Gesellschaft

Mallorcas Ur-Residenten: Eine Bilanz aus 32 Portraits

11-12-2008  
Reiseleiter Peter Knabe (Bildmitte) empfängt am Flughafen deutsche Touristen. Eigentlich war er 1960 auf die Insel gekommen, um Hotelier zu werden. Doch die erste Zeit verkaufte er Ausflugsfahrten und buk Sachertorten. Rund 35 Jahre arbeitete er als Reiseleiter, ehe er sich vor zwei Jahren zur Ruhe setzte. Heute lebt er in Establiments.
Reiseleiter Peter Knabe (Bildmitte) empfängt am Flughafen deutsche Touristen. Eigentlich war er 1960 auf die Insel gekommen, um Hotelier zu werden. Doch die erste Zeit verkaufte er Ausflugsfahrten und buk Sachertorten. Rund 35 Jahre arbeitete er als Reiseleiter, ehe er sich vor zwei Jahren zur Ruhe setzte. Heute lebt er in Establiments.  Foto: privat

HOLGER WEBER Im Nachhinein verklärt sich häufig alles zum Guten. Doch hatten auch die Residenten der ersten Stunde aus Deutschland, Österreich und der Schweiz auf Mallorca zu kämpfen, bis sie auf der Insel ihrer Träume wirklich Fuß fassten. Oftmals war es die pure Abenteuerlust, die sie damals, in den Jahren zwischen 1950 und 1970, in den Süden trieb. Manche setzten alles auf eine Karte. So wie die heute 98-jährige Carlota von Münchhausen, die mit ihrem Mann edle Gobelins aus dem Adelsgeschlecht derer von Münchhausen verscherbelte, die sie aus den Kriegswirren gerettet hatten. Den Erlös investierten die Münchhausens in einen alten Volkswagen, mit dem sie dann 1953 erstmals auf eine Insel kamen, von der sie kurz zuvor noch nie etwas gehört hatten.

"Man kann alles schaffen, man muss nur fest daran glauben" lautete der Leitsatz, mit dem die mittlerweile verstorbene Nancy Grimm dem Wirtschaftswunderland Deutschland 1956 den Rücken kehrte - ungeachtet aller Warnungen ihrer Familie. Mit den drei Kindern auf dem Rücksitz und dem Schlauchboot auf dem Dach ging es los in ein neues Leben.

Kaum einer der Residenten der ersten Stunde hatte die Zukunft auf Mallorca sorgfältig geplant - Ratgeber für Auswanderer gab es damals noch nicht. Oftmals waren es spontane Entscheidungen, auf der Insel ein neues Leben zu beginnen. Heinz Lewandowsky hatte die politischen Verhältnisse im Deutschland des Jahres 1968 satt, kündigte seinen Beamtenjob, um zu reisen und zu segeln, und landete schließlich auf der Insel. Er sollte sein Glück mit Wassersportschulen machen, stellte zuvor aber auch Kondomautomaten auf, um über die Runden zu kommen.

Für Sybille Kuron spielte ihr Bruder Schicksal. Er schenkte ihr zum 30. Geburtstag eine Reise nach Mallorca. Sie kam wieder und wurde in den 60ern Reiseleiterin. Wie ihr bescherte der Tourismusboom vielen Pionieren Brot und Arbeit. Der Unternehmer Hans-Peter Berchtold war noch keine 19, als er bereits drei Hotels mit insgesamt 800 Betten verwaltete. Gunter Stalter, der heute den Residenten-Treff auf Mallorca leitet, kam 1966 nach Aufenthalten in London und Paris auf die Insel und arbeitete sich zum Chefreiseleiter hoch.

Doch nicht alle Inselkarrieren verliefen geradlinig. Oftmals waren auch kleine und große Umwege vonnöten. Reiseleiter Peter Knabe, der 1960 eigentlich Hotelier werden wollte, betrieb mit dem späteren Mietwagenkönig Hasso Schützendorf einen Wasserskiverleih, musste aber auch als Kuchenbäcker einspringen, um die Kosten seines Mallorca-Abenteuers zu decken "Kirsch- und Sachertorte, Apfelstrudel und Früchteschnitten im Akkord."

Hartmut Usadel, der Künstler und Gründer des Kulturzentrums Sa Taronja in Andratx, verdingte sich als Privatgärtner, Schiffskoch und Häuslebauer. Keinen leichten Start hatte auch der Malermeister Xaver Weiß: Die ersten Monate nach der Firmengründung 1971 waren zäh. Aufträge wollten sich nicht einstellen. "Ich hatte für ein halbes Jahr Geld angespart, und genau nach sechs Monaten bekamen wir den ersten Auftrag", erinnert sich der Seniorchef, in dessen Unternehmen mittlerweile auch der Enkel eingestiegen ist.

Oftmals war es eine pfiffige Idee, die den Neu-Mallorquinern nach einem schwierigen Start zu Wohlstand verhalf. ­Gloria Cuesta, die sich Anfang der 60er Jahre in einer Berliner Kneipe in einen Andalusier verliebt hatte und ihm wenige Jahre später auf die Insel gefolgt war, fand ihr Geschäftsmodell in einem Schaufenster in Palma: Mit einer alten Strickmaschine avancierte sie auf der Insel zur Pionierin der Strickmode und war nach kurzer Zeit Arbeitgeberin von 90 Strickerinnen, Näherinnen und Büglerinnen. Die ­Pullover, Röcke und Kleider gingen auch als Exportartikel aufs Festland.

Oder aber es war die Liebe, die Regie führte in den Lebensgeschichten der Residenten der ersten Stunde. Die Sprachschülerin Siegrid Döring interpretierte die viel gebrauchte Kennenlern-Floskel encantado (wörtlich: verzaubert) als Liebeserklärung - die Bekanntschaft führte sie nur kurze Zeit später vor den Traualtar. Monika Abrines verlor ihr Herz im Urlaub 1965 an den ­Rezeptionisten ihres Hotels an der Playa de Palma. Die Verlobung folgte zu Weihnachten, die Hochzeit im Februar darauf, und noch immer sagt sie, "befinde ich mich auf Mallorca auf Hochzeitsreise". Doch verhehlt sie nicht, dass sie zehn Jahre gebraucht habe, um sich auf der Insel wirklich wohlzufühlen.

Neben der Sprache, die viele der Pioniere erst mühsam lernen mussten, gab es im Spanien der Franco-Zeit viele kulturelle Barrieren zu überwinden. Vor allem für die deutschen Frauen, die in der mallorquinischen Gesellschaft noch oft eine traditionelle Rolle einzunehmen hatten.

So staunte Siegrid Döring nicht schlecht über die Antwort ihres Mannes auf die Frage, ob er ihr beim Tütenschleppen helfen könne: "Was sollen denn die Nachbarn denken?"

Die Schweizer Fotografin Cat Grunfeld, die mit ihren Eltern Anfang der 60er Jahre im Bergdörfchen Deià lebte, wurde am ersten Schultag wieder nach Hause geschickt, weil sie mit kurzen Hosen gekommen war. Die Nonnen redeten ihr ein, sie müsse für ihre Eltern beten, die ansonsten in die Hölle kämen. Das erzkatholische Spanien hielt für die bereits aufgeklärten Nordeuropäer so manche Überraschung bereit. Gärtnermeister Uli Werthwein löste in den 50ern einen Skandal aus, als er auf der Plaça Major in Palma Weihnachtsbäume verkaufen wollte. Der Bischof persönlich intervenierte gegen die "heidnischen Symbole".

Trotz aller Schwierigkeiten haben die meisten ihre Wahl nie bereut. "Wenn man Mallorca von seinen schönen Seiten kennt, will man nie wieder weg", sagt Elke Richter, die seit 1965 auf der Insel lebt. Und auch Maria Sansó, 1955 aus Oberbayern angereist, lässt keinen Zweifel: "Beim nächsten Mal komme ich gleich hier auf die Welt."

Mallorca wie es früher einmal war und wie es heute sein könnte. Für Freitag, den 23. Januar, um 12 Uhr sind die in dieser Serie vorgestellten Residenten der ersten Stunde ganz herzlich zu einem Sektempfang im Verlagshaus der Mallorca Zeitung eingeladen. Neben einer Führung durch die Druckerei der MZ ist auch eine Diskussionsrunde geplant, um gemeinsam mit den Redakteuren über alte und neue Zeiten zu klönen. Anmeldungen erbeten unter Tel. 971-17 05 01 oder per E-Mail unter mallorcazeitung@epi.es

In der Printausgabe lesen Sie außerdem:

- Der Mallorca-Rückzug von Fußball-Kommentator Breuckmann

- Leute heute


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