Von Karl Hofer
Der Club Suizo Balear gehört zu dieser weltumspannenden Schweizer Vereinskette, ist allerdings ein Winzling. Gemäß den Statuten bezweckt er „die Bande der Freundschaft und das Zusammengehörigkeitsgefühl unter den hier ansässigen Schweizern zu pflegen und die Verbundenheit mit der Schweiz und Spanien zu fördern." Die Zahl der Förderbereiten konnte, wie Präsident Ruedi Häusermann zu Protokoll gibt, „in den letzten drei Jahren von 160 auf nahezu 220 angehoben werden".
Gegründet wurde der Club Suizo 1973 von sieben jungen Schweizern, von denen einige bei der damals noch flugtüchtigen Swissair, andere in Architektur- und Handelsfirmen tätig waren. Die sieben beschlossen, sich fortan im fast undurchdringlichen Paragraphendschungel, bei Verhandlungen mit Behörden und bei der Arbeitsvermittlung gegenseitig zu unterstützen. Das funktionierte gut. Doch blieb junger Nachwuchs in der Vereinigung weitgehend aus, als die Schweiz auf einen politischen Alleingang einschwenkte und die Arbeitsbewilligungen schwieriger zu erhalten waren. Auch nach Inkrafttreten der bilateralen Verträge zwischen der EU und der Schweiz, die einiges lockerten, änderte sich das nicht entscheidend.
Als Retter in der (Klub-)Not erwiesen sich die Senioren. So wie aus zahlreichen anderen mittel- und nordeuropäischen Ländern, setzte vor einigen Jahrzehnten auch aus der Schweiz ein Exodus von Graumelierten in den mediterranen Raum ein. Viele sich aus dem Arbeitsprozess verabschiedende Frauen und Männer fanden auf Mallorca eine neue Voll-, Halb- oder Dreiviertelheimat, zahlreiche traten dem Club Suizo bei. Er mutierte aus einem Klub von jungen Berufsleuten zu einem Verein von Pensionierten und ist es bis heute mehrheitlich geblieben. Zu den jährlichen fest verankerten Anlässen gehören die von einem gemeinsamen Essen begleitete Generalversammlung im Frühling, die 1.Augustfeier und das Weihnachtsessen. Dieser festlich-gediegene Anlass fand diesmal am 16. Dezember und zum ersten Male an einem Nachmittag statt, um den Mitgliedern die Heimfahrt bei Nacht und Nebel zu ersparen.
Das Jahr durch streut der fünfköpfige Vorstand Wanderungen, gesellige Zusammenkünfte, Besichtigungen und leichtes sportliches Tun ins Programm ein. Beispielsweise fand kürzlich das jährliche Pétanque- und Jassturnier statt, das sich ab 2003 einbürgerte. Für Nichteingeweihte: Der Jass ist, so wie der deutsche Skat, ein Kartenspiel mit 36 Karten.
Klub ist überaltert
Dass im (überalterten) Klub Pétanque beliebt ist, verwundert nicht, wenn man etwas in seiner Geschichte herumstöbert. Es gehört zu den früher überall praktizierten Kugelspielen. In Südfrankreich war es üblich, mächtig Anlauf zu nehmen und mit großem Körpereinsatz direkt aus der Bewegung heraus zu werfen. Ein von Rheuma geplagter und deshalb nicht mehr allzu beweglicher Monsieur Jules Lenois, so erzählt man, versuchte 1910 in der Provence mit geschlossenen Füßen aus dem Stand zu werfen. Seine Freunde fanden daran ebenfalls Gefallen, die Spielart bürgerte sich ein. Geschlossene Füße nennt man auf Französisch pieds tanqués, im Dialekt der Provence ped tanco. Also taufte man das neue Spiel Pétanque. Am diesjährigen Turnier spielten die Damen und Herren des Club Suizo auf der Finca von Willi Zaugg vorschriftsgemäß mit geschlossenen Füßen in vier Gruppen und mit einem Eifer, den auch der einsetzende Regen nicht dämpfen konnte.
27 Reisefreudige nahmen zudem an einem Zweitagesausflug nach Ibiza teil. Auf andern Exkursionen stieg man in die Tropfsteinhöhlen von Campanet hinunter, gemäß dem Reiseführer Marco Polo „die kleinsten, aber feinsten auf Mallorca". Auf viel Interesse stießen auch der Besuch des Militärmuseums im Westteil des Hafens von Palma und die Besichtigung der in Mini-Stromkraftwerke umgewandelten alten Windmühlen in Campos.
Der Beharrlichkeit von Obereidgenosse Ruedi Häusermann ist der Aufbau von sogenannten Stammtischen des Club Suizo auf der Insel zu verdanken. Da der Verein kein Klubhaus und keine Klubzeitung aufweist, bieten diese Stammtische an festgelegten Daten im Monat Gelegenheit zu geselligem Zusammensitzen und zu gegenseitigem Informations- und Gedankenaustausch, den der in Barcelona stationierte Schweizer Generalkonsul Pius Bucher als ganz besonders wichtig erachtet.
Während es im Osten und im Nordwesten noch nicht klappt, funktionieren die Stammtische in der Colònia de Sant Jordi und in Inca bestens. „Wir diskutieren über Gott und die Welt", sagt Klubkassierer Fridolin Wyss, den wir beim Besuch des Stammtisches von Inca in der munteren Runde entdecken. Und er ergänzt: „Natürlich geben wir auch Tipps für Behördengänge oder Autoummeldungen und helfen einander beim Lösen von Alltagsproblemen."
Redeschwall und Inselsturm
Nach dem Unwetter vom 4. Oktober war auch das Wetter ein Thema. Der Jahrhundertsturm entwurzelte auf der großen Finca von René Schwender in Binissalem in Sekunden 38 Mandelbäume. Was der geschädigte Schweizer mit einem lachenden und einem weinenden Auge so kommentiert: „Dieser Sturm hat mir drei Wochen hartes Holzsägen eingebrockt."
Neben der Geselligkeit gehört die Hilfe in schwierigen Lebenssituationen zu einem andern wichtigen Anliegen des Club Suizo. „Die Vereinsamung", sagt Ruedi Häusermann, „ist das größte Problem der Mallorca-Schweizer." Und er erzählt aus seiner langjährigen Erfahrung: „Viele pensionierte Paare verzichten aus falsch verstandenem Individualismus heraus auf das Anknüpfen gesellschaftlicher Kontakte auf der Insel. Stirbt eines Tages der Partner, sind oft Depressionen und Isolation die Folge."
Es ist gemäß Häusermann in den letzten Jahren schon einige Male vorgekommen, dass das Ableben von vereinsamten alleinstehenden Schweizerinnen und Schweizern tagelang nicht bemerkt wurde. Dem sucht der Klub mit seinen Kontaktmöglichkeiten und mit Hilfsangeboten entgegenzuwirken. Erfahrungsgemäß kehren zahlreiche betagte Schweizerinnen und Schweizer, die nicht Spanisch sprechen, in die Heimat zurück, wenn der Eintritt in ein Altersheim notwendig wird. Der Weg zurück ist aber nicht immer einfach. Der Wind weht heute harscher als früher, die Schweiz ist in vielerlei Beziehung stark im Umbruch, wie das Abstimmungswochenende vom 25. November zeigte. In vielen Regionen wurden an den Urnen Dutzende von Dörfern eingemeindet. Sie werden zu Großgemeinden zusammengefasst. Beispielsweise wird es im Kanton Glarus anstelle von bisher 25 selbständigen Gemeinden künftig nur noch drei geben, im Tessin fusionierten neun Gemeinden entlang des Lago Maggiore zum neuen Ort Gambarogno, das in der Nähe von Luzern gelegene Dorf Hitzkirch schluckte sieben umliegende Dörfer. Es kann also durchaus möglich sein, dass das Dorf, welches Mallorca-Schweizer einst verließen, bei der Rückkehr nicht mehr existiert.
Kehren wir zum Klubprogramm zurück, das auch im nächsten Jahr zahlreiche interessante Anlässe anbietet. Angesetzt ist bereits eine Lesung von Catherine Moosberger. Dieses Klubmitglied hat ein Buch über Esoterik geschrieben. Zu Gast im Club Suizo ist in den nächsten Wochen auch ein weiteres Mitglied: Andy Leemann. Der bekannte Abenteurer wird in einer Matinee über frühere sowie über die neue geplante Schlauchboot-Expedition auf dem Sambesi-Fluss in Afrika berichten.
Eigentlich ist es erstaunlich, dass von den etwa 1.800 Schweizer Residenten auf Mallorca verhältnismäßig wenige im rührigen Club Suizo eingeschrieben sind. Man scheint sich offenbar da und dort davor zu fürchten, mit dem Beitritt seien allerlei Verpflichtungen verbunden. Was natürlich nicht stimmt. Ruedi Häusermann lachend: „Vorschrift ist nur, dass die Neueintretenden den bescheidenen Klubbeitrag bezahlen, aktiv am Vereinsleben teilnehmen und zu den Anlässen stets gute Laune mitbringen."
In der Druckausgabe lesen Sie außerdem:
"Mister Balears" als lebende Puppe
Ur-Residenten: 43 Mallorca aber 100 Prozent Bayer