der anderen einzudringen. Wir brechen es häufiger als sie, nicht um sie auszurotten, was fast unmöglich ist, sondern damit ihr Bestand stabil bleibt und sie nicht ihre Nischen auf der Suche nach Nahrung verlassen müssen. Es wäre ein Skandal, wenn zu Beginn einer Arbeitswoche eine Rattenfamilie die Hauptstraße irgendeiner Stadt überqueren würde. Nun waren vor Kurzem nachts gegen halb zwei ein paar Leute in Madrid unterwegs, als etwas im Inneren eines Geschäftes ihre Aufmerksamkeit erregte. Das Geschäft war eine Bäckerei, auf dessen Auslage in aller Seelenruhe einige Ratten promenierten. Die Leute filmten sie, meldeten den Fall, und er gelangte an die Öffentlichkeit, wo er für großes Aufsehen sorgte. Wir assoziieren Ratten mit Massensterben. Wenn die Ratten, wo auch immer sie leben, herauskommen, schläft niemand ruhig. Sie stellen etwas dar, was uns betrifft, vielleicht etwas, was mit unseren entferntesten Anfängen zu tun hat: etwas, vor dem wir seit Beginn aller Zeiten fliehen. Eine Ratte in einer Bäckerei lässt selbst die Beherrschtesten unter uns erschaudern. Die Polizei geht dem Fall nach. Ratten und Menschen leben nur am Rande der Wirklichkeit zusammen. Dort, wohin die gesellschaftliche Maschinerie diejenigen ausstößt, die sich nicht anpassen, dort, wo die Ratten auf den Körpern schlafender Kinder spazieren gehen. Die Mischung von Kindern und Ratten erschreckt uns, deshalb kommt sie häufig in Horrorgeschichten vor. Aber das, was ich Ihnen hier erzählt habe, ist eine Meldung.       ...
  • Blog de
    02
    Januar
    2017
      In der Schreibwerkstatt erzählt eine Schülerin die Geschichte ihres Onkels, der seine Witwe heiratete. "In unserer Familie sagten wir, er habe seine Witwe geheiratet", erklärt sie, "da er ein Mädchen zur Frau nahm, das 40 Jahre jünger war als er." Doch wie das Leben so spielt, das Mädchen starb vor ihm, und machte ihn zum Witwer seiner eigenen Witwe. "Deshalb ist mein Onkel", fügt die Schülerin hinzu, "ein besonderer Witwer, sozusagen ein doppelter Witwer. Ich würde gern einen Roman über ihn schreiben, weiß aber nicht, wie ich es anstellen soll."     Alle schauen mich an, aber ich weiß nicht, was ich sagen soll. In letzter Zeit weiß ich nie, was ich sagen soll. Ich bin überrascht, dass es Menschen gibt, die schreiben wollen, wo es doch so schwer und unbefriedigend ist. Um das Schweigen zu brechen, frage ich die Schülerin, ob ihr Onkel noch lebe, was sie bejaht. Er wurde mit 70 Jahren Witwer seiner Witwe (jetzt ist er 75) und geht seither kaum aus dem Haus, wo er den ganzen Tag fernsieht. "Ich weiß nicht", sage ich schließlich, "es ist unmöglich zu wissen, ob da eine Geschichte ist. Was du uns erzählt hast, ist eine amüsante Anekdote, mehr nicht. Ein Roman ist etwas anderes."     Während ich spreche, bemerke ich, wie der Hass meiner Schülerin mir gegenüber wächst. Es ist immer das Gleiche. Sie bitten dich um deine Meinung, du gibst sie, und sie reagieren mit unendlichem Hass. Künstler, oder solche, die es werden wollen, sind empfindlich. Du kannst sie mit einer ablehnenden Meinung zerstören. Ich selbst bin mehrmals Opfer dieser Zerstörung gewesen. Die Fähigkeit, sie zu überwinden, gibt eine Vorstellung von schöpferischem Willen. Die Stunde geht zu Ende. In der Woche darauf kommt die Schülerin, die uns die Geschichte ihres Onkels erzählt hat, nicht mehr. Sie hat die Niederlage nicht überwunden. ...