Entzug im Fernsehen: Dr. Mario Scheib über Weintrinker auf Mallorca

09.10.2008 | 02:00
Mario Scheib an seinem TV-Arbeitsplatz.
Mario Scheib an seinem TV-Arbeitsplatz.

Normalerweise behandelt der Psychotherapeut Mario Scheib auf Mallorca Patienten mit Burn-out-Syndrom und Suchtproblemen "unter absoluter Diskretion", wie er betont. Das Konzept der diskreten Behandlung in mediterranem Klima bewährt sich seit sieben Jahren. Als die Produzenten einer Fernsehserie mit dem reißerischen Titel "Entzug! - Du lebst nur einmal" an ihn und sein Team herantraten, war er zunächst skeptisch. Schließlich sollte dort eine Behandlung vor einem Millionenpublikum im Fernsehen gezeigt werden.

"Das ist ein ethisch nicht ganz unbedenkliches Unterfangen. Die Frage ist, inwiefern Patienten mit Suchterkrankungen überhaupt in der Lage sind, abzuschätzen, was diese Popularität für sie bedeutet", sagt Scheib. "Wir wollten auch nicht, dass eine bestimmte Form des Voyeurismus bedient wird." In seinem fünfköpfigen Team, mit Experten von außerhalb und Justiziaren der Ärztekammer, wurde ausführlich diskutiert, letztlich fällte man eine positive Entscheidung.

"Die Breitenwirkung hinsichtlich einer solchen Prävention ist ­enorm. Es herrscht allgemein eine sehr krude Vorstellung von den Behandlungsmethoden", erklärt der Psychotherapeut. Die Experten achteten darauf, dass die fürs Fernsehen gecasteten Patienten nicht so abhängig waren, dass sie in ihrer Entscheidungsfähigkeit eingeschränkt waren. Dazu wurden sie über einen längeren Zeitraum mehrfach untersucht. Nach Mallorca sind letztlich neun Kandidaten im Alter zwischen 18 und 45 Jahren gekommen. Sie wurden für vier Wochen in einer Finca untergebracht und in Gruppen- und Einzelgesprächen therapiert.

Was man sieht beziehungsweise nicht sieht: Bei Suchtbehandlungen wird niemand eingesperrt, es gibt keine Schweißausbrüche, keine Zitter-Attacken, dank einer strengen Medikation. "Ich denke, dass die Produzenten ursprünglich andere Vorgaben hatten, aber es gelang uns gemeinsam, dass so hinzukriegen, dass eine brauchbare Sache entstanden ist", verspricht Scheib. Vor allem, so sagt er, wollte er zeigen, dass ein Entzug nichts mit Quälen zu tun hat. "Diese Vorstellung hält viele davon ab, mit einem Entzug zu beginnen. Dabei habe ich viele Patienten, die ihren Entzug verschlafen."

Übergänge sind fließend
Die Volksdroge Alkohol spielt gerade auf Mallorca eine besondere Rolle, das Fläschchen Wein zum Abendessen ist schnell getrunken. Aber wann ist man abhängig? "Es geistert im Volksmund das Wort des Alkoholikers herum, letztlich gibt es keine wissenschaftlich exakte Beschreibung", sagt Scheib (siehe Kasten). Die Übergänge seien fließend, die Behandlungsmethoden flexibel. Man müsse den Menschen den für sie richtigen Weg aufzeigen: weniger trinken, eine Pause einlegen oder völlig auf Alkohol verzichten, Abstinenz oder kontrollierter Konsum. "Früher hieß es ,einmal Alkoholiker, immer Alkoholiker´. In der wissenschaftlichen Sprache spielt die Kategorie des Alkoholikers keine Rolle mehr", sagt Scheib. Für manche Abhängige sei es leichter, ganz aufzuhören, weil sie nicht kontrollfähig seien, also nicht wenig trinken könnten. Für andere sei dagegen die Vorstellung, nie wieder einen Schluck trinken zu können, schrecklich, deshalb stellten sie sich keiner Therapie. "Immer, wenn es einem gelingt, den Patienten von seinem Trinkverhalten wegzubekommen, ist das ein Erfolg. Ich sage meinen Patienten immer: Die Wahrscheinlichkeit, dass sie wieder etwas trinken, ist sehr groß. Wichtig ist aber, dass sie schnell wieder damit aufhören können, wenn sie angefangen haben."

Dagegen warnt Scheib vor übersteigerten Abstinenzgedanken. "Wenn man über Jahre in den Kopf gehämmert bekommt, dass man nach einem Tropfen Alkohol einen Rückfall erleidet und aus Versehen eine weinhaltige Soße isst, kann eine self fulfilling prophecy (selbst erfüllende Vorhersage, d.Red.) eintreten, weil bei diesen Menschen plötzlich ein erhöhter Suchtdruck entstanden ist."

Dass auf Mallorca mehr Menschen mit Drogenproblemen leben als an anderen Orten, hält Scheib für wahrscheinlich. Besonders der Griff zur Flasche gehe hier leichter von der Hand. "Auf der einen Seite gehört der Alkohol zur hiesigen Kultur, das sehen Sie, wenn Sie mittags ein Menü bestellen, Wein und Wasser gibt es immer dazu", sagt der Wahlmallorquiner. Zudem gebe es unter den Menschen, die zugezogen sind, verschiedene Risikogruppen: Zum einen Menschen, die vom Leben in Deutschland enttäuscht wurden und es auf der Insel auch nicht geschafft haben. "Frustration steigert das Risiko", so Scheib.

Auf der anderen Seite gebe es die Erfolgreichen, die Macher, die "es" geschafft haben, sich auf Mallorca mit dem Hauskauf einen Traum erfüllt haben und sich dann langweilen. "Da lebt der Manager nach 20 Jahren harter Arbeit wieder mit seiner Frau zusammen, obwohl sich beide kaum noch kennen, das gibt Stress", sagt Scheib. Stress, der in die Sucht führen kann, auch und gerade auf Mallorca.

RTL II sendet die Doku-Soap "Entzug! - Du lebst nur einmal" voraussichtlich zu Beginn des kommenden Jahres.

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