Mallorca als Lebenselixier: Über das Geheimnis des hohen Alters

29-04-2009  
Ulla Rahn-Huber in Port d´Andratx.
Ulla Rahn-Huber in Port d´Andratx.  Foto: Sebastián Terrassa

HOLGER WEBER Ogimi auf der japanischen Halbinsel Okinawa - es gibt keinen Ort auf der Welt, an dem so viele Menschen leben, die älter sind als 100 Jahre. Die Lebens- und Gesundheitsberaterin Ulla Rahn-Huber hat lange Zeit über das Geheimnis der 100-Jährigen recherchiert und nach Gesprächen mit den Alten von Okinawa fünf Säulen für ein langes Leben ausgemacht: Ernährung, Bewegung, Spiritualität, Gemeinschaft und eine Lebensaufgabe. Jetzt ist ihr Buch „So werden sie 100 Jahre. Das Geheimnis von Okinawa" erschienen. Es ist zum Teil auf ihrer Finca in Andratx entstanden.

Sind Mallorca und Okinawa vergleichbar?

Man sagt sogar, Okinawa ist das Mallorca der Japaner. Es ist eine Ferieninsel und weist eine ähnliche Struktur wie Mallorca auf. Es gibt ebenfalls gewisse charakterliche Ähnlichkeiten der Menschen. Auch auf Okinawa ist es gut, jemanden zu haben, der die Tür zur Gesellschaft öffnet. Wenn sie aber einmal offen steht, erlebt man eine geradezu umwerfende Herzlichkeit. Die Menschen auf Okinawa haben eine eigene Identität und sehen sich beispielsweise nicht als Japaner. Auch nicht alle Mallorquiner betrachten sich als Spanier.

Bietet Mallorca Voraussetzungen dafür, älter als 100 Jahre zu werden?

Für mich ist Mallorca ganz stark beim Thema der Lebensaufgabe. Ich glaube, vor allem viele Deutsche kommen hierher und schaffen sich etwas Neues. Sie sitzen, wenn sie das Rentenalter erreichen, nicht im Sessel und schauen Fernsehen, sondern brechen auf zu neuen Ufern. Das ist typisch okinawisch.

Deutsche kommen unter anderem nach Mallorca, weil sie die vermeintlich lockere südländische Lebensart suchen. Würden sie auf Okinawa auch glücklich?
Wer auf Mallorca lebt und sich mit den Behörden auseinandersetzen muss, weiß, dass es mit der entspannten Lebensart in der Realität nicht so weit her ist. Ich habe auf Okinawa zwar kein Haus gebaut und deswegen keinen Umgang mit Baubehörden gehabt. Aber die Verwaltung auf Okinawa ist japanisch und somit von einer unglaublichen Höflichkeit geprägt. Die gesellschaftlichen Umgangsformen dort sind so kompliziert, dass ein Europäer immer nur alles falsch machen kann. Aber die Menschen sind so freundlich, dass Sie einen das nicht merken lassen.

Ähnlich wie auf Mallorca wird auch auf Okinawa das Leben in der Großfamilie sehr gepflegt.
Aber es gibt einen wichtigen Unterschied. In unserem Kulturkreis endet diese Gemeinschaft mit dem Tod. In Okinawa hingegen gibt es einen sehr starken Ahnenkult. Die Menschen betrachten den Tod als Eingang in ein anderes Lebensalter. Die Toten ziehen nach okinawischer Auffassung an einen Ort jenseits des Meeres. Und einmal im Jahr kommen die Ahnen auf spiritueller Ebene zurück. Dazu versammelt sich die Familie, man feiert ein großes Picknick. Das sind Rituale, die den Familienzusammenhalt fördern. Die Menschen haben keine Angst vor dem Tod, das macht sie wesentlich entspannter.

Frauen spielen im spirituellen Leben eine besondere Rolle.
Sie sind für alle Rituale zuständig. Männer können nicht mit den Ahnen reden. Sie können allenfalls ihre Frauen bitten, mit ihnen zu sprechen. Dies bringt die Frauen in eine besondere gesellschaftliche Stellung. Es gibt eine Studie, die die religiöse Bedeutung der Frauen als einen wichtigen Grund anführt, dass ihre Lebenserwartung im Durchschnitt acht Jahre über der von Männern liegt. Das ist weltweit absolute Spitze. Besonders ältere Frauen werden wie Göttinnen behandelt. Eine Einsamkeit im Alter gibt es auf Okinawa nicht.

Auf Mallorca leiden hingegen vor allem viele ausländische Residenten unter Einsamkeit.

Auch da können wir von den Menschen auf Okinawa lernen. Es gibt dort eine Tradition, die ,Bank der kleinen Leute´ genannt wird. Man gründet einen Zirkel von Personen, die irgendeinen gemeinsamen Hintergrund haben. Die Gruppe kann zum Beispiel aus Schulfreunden bestehen. Die Mitglieder treffen sich einmal im Monat. Jeder, der dem Kreis angehört, legt 50 Euro auf den Tisch. Die Gruppe von Leuten beschließt, wer von den Anwesenden das Geld an diesem Abend am dringendsten braucht. Es wird aber dafür gesorgt, dass jeder mal dran ist. Das bedeutet, jeder geht auch über Jahre wieder in den Zirkel, weil er seinen Einsatz wieder herausbekommen möchte. Bei uns ist es doch so, dass man ungern zugibt, dass es einem schlecht geht. Die Deutschen auf Mallorca könnten sich daran ein Beispiel nehmen und enger zusammenstehen.

Was können wir von den Menschen auf Okinawa in Sachen Ernährung lernen?

Es gibt in diesem Punkt deutliche Parallelen zwischen beiden Inseln. Zum einen herrscht auf Okinawa ähnlich wie hier eine ausgeprägte Marktkultur. Die Leute kaufen auf den Märkten ein, die genau wie auf der Insel eine Fülle von Waren im Angebot haben. Auch wird viel auf der eigenen Scholle angebaut. Das Essen ist genau wie auf Mallorca stark von der Fischerei geprägt. Man isst viele Meeresfrüchte und auch Algen. Ernährungswissenschaftler betrachten das als gesund.

Frito Mallorquín und Sobrassada gelten dagegen nicht unbedingt als lebensverlängernd.

Auch auf Okinawa wird Schwein gegessen. Es ist dort zudem ein Zeichen des Wohlstands. Allerdings wird das Fleisch acht Stunden gekocht und hat somit keine vergleichbaren Auswirkungen auf den Cholesterinspiegel. Außerdem wird Schwein in kleinen Portionen gegessen. Die Menschen schlagen sich generell den Bauch nicht so voll. Sie leben nach dem Grundsatz von Konfuzius, der auf Okinawa sehr verehrt wird: Hara hachi bu. Iss, bis dein Magen zu acht Teilen gefüllt ist, also zu 80 Prozent. Das ist sehr interessant, denn heute weiß man, dass die Nerven in den Magenwänden, die ans Gehirn die Sättigungsmeldung geben, sehr träge sind. Deshalb stellt sich erst 20 Minuten nach dem Essen ein größeres Sättigungsgefühl ein als unmittelbar zu dem Zeitpunkt, an dem die Gabel fällt. Man sollte auch auf Mallorca darauf achten, Maß zu halten.

Haben Sie Ihr Leben auf die fünf Säulen eingestellt?
Seit meinem 18. Lebensjahr esse ich kein Fleisch mehr, sondern Fisch und viel Gemüse. Ich arbeite gern körperlich im Garten, mache Yoga. Ich bin ein Familienmensch. Das Thema Spiritualität ist für mich sehr wichtig. Durch die Auseinandersetzung mit dem Ahnenkult in Okinawa rücken auch mir meine Ahnen sehr nah. Als Autorin finde ich zudem immer neue Lebensaufgaben.

Ulla Rahn-Huber; So werden Sie 100 Jahre. Das Geheimnis von Okinawa, mvg-Verlag, München 2009, 19,90 Euro, 192 Seiten.

In der Printausgabe lesen Sie außerdem
- Kabarettist Hans Werner Olm im MZ- Gespräch
- ZDF-Serie Kreuzfahrt ins Glück: Neue Folge von Mallorca nach Marrakesch
- Musikshow Welcome Las Vegas in Palmas Theater Es Fogueró


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