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Blog Ingos Welt - Ingothor

Ingothor

In Argentinien aufgewachsen und als Erwachsener nach Deutschland gekommen, zog es Ingo Thor alsbald wieder weg aus diesem mitteleuropäischen Staat nach Spanien.

Über diesen Blog | Gesellschaft

Hier finden sich meist vergnüglich-abseitige Betrachtungen aus dem täglichen Leben auf dieser doch sehr vielschichtigen Insel.


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  • 23
    Januar
    2018

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    Mallorca Gesellschaft

    Manolo

    Ich sitze an einem Tisch in einem mehr als überschaubaren ebenerdigen Raum, draußen rauscht der Verkehr vorbei. Es ist Mittag, um mich herum ist alles voll im Plebeyer-Restaurant Las Palmas in Palma. Arbeiter vom Reinigungsbetrieb Emaya, Bankangestellte, krakeelende Hausfrauen, schweigende Rentner, auch teils mit Knollennasen versehene Männer, die ob ihres herben kreatürlichen Daherkommens  jedem Wilhelm-Busch-Band alle Ehre machen würden. Sie alle haben heute hierhin gefunden, weil es hier ein dreigängiges Mittagsmenü für 8.50 Euro inklusive Wein gibt.

     

    Das wilde und laute Stimmengewirr und der direkt ins Stammhirn emporsteigende Rotwein katapultieren mich behende in einen Zustand zwischen Wachsein und Traum. Ich bemerke: Kellner wuseln, viele Gäste lachen sich ihre Seelen aus dem Leib, und an der Wand hängen Uhren, Uhren, Uhren. Und keine einzige Uhr – das bekomme ich noch im Wachzustand mit – funktioniert, jede zeigt eine andere Zeit an.

     

    Ja ja, das ist wohl der Humor von Manolo, dem Besitzer des augenscheinlich gut laufenden Ladens. Ich lache fast ein bisschen wimmernd vor mich ihn und starre kurzzeitig an die Decke... Manolo schreit jedem Gast in Sekundenschnelle blitzschnell ins Ohr, was es heute gibt. Wer das nicht mitbekommt oder nicht versteht, hat versagt. Ich für meinen Teil erlaube mir, gekochtes Gemüse und Leber zu bestellen. Ich ziehe Leber Hühnchen oder Hasenfleisch vor, weil ich nicht auf Knochen beißen muss. Manolo schafft es, zielsicher hinkend durch die Stuhlreihen zu rennen. Und er pfeift und singt zuweilen dazu.

     

    Nach einigen weiteren Minuten des Sitzens, Speisens und leisen Rülpsens im Las Palmas überantworte ich mich vollständig der Traumwelt: Auf einmal ist mir, als würden außerdirdische Wesen an den Tischen sitzen. Einäugige grüne Pferde, zitronengelbe Schwellköpfe, Rieseninsekten mit Glubschaugen. Es sind Kreaturen, wie ich sie in Barszenen in Star-Wars-Filmen oft sah. Ich bemerke, wie  Manolo weiter hinkend rennt, und fokussiere eines der einäugigen grünen Pferde. Und dann ist mir, als würde mich ein Erweckungsrerlebnis durchzucken. Ich wünsche mir aus tiefster Seele, dass Yoda kommt. Dass er dem grünen Pferd seine Meinung geigt und mit mir spricht. Ich stehe auf und schreie in den Raum: "Yoda, ich will mit dir Wein trinken." Die Hausfrauen, Emaya-Männer und Rentner bemerken mich nicht und reden einfach weiter. Ich ärgere mich, dass Yoda nicht auftaucht und spreche Manolo an. "Manolo, du kennst Yoda doch, hol' ihn her", raune ich ihm zu. Er hört mich nicht. Stattdessen pfeift er und singt. 

     

    Ich setze mich wieder, und auf einmal sind die einäugigen grüne Pferde weg. Und auch die zitronengelben Schwellköpfe und glubschäugigen Insekten sehe ich nicht mehr. Ich stelle fest: Der Wein wirkt wohl nicht mehr. Ich schüttele meinen Haarschopf von rechts nach links und von links nach recnts, starre kurzzeitig an die Decke, zahle und gehe hinaus. 

     

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