Die neue deutsche Welle aus Arenal

03-04-2008  
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Tim Toupet startet derzeit mit seinem
Tim Toupet startet derzeit mit seinem "Döner-Song" durch. Nele Bendgens

Tim Bibelhausen alias Tim Toupet kann es immer noch nicht fassen: „Platz acht in den Charts, das hätten wir uns nie erträumt. Und unsere Plattenfirma erst recht nicht." Der Friseur aus Köln hat mit seinem „Döner"-Partysong ins Schwarze getroffen und bestreitet momentan zehn bis zwölf Auftritte pro Monat. Sein ­Produzent und Manager Erich Öxler sieht darin einen Trend in der deutschen Musikszene. „Es fällt auf, dass im Fe-bruar 60 Prozent deutsche Lieder in den Top Ten standen und vier davon Stimmungslieder waren."

Von Thomas Zapp

Deren Interpreten zählen auch in Arenal zu den Stammgästen. Markus Becker landete mit seinem „Roten Pferd" auf Platz vier und erreichte damit die höchste Notierung aller Mallorca-Songs (am Samstag, 5.4., ist er damit um 20.15 Uhr in der ARD im „Frühlingsfest der Volksmusik" zu sehen). Olaf Henning schaffte es mit „Cowboy und Indianer" auf Platz sechs, Tim Toupet mit „Ich bin ein Döner" auf Platz acht und - immer noch - DJ Ötzi mit Nik P., „Ein Stern" auf Platz neun. Peter Wackel mit „Joana, Du geile S..." folgt bereits auf Platz 14. Die deutschen Stimmungskanonen lassen Weltstars wie Lenny Kravitz oder Britney Spears lässig hinter sich.

„Das ist der ,Stern´-Effekt. Stimmungsmusik von der Playa ist heute nicht mehr uncool", sagt Erich Öxler und meint den Partyklassiker „Ein Stern" von DJ Ötzi, der vor nunmehr fast zwei Jahren an der Playa de Palma gelaufen ist und bis heute in den Hitparaden einen Stammplatz hat. Es sei auch für Jugendliche nicht mehr uncool, Musik vom „Ballermann" zu hören, meint Öxler.

Nicht so euphorisch äußert sich Detlef Bruglemanns, Manager von Schlagerstar Olaf Henning, zum Ballermann-Vergleich - auch wenn der Hit seines Stars („Cowboy und Indianer") gewisse Assoziationen zulässt. „Wir steigen nicht aufs rote Pferd, haben nicht nur zur Karnevalszeit einen Hype. Olaf hat seit zehn Jahren Erfolg, er hat 2000 den Echo gewonnen (wichtigster deutscher Musikpreis, d.Red.)", betont er energisch. Von 300 Auftritten im Jahr bestreite Henning 30 im „Riu Palace" - mehr Verbindung gebe es nicht zur Playa de Palma.

Immerhin: Bruglemanns stimmt zu, dass es wieder cool sei, deutsche Musik zu hören. „In den 80er Jahren war der Schlager tot, in den 90er Jahren gab es Wolfgang Petry, Matthias Reim und Andrea Berg. Jetzt haben wir dank Bands wie Juli und Silbermond wieder deutsche Musik, auf die auch die 14-Jährigen stehen." Hennings Hitparaden-Stürmer „Cowboy und Indianer" entstand vor acht Jahren, war damals jedoch ein Ladenhüter - Wunder des Musikbusiness.

Auch wenn sich die etablierten Schlagerstars scheuen, mit „roten Pferden" und der „geilen Joana" in eine musikalische Schublade gesteckt zu werden - Berührungsängste sind in der Regel nicht vorhanden, eher befruchtet man sich gegenseitig. „Wir haben in Kürze einen gemeinsamen Auftritt mit Tim Toupet, in Sankt Anton haben wir Backstage mit Peter Wackel gefeiert. Das war sehr lustig", sagt Heiko Schulte-Siering, Manager des selbst ernannten „König des Popschlagers", Michael Wendler. Die Mallorca-Connection funktioniert: Tim Toupet gibt es wiederum häufiger in der Kombination mit Peter Wackel („Da wackelt das Toupet") oder mit Markus Becker („Das ist lustiger in den Pausen") zu hören.

Schulte-Siering stellt derzeit einen „riesigen Hype" fest. „Ich habe noch nie so viele Namen aus Mallorca in den Charts gesehen", sagt er. Das könne man nur noch mit der Neuen Deutschen Welle in den 80ern vergleichen. So ist Wendlers „Nina" im März von 0 auf 24 in die deutschen Single-Charts eingestiegen. „Mallorca hat etwa 30 Prozent zu Michaels Erfolg beigetragen", glaubt Schulte-Siering.

Faktor Download
Das gilt mehr oder weniger für alle mallorca-affinen Künstler, auch wenn ihre Erfolgsrezepte unterschiedlicher nicht sein könnten: Der eine liebt die Macho-Pose (Wendler), der andere setzt sich zu seinen Auftritten einen Hut in Döner-Form auf den Kopf (Toupet). Der eine ist Echo-Preisträger und erfahrener Schlagersänger (Henning), der andere covert ein Kinderlied zur Melodie eines Edith-Piaf-Songs und zäumt darauf höchst erfolgreich sein rotes Pferd (Becker). Die einen gehören zur MegaPark-Fraktion (Wendler, Becker), die anderen zum Bierkönig (Tim Toupet) oder Riu-Palace (Henning).
Doch dass Mallorca-Hits in den Charts auftauchen, hat noch einen weiteren Grund: die Art und Weise, wie die Hitparaden zustande kommen. Es geht heute nicht mehr nur um CD-Verkäufe, sondern auch um Internet-Downloads. Das heißt, jeder Party-DJ, der sich seine Sammlung auf dem Computer für den nächsten Polterabend zusammenstellt, bringt die Partysongs in der Chartliga nach oben. ­„Früher hat eine Maxi-CD sechs Euro gekostet, da kaufte ich mir lieber einen Sampler mit allen Hits, ,Aprés Ski´ zum Beispiel. Von der haben die Einzeltitel aber nicht für die Charts gezählt", sagt Erich Öxler. Heute tun sie das, wenn sie der Internetnutzer herunterlädt. „Die Download-Geschichte ist uns zugute gekommen, weil sie die Charts echter abbildet, als es vorher der Fall war", sagt Öxler. Dadurch laufen die Songs seines Schützlings Tim Toupet seit einem Jahr unter den Top 20.

Toupet ist der einzige der Mallorca-Künstler, der seine Gesangskarriere als „ernsthaftes Hobby" betreibt, alle anderen haben einen Vollzeitjob. Zwischen seinen Auftritten muss Toupet mit seiner Partnerin den „Hair Concept"-Salon in Köln leiten, in den prominente Kunden wie Nina Hagen, Schlagersängerin ­Michelle oder Matthias Reim kommen. Dafür fährt er an einem Wochenende nach Luxemburg, München und Nürnberg und schaut vorher noch auf Mallorca vorbei, um die Saison an der Playa vorzubereiten. Sein Engagement hat ein klares Limit: „Solange die Leute das hören wollen, mache ich das auch."

2003 hat Tim Bibelhausen einen Spaßsong aus dem Skiurlaub - „Du hast die Haare schön" - als Gag für seinen Friseurladen produzieren lassen. Geholfen hat ihm dabei sein Freund Jürgen Milski, bekannt als der Jürgen aus „Big ­Brother". Es begann harmlos: Die Lokalpresse berichtete, das Lied kam ins regionale Fernsehen. „Ich dachte, das war´s, aber es ging immer weiter. Und jetzt sitze ich hier", sagt Tim beim Ortstermin in Arenal.
Dass Liedtexte wie „Ich hab´ ne Zwiebel auf dem Kopf, ich bin ein Döner" nicht zum Nachdenken anregen, ist für ihn kein Grund, sich vor Schlagerkollegen zu verstecken: „Das ist Gute-Laune-Musik, die aber oberhalb der Gürtellinie bleibt, ich muss ja auch an das Image meines Geschäfts denken", sagt er. Schämen müsse man sich wegen der Inhalte auch vor der internationalen Konkurrenz nicht, meint Wendler-Manager Schulte-Siering. „Übersetzen Sie doch mal Madonnas 80er-Jahre-Hit „Like a Virgin" („Wie eine Jungfrau", d.Red.).

Die nächsten Termine: Olaf Henning am 21.4., am 28.4. und am 5.5. im Riu Palace, Mallorca Opening (MegaPark u.a.) vom 2. bis 5. Mai, Michael Wendler (ab 7.5. jeden Mittwoch, MegArena), Markus Becker ab 29. April, MegArena.

In der Druckausgabe lesen Sie außerdem:
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