Ein Streifzug durch 20 mutige Frauenleben

31-12-2008  
Für Entdeckerinnen: Gabriele Schilling (li.) und Christiane von Lengerke präsentieren ihr Open-Air-Frauen-Memory.
Für Entdeckerinnen: Gabriele Schilling (li.) und Christiane von Lengerke präsentieren ihr Open-Air-Frauen-Memory.  Foto: Nele Bendgens

JUTTA CHRISTOPH Christiane von Lengerke schlägt das chinesische Tam Tam an. Der Ton baut sich bei jedem neuen Schlag weiter auf, bis der Klang den ganzen Pavillon erfüllt und in den Garten hinausschwingt. In dem luftigen Pavillon beginnt der Rundgang durch den "Jardí de les Dones Mallorca", den Garten der Frauen. Doch zunächst darf man hier einige Minuten verweilen. Den Blick über knorrige Olivenbäume und die Hügelkette von Artà gleiten lassen - und dem tiefen "Dong" nachhören.

1987 hatten Christiane von Lengerke (71) und ihre Freundin Gabriele Schilling (62) das alte Steinhaus mit dem verwilderten, 25.000 Quadratmeter großen Garten gekauft. Zehn Jahre später zogen die pensionierte Gymnasiallehrerin und die gelernte medizinisch-technische Assistenstin von Berlin nach Artà - und kümmerten sich ab sofort 365 Tage im Jahr um ihr hübsches Anwesen. Sie ließen einen Brunnen bohren, die Dächer neu decken, schlossen das Haus ans öffentliche Stromnetz an und rodeten den Garten, eine ehemalige Mandelplantage. Ein Teil wurde gärtnerisch gestaltet, der andere wild belassen.

"Wir sind mit der Idee nach Mallorca gekommen, in unserer Finca Seminare und Projekte für Frauen anzubieten", sagt Christiane von Lengerke, die in Berlin den ersten Frauenbuchladen mit aufgebaut hat. "Im Garten wollten wir den Frauen Mallorcas einen besonderen Platz widmen." Schon in Deutschland beschäftigte sich die gebürtige Brandenburgerin mit Matriarchatsforschung, in ihrer neuen Heimat interessieren sie vor allem die Biografien mallorquinischer Frauen. "Ich habe mich durch Bibliotheken und Zeitschriften gelesen, viele Museen und jeden Talayot der Insel besucht. Und so nach und nach Informationen zusammengetragen."

Der Garten der Freundinnen war geboren. Los ging es mit einigen wenigen Stationen, die erste war der Schriftstellerin George Sand gewidmet. Inzwischen sind es 20 Gedenkplätze für 20 Frauen, deren Geschichten anhand von Liedern, Bildern und Erzählungen lebendig werden.

Auf dem zweistündigen Rundgang gibt Christiane von Lengerke nicht nur von ihrem profunden Wissen weiter, sondern erzählt auch liebevolle Anekdoten - und davon, wie der Frauengarten immer ein Stückchen mehr gewachsen ist. Sie nennt es "aus Dreck kleine Zwerge machen". So verwunschen und krumm die Wege sind, so eigensinnig sind die Frauen, an denen sie vorbeiführen. Darunter zum Beispiel die Nonne Flor Rincoma d´Oltzina, die 1312 auf dem Puig de Maria in Pollença zusammen mit anderen Frauen ein selbstbestimmtes Leben führte - vielleicht die erste Frauen-WG Mallorcas. Oder Catalina Homar, die Geliebte und Gutsverwalterin von Ludwig Salvator, die nach der Trennung vom Erzherzog allein durch die Welt reiste.

Eine besondere Stellung nimmt auch die 4.600 Jahre alte Dama de Son Matge ein. "Sie ist die Urahnin aller Mallorquinerinnen, die einzige menschliche Figur aus der prähistorischen Zeit und eine der ältesten Frauenabbilder", so Christiane von Lengerke. Das Original steht im Museo de Mallorca in Palma, im Frauengarten von Artà kann man eine Nachbildung der Lehmfigur in die Hand nehmen. In einer zugehörigen Holzkiste liegen Zeitungsartikel sowie Informationen auf Spanisch und Deutsch zur Dama und anderen jahrtausendealten Frauenabbildern.

Der "Jardí de les Dones Mallorca" ist für Besuchergruppen ab vier Personen mit Voranmeldung geöffnet, mehrmals im Jahr finden auch Seminare zu verschiedenen Themen statt. "Wir haben in Deutschland ein großes Netzwerk", erzählt Gabriele Schilling, die aus Düren stammt. Es gibt Frauengruppen, die regelmäßig nach Artà kommen, auf der Finca wohnen und Seminare zu Psychohygiene und Traumatologie veranstalten. "Die Rückmeldung der Gruppen ist sehr positiv. Das ist für uns eine große Befriedigung", sagt Gabriele Schilling.

Auch auf Mallorca haben die zwei Deutschen inzwischen fleißig Kontakte zu verschiedenen Frauengruppen geknüpft, etwa zu den Dones de Llevant in Manacor oder zum Institut de les dones und dem Conseil de mujeres in Palma. "Im Sommer war auch mal eine Brustkrebsgruppe aus Artà hier und hat im Garten meditiert", erinnert sich Christiane von Lengerke. "Und eine Gruppe ehemals drogenabhängiger mallorquinischer Frauen kam zum Singen nach Artà und hat spontan ein Lied für uns komponiert!"

Ein Geben und ein Nehmen, genau so soll der "Jardí de les Dones" funktionieren. Die Besucher lernen einige ungewöhnliche Frauen und ihre Ideen kennen, zum Austausch lassen sie ihre Gedanken und Eindrücke in Artà. Im Skulpturengarten wird man zum Beispiel aufgefordert, der Künstlerin Doli Hilbert einen Brief zu schreiben. Am Hexenplatz wird der Besucher gefragt: Was bedeutet Hexe für dich, gibt es Hexen auf Mallorca? "In unserem Garten kann sich jede Frau vernetzt fühlen mit dem Leben anderer Frauen", sagt Christiane von Lengerke.

Ohne sie und Gabriele Schilling, mit der sie seit 24 Jahren befreundet ist, wäre der Frauengarten in Artà nicht das, was er ist. Die beiden sind sozusagen die unsichtbaren Frauen 21 und 22 und die besten Freundinnen der übrigen 20. Jeden Tag verbringen sie mindestens eine Stunde im Garten, meistens sind es zwei oder drei. Jeden einzelnen Platz zu pflegen, brauche eben Zeit, sagen sie. Das Wort Arbeit fällt in diesem Zusammenhang nicht.

Trotzdem haben sie nun beschlossen, den Garten, an dem sie so hängen, zu verkaufen. Die Entscheidung, nach Berlin zurückzugehen, kam etwas überstürzt. Ausschlaggebend waren private und finanzielle Gründe, die sich inzwischen schon wieder verändert haben. "Trotzdem, wenn sich ein geeigneter Käufer findet, gehen wir", versichert Christiane von Lengerke und scheint vor allem sich selbst von der Idee überzeugen zu wollen. Zurück in ihr Berliner Haus, wo sie noch einige Frauenprojekte stemmen möchten, wie sie sagt.

Das größte Interesse am Projekt in Artà zeigt bisher die mallorquinische Frauengruppe Lobby de Dones Mallorca. Sie versucht, nach Auskunft der zwei Deutschen, bei der balearischen Landesregierung Druck zu machen, das Haus für sie zu kaufen, um es im Sinne der Erfinderinnen weiterführen können. "Das wäre uns sehr recht", sagt Christiane von Lengerke. "Hauptsache, die Lobby de Dones bleibt autonom und lässt nicht zu, dass der Garten in ein Jugendzentrum verwandelt wird."

Jardí de les Dones Mallorca, Apartat 12, Artà, Tel. 971-83 50 23.

Führungen am 10.1. und 17.1., jeweils um 11 Uhr.

Sonst nur nach telefonischer Vereinbarung.

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