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Blog Mallorcapriolen - Heinz Joachim Rogel

Heinz Joachim Rogel

Pensionierter Lehrer. Seit Anfang 2016 in Cala Ratjada wohnhaft. Schnaufender Radler. Unablässig auf FACEBOOK und MEDIUM.COM Postender (aus leidenschaftlicher Langeweile). Spötter. Nur zögerlich Spanisch lernend. Tierlieb, aber lärmempfindlich. Auf keinem Gebiet sonderlich gut, am wenigsten auf dem der Satire.

Über diesen Blog | Leben

Als Jünger des weisen Narren John Cleese bin ich wie dieser zu der Einsicht gelangt, dass in den gegenwärtigen Zeiten kein Mensch eine Ahnung davon hat, wie wenig Ahnung er hat, mich eingeschlossen. Daher bleibt mir nichts anderes übrig, als mich über die heutigen Menschen lustig zu machen, und zwar in Form von kleinen Satiren, in diesem Blog Mallorca thematisierend. Für deren Bissigkeit, die dem einen oder der anderen zu weit gehen mag, möchte ich mich hier in vorauseilender Demut entschuldigen.


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  • 14
    Dezember
    2017

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    Mallorca Cala Ratjada Leben Nachsaison

    Unterm Turm (I)

     

    Unterm Turm (I)

     

    EIN SPIEL FÜR STIMMEN

    inspiriert von Dylan Thomas und seinem Hörspiel "Under Milkwood"

     

    ERSTE STIMME

    Fangen wir beim Ende an. Beim Saisonende. Novembernacht, sternenklar und mondlos, die Straßen von Cala Ratjada wieder touristenleer, unvermüllt und unvergrölt. Und wie seit jeher bewacht vom Esbucada-Turm.

    ZWEITE STIMME

    Der Turm humpelt unsichtbar herunter von der Olla-Höhe, querwaldein durch geduckte Kiefern und verwitterte Steineichen, herunter zur schwarzdornschwarzen, milchstraßenglitzernden, dünenschlürfenden Agulla-Bucht, wo totäugige Hotels wie eine Herde angespülter Wale das Ufer säumen.

    ERSTE STIMME

    Im Bauch eines kleineren Wals wälzt sich lattenrostknarzend SIMO SALTO, der vorgebliche Besitzer des "Hostal Sol", auf die andere Seite. Im Traum setzt er den alltäglichen Hader mit seiner Frau SOL, der eigentlichen Besitzerin des Hotels, fort. 

    SOL (klagend)

    An was soll ich denn jetzt schon wieder schuld sein?

    SIMO SALTO (zornig)

    Warum sagst du mir zum Beispiel nicht, dass es Blödsinn ist, wenn ich die Bude schon Ende Oktober zumache?

    SOL

    Aber Simo, das hab ich dir doch gesagt. Ich hab dir gesagt, dass dieses Jahr die Agentur noch jede Menge...

    SIMO SALTO (streng)

    Keine Widerworte! Auf die Knie, Weib! Sprich mir nach! Ich darf meinem Herrn und Gebieter niemals widersprechen!

    ERSTE STIMME

    Nach dem obligatorischen Fußbad am Agulla-Strand ächzt der Turm zum Städtchen hoch, wo alles schnieft und schnarcht und schmirgelt und speichelt und schäumt und träumt, die Wirte, ihren Rausch ausschlafend, die Händler in ihrem widerwilligen Winterschlaf, die Handwerker, die sich auch im Traum weigern Rechnungen auszustellen, die auf ihren Keksbröseln eingedösten Rentner, die liebesträumerischen Briefträgerinnen, die abergläubischen Leichenbestatter in ihren cineastischen Albträumen, die Teilzeithuren, heute Nacht so traum- wie arbeitslos, die Priester auf ihren unsanften Ruhekissen, die Wachmänner auf ihren sanften Pornomagazinen, die chinesischen Schneiderinnen, im Schneidersitz eingeschlafen, die verkannten Poeten, im Traum aus dem Traum aufwachend und an einem Meisterwerk weiterdichtend, die Fischer, im Traum ihre Netze einholend, in denen schwimmhäutige Wecker klingeln, die taubstummen Kellnerinnen, die auch im Traum jede zugerufene Bestellung überhören, die Schüler, im Tiefschlaf katalanisch und im REM-Schlaf spanisch träumend, die aufgequollenen Jungfrauen, die sich schlankträumen und so in alemannische Patrizierfamilien einheiraten, die Balkonhunde, die im Traum die duftenden Hinterlassenschaften im Hundehaufenwäldchen auf dem Agulla-Hügel beschnuppern und anreichern.

    ZWEITE STIMME

    Unhörbar rumpelt der Turm zum Hafen hinunter, vorbei an den hochgeklappten Bürgersteigen des Carrer Castellet. Eine verirrte Meeresbrise streicht um die kurzsichtigen Laternen an der Plaza de Los Pinos herum und findet endlich zurück zur Hafenpromenade, die hier Taubenallee heißt, die sich ihren Namen aber nur mit einer einsamen Palme und einer einzigen träumenden Taube verdient. Eben jetzt promeniert der Turm an der Palme vorbei und könnte sich - wenn er denn wollte - der Zeiten erinnern, als die Passeig Colom noch eine Allee war und als unter der Palme noch stolz Ramon Roig vor seinem Restaurant "Can Ramon" stand und seine Paella anpries, die heute nur noch ein versalzener Reisbrei ist, vom Pizzabäcker TONIO TOMATINI, Pächter des "Pizza Pasta Palazzo", den Novemberrentnern aufgetischt.

    TONIO TOMATINI (im Traum mit den Schultern zuckend)

    In der Nachsaison fressen die doch alles, was man ihnen vorsetzt.

    ERSTE STIMME

    Am Plaça dels Mariners hält der Turm inne, um sich zu verpusten, und lässt den Blick über den Hafen schweifen. Und hier erinnert er sich - denn hier will er sich erinnern - der Zeiten, als statt der Fischerboote und Yachten noch Galeonen und Korvetten am Kai schaukelten. Und schon meldet sich vom Grund des Hafenbeckens die Stimme von CAPITÀ CARLES, dem ranghöchsten Hafengespenst.

    CAPITÀ CARLES

    Achtern angetreten!

    QUARTIERMEISTER

    Aber wir sind doch tot, capità.

    CAPITÀ CARLES

    Was? Tot? Räudige Simulanten! Die sollen antreten! Aber hopp!

    QUARTIERMEISTER

    Sí, capità. - Mannschaft antreten zum Appell! Hopp, hopp, hopp, im Schweinsgalopp!

    ERSTE STIMME

    Die toten Matrosen eilen mit klappernden Knochen zum Achterdeck.

    VOLKER VOLLBIER (schnappt nach Luft)

    Was ist denn jetzt schon wieder?

    TOTER MATROSE

    Wieder drei Segel im Wind, der Alte.

    ERSTE STIMME

    Capità Carles humpelt auf seinem Holzbein vor der Mannschaft auf und ab.

    CAPITÀ CARLES

    Kameraden! Die nächste Prise wartet auf uns. Zwei Pinassen mit feisten französischen Pfeffersäcken. In Alcudia. Morgen lichten sie die Anker. Wir werden sie zu den Haien schicken, Kameraden!

    ERSTE STIMME

    Der Turm seufzt, als er die Matrosen johlen hört. Er weiß, dass noch in den frühen Morgenstunden ein Verräter den Feind in den Hafen lotsen und die Korsaren der "Bona Sort" ans Messer liefern wird.

    ZWEITE STIMME

    Kommt näher, nächtliche Besucher! Näher! Noch näher! Nur dem Turm und uns ist es vergönnt, Zeuge von Volker Vollbiers Traum zu werden, in den man soeben neue Kulissen schiebt. Es ist nun Frühling in Volkers Traum, Amseln schallen, Schweine grunzen, er liegt in den Armen seiner adeligen Geliebten aus der Franche-Compté, sie küsst ihn, er öffnet die Augen und vor ihm steht - in Ausgehuniform und mit Stahlhelm - HAUPTMANN VON HUNTGEBURTH, der betrogene preußische Ehegatte der Geliebten.

    HAUPTMANN VON HUNTGEBURTH

    Kompanie, stillgestanden!

    VOLKER VOLLBIER (schnappt nach Luft)

    Was ist denn jetzt schon wieder?

    HAUPTMANN VON HUNTGEBURTH

    Augen RECHTS!

    ZWEITE STIMME

    Volker wendet den Kopf mit einem Ruck nach rechts, öffnet die Augen (obwohl er sie eben erst geöffnet hat) und vor ihm liegt schnarchend WALLI, seine Jugendliebe aus der Metzgerei Wurstbrodt in der Wetterau.

    VOLKER VOLLBIER (schnappt nach Luft)

    Was ist denn jetzt schon wieder?

    WALLI WURSTBRODT (redet im Schlaf)

    Komm, Volker, ich lös deinen Schwanzknochen, ich roll dir den Nackenbraten, komm doch, Volker, salz meinen Kochschinken, würz mir das Schweinemett, ja so, Volker, ach Volker, wo hast du das nur gelernt?

    VOLKER VOLLBIER

    Alles eine Frage von Geltung und Genese.

    ZWEITE STIMME

    Kommt, es geht weiter. Der Turm wandert in den nächsten Traum. In den von FLIPI FOLL hier, Wirt der "Bodega Heretat", der Reihe nach von seinen drei Kellnerinnen bedrängt, die er der Reihe nach geschwängert hat.

    ERSTE KELLNERIN

    Wenn's'n Junge is', läutste dann die Trinkgeldglocke?

    ZWEITE KELLNERIN

    Und nach dem fünften Kind machen wir'n Hotel auf, gell Flipi?

    DRITTE KELLNERIN

    Mein Bruder kommt morgen aus'm Knast. Der will dir die Eier abschneiden.

    FLIPI FOLL

    Das Maß der Liebe ist, maßlos zu lieben.

     

    (Fortsetzung folgt)

     

     

     

     

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