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Blog Mallorcapriolen - Heinz Joachim Rogel

Heinz Joachim Rogel

In allem schwach. Besonders im Schreiben von Satiren.

Über diesen Blog | Leben

Die Wahrscheinlichkeit, dass eine bestimmte Person dumm ist, besteht unabhängig von jeder anderen Eigenschaft dieser Person.


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  • 05
    April
    2018

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    Mallorca Leben Touristen Kreuzfahrtschiffe

    Die Kreuzfahrer kommen!

     

    Die Kreuzfahrer kommen!

    GESCHUBSE, GEDRÄNGE, GEWOGE

     

    Volkers Gattin will heute ihren neuen Personalausweis abholen, also ist Volker mit ihr nach Palma getuckert. Die Befürchtung, dass man ihr den Ausweis wegen fehlender Unterlagen nicht aushändigen würde, ist unbegründet. Glücklich betrachtet sie ihr biometrisch abgelichtetes, vorschriftsmäßig ernst dreinblickendes Konterfei.

     

    Dann machen die beiden sich auf in Richtung Altstadt, denn Volkers Gattin möchte heute nachholen, was seit Jahren auf ihrer To-do-Liste steht: die Besichtigung der Kathedrale auch mal von innen. In einem Café legen sie eine Rast ein, denn Volkers Gattin hat ihre kürzlich erworbenen Schuhe noch nicht eingelaufen. Der Kellner beweist seine hervorragenden Kenntnisse des Alemannischen, redet vom herrlichen Wetter und erkundigt sich nach dem Besuchsprogramm der Herrschaften. Als er hört, dass die Kathedrale auf der Tagesordnung steht, runzelt er die Stirn und weist die Herrschaften darauf hin, dass heute acht Kreuzfahrtschiffe angelegt haben. Nach kurzer Beratung beschließen die Herrschaften, ihrer kulturellen Pflicht gegebenenfalls unter ein wenig Geschubse und Gedränge nachzukommen.

     

    Ihre Sorge erscheint jedoch hinfällig, als ihnen in den Gassen der Altstadt nur ganz selten mal ein Exemplar der Gattung Homo Touristicus begegnet, ausgestattet mit Bermudas, Rucksack und Hans-guck-in-die-Luft-Blick. Doch auch die Zahl dieser Flaneure geht nun seltsamerweise zurück. Eine unheimliche Leere und Stille breitet sich aus. Dann beginnt die Luft zu vibrieren, der Boden bebt, die Hauswände erzittern, Gittertore rütteln in den Angeln, Tauben flattern im Zickzack über ihnen hin und her. Volkers Gattin vermutet ein herannahendes Gewitter. Oder einen Wetterumschwung. Ein Schrei ertönt aus einem der Fenster. "The cruisers!" Es ist ein hilfreicher Einheimischer. Er zeigt in die Richtung der Gasse, die zur Kathedrale führt. "The cruisers are coming! Run for your lives!"

     

    Sie sehen aus der angezeigten Richtung eine riesige Menschenwoge heranrollen, in Bermudas, Rucksäcke umgeschnallt, Prospekte und Stadtpläne haltend. Es ist eine der acht Kreuzfahrer-Flutwellen, die heute über Palmas Altstadt hereinbrechen, als brodelnde Menschengischt, Souvenirs, Eisbecher, Ansichtskarten, Sonnenbrillen mit sich führend, in Passagierfontänen, die an den Hauswänden entlangpeitschen, ein reißender Urlauberstrom, der Restauranttische und -stühle und anderes Treibgut, Hunde, Katzen und Pferde samt Pferdekutschen vor sich herschiebt, rosa, braun und schwarz durch die Altstadtgassen schäumend, Cafégäste werden an den Straßenrand gespült, Schaufensterbummler in den Malstrom gezogen, Junge und Alte, Kinderwagen und Rollstühle von der reißenden Menschenflut verschlungen. Volker wird mitgespült, kann sich aber über einen Cafétisch und eine Terrassenüberdachung auf einen Balkon hangeln. Ein Brecher schwemmt Volkers Gattin unter ihm vorbei und ein paar Straßen weiter in einen Hauseingang und von dort in einen Innenhof.

     

    Nach der Flutwelle irren beide durch die verwüsteten Gassen, suchen und finden einander, fallen sich in die Arme und lecken ihre Wunden. Volkers Gattin muss den Verlust ihrer neu erworbenen Schuhe verschmerzen. Ebenso wie den ihrer Handtasche und ihres darin befindlichen biometrischen Ausweises.

     

     

     

     

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