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Neues aus Absurdistan

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Blog Neues aus Absurdistan - Jan Lammers

Jan Lammers

Die Bücher "Unser kleiner Felsen Mallorca" und "Mehr von unserem kleinen Felsen Mallorca", in denen Jan Lammers mallorquinische Begriffe und Redewendungen vor ihrem historischen Hintergrund erklärt, gibt es auch in der deutschen Buchhandlung "Akzent" in Palma.

Über diesen Blog | Gesellschaft

Diese Insel ist voller kurioser Geschichten - Jan Lammers erzählt sie in diesem Blog. Die Leser der MZ-Printausgabe kennen Lammers schon seit längerem: Woche für Woche sind auf der letzten Seite seine Kurzinterviews zu lesen ("Man wird ja wohl noch fragen dürfen").


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  • 08
    September
    2017

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    Mallorca Gesellschaft Politik

    Ein Marmeladenbrot für Angela Merkel

    Die Initialzündung für eine tiefgreifende, revolutionär anmutende Reform bezüglich der beide Bereiche, die das Volk der Deutschen vorrangig bewegen - Politik und Sport, allem voran König Fußball - stammt von niemand weniger als von meiner zart beseiteten Mutter. Beim Elfmeterschießen des U-21 Halbfinales Deutschland gegen England bemerkte sie mitleidsvoll: "Ach wie grausam ist das, so auszuscheiden" (und dass, obwohl gerade bei einer solchen Paarung der Ausgang ja schon von vornherein klar ist, denn wann haben die Engländer schon mal im Elfern gegen uns gewonnen?!). Als Anfang Juni beim WM-Qualifikationsspiel zwischen Schottland und England drei Tore in den letzten fünf Minuten fielen und dies auf Mallorcas berüchtigter Party-Meile Punta Ballena fast zwangsläufig zu Ausschreitungen führte, war der letzte Impuls zur Erstellung eines Maßnahmenkatalogs endgültig gefallen, um derart Herzinfarkt-verursachende Entscheidungen auf alternative Art und Weise zu lösen. Das gleiche trifft auf viele der hauchdünnen und umstrittenen politischen Entscheidungen zu, angefochtene oder gar wiederholten Wahlen - man denke nur an die Wahlposse des österreichischen Bundespräsidenten.

    Angesichts der heutzutage enorm gestiegenen gesellschaftlichen Bedeutung des Fußballs wäre als nerven- und zugleich kostensparend Lösung beispielsweise für die EM- oder WM-Qualifikation eine direkte Kopplung an das Resultat des European Songkontest empfehlenswert, eine Maßnahme die zudem auch im Interesse der Chancengleichheit bessere Möglichkeiten für kleine Länder zur Folge hätte.

    Solche Art von strukturellen Reformen könnten in einer Vielzahl weiterer, gesellschaftlich übergreifender Bereiche zum Einsatz kommen. Man stelle sich nur vor, das endlos lange und zähe Tauziehen um den Verbleib oder Ausstieg Großbritaniens aus der Europäischen Union wäre ohne wochenlanges Medienspektakel schlicht und einfach durch eine Runde Roulette entschieden worden. Rot für Brexit, Schwarz für den Verbleib in der EU. Vielleicht mag dies nicht sehr empirisch sein, doch der Ausgang im "richtigen Leben" war auch nichts anderes als unvorhersehbar wie überraschend.

    Beim mehrtägigen, sich bis tief in die Nacht ziehenden Krisengipfeln - wie etwa der Griechenlandkrise - brächten installierte Kameras a lá "gran Brother" mit Simultanübersetzungen der Verhandlungen sowie vor allem aber von Flüchen und haarzeraufenden Zugeständnissen enorme Einschaltquoten, die sogar im Pay-TV bestens vermarktbar wären. Wer wäre in diesen Momenten nicht gerne beim Show-down des deutschen Finanzministers Wolfgang Schäuble gegen seinen griechischen Gegenpart, Hardliner Janis Varoufakis, mit am Tisch gesessen? Eine europaweite online-Abstimmung hätte anschließend Klarheit über die öffentliche Meinung bezüglich der besseren Argumente verschafft.

    Sämtliche Final-four-Turniere, die besonders bei wichtigen Basketballevents die Regel sind, werden ab sofort direkt am grünen Tisch entschieden, und zwar durch eine Schiedsrichter-unabhängige Partie "Mensch ärgere dich nicht".
    Beim Thema Atomausstieg erfolgt die Entscheidung durch Marmeladebrotschmeißen. Fällt die klebrige Seite nach unten, so bleibt die ganze Scheiße auch weiterhin für Generationen an uns kleben. Denn anstatt der vermeintlich simplen Forderung "Raus aus der Atomenergie" ist viel Sachkenntnis und Aufwand von Nöten, um sich ein seriöses Urteil über die Zukunft bilden zu können. Eine Abwägung beispielsweise im Falle eines Volksentscheids ähnlich wie beim Brexit von der breiten Masse nach dem Sonntagsfrühstück mit einem simplen Ja oder Nein wäre die Folge.

    Wesentlich kostengünstiger wäre da schon der Lösungsansatz des Marmeladenbrotschmeißens, zumal das diesbezügliche bisher von Angela Merkel zum Einsatz gekommene Kriterium ebenso willkürlich ist: erst ein bedingungsloses Festhalten an der Kernenergie, dann nach Fukushima eine 180 Gradwendung und Ausstieg.

    Die Machtfrage in Syrien könnte zwischen den beiden Alpha-Tieren Putin und Trump im Hin- und Rückspiel entschieden werden: Sauna-Sitzen in einer sibirischen Datscha sowie einem Hot-Dog-Ess-Wettbewerb auf New Yorks Fifth Avenue. Sollte es zu einem Unentschieden kommen, könnte eine alles entscheidende dritte Runde im Armdrücken Klarheit verschaffen, schließlich ist ja auch jetzt schon nichts anderes ein "Muskelspiel mit Waffen".

    Themen wie die Homo-Ehe oder die Abschaffung des Solidaritätszuschlags wären wahlweise durch Flaschendrehen und Maßkrugstemmen eindeutig zu klären.

    Die Verhandlungen über die Bedingungen eines möglichen zukünftigen EU-Beitritt der Türkei wären im Format einer Büttenrede ein echter Knaller. Merkel als Retterin des Abendlandes müsste Türken-Witze zum besten geben und deren stolzer Präsident Erdogan im Gegenschlag auf seinem unaufhaltsamen Weg zum zweiten Osmanischen Reich einen Ossi-Witz nach dem anderen raushauen.

    Womit wir am Ende wieder am Anfang angelangt wären. Und was würde im Falle eines Elfmeterschießens als Alternativlösung näherliegen als ein Streichholzziehen im Mittelkreis, übertragen aus der integrierten Kamera in der Sonnenbrille unseres aller Bundestrainer Jogi Löw!

     

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