Tui-Aufsichtsratschef Dietmar Kuhnt im MZ-Interview

"Herausforderungen geben Energie": Der 72 Jahre alte Manager über Ziele auf und neben dem Golfplatz, Kritikfähigkeit und das Burn-out-Syndrom

28-01-2010  
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Dietmar Kuhnt
Dietmar Kuhnt Nele Bendgens

GABRIELE RICKE Dr. Dietmar Kuhnt gehört zu den führenden Köpfen der deutschen Wirtschaft. 1989 wurde der Jurist Mitglied des Vorstands der RWE Energie AG, dann deren Vorsitzender. Von 1992 bis 2003 war er Vorstandsvorsitzender der RWE AG. Er war im Aufsichtsrat diverser Unternehmen. Seit Herbst 2009 ist er Vorsitzender des Aufsichtsrats des Tourismuskonzerns Tui. Zum achten Mal nahm der Mallorca-Liebhaber dieses Jahr am Turnier „Almendros en flor“ teil. Entspannt und gut gelaunt nach fünf Stunden Golfspiel kam Dietmar Kuhnt auf die Terrasse des Clubhauses von Canyamel. Und sprach über seinen Zweitwohnsitz auf Mallorca, Herausforderungen und Reisen …

Wann waren Sie zum ersten Mal auf Mallorca?

1996 – und ich hatte alle Vorurteile der Welt! Innerhalb unseres dreiwöchigen Urlaubs haben meine Frau und ich uns dann so in die Insel verliebt, dass wir ein Grundstück gekauft und einen Architekten mit dem Bau eines Hauses beauftragt haben. Es ist eine fantastische Insel, weil sie so viele Möglichkeiten bietet und so unterschiedliche Landschaften. Vor allem die Gegend um Artà gefällt mir sehr.

Seit wann spielen Sie Golf?

Seit 15 Jahren (Handicap 28; Anm. der Red.). Ich habe leider viel zu spät angefangen – einer meiner größten Fehler. Das Schöne ist, dass ein guter und ein schlechter Spieler zusammen spielen können. Dadurch ist es ein Sport, der jedem gleiche Chancen gibt und auch gesellig ist.

Haben Sie beim Spiel den gleichen Ehrgeiz wie im Beruf?
Man kann Golf nicht spielen, ohne ehrgeizig zu sein. Weil man sein Handicap immer verbessern will.

Vorigen Herbst sind sie als Vorsitzender des Aufsichtrats von Tui berufen worden. Ist Ruhestand langweilig?
Wenn man immer aktiv war, auch sehr unter Dampf gestanden hat, kann man nicht von heute auf morgen den ganzen Druck herauslassen. Ich glaube, dann würde ein Knick in der Persönlichkeit eintreten. Man sollte versuchen, in einem angemessenen Gleitflug, dem Alter entsprechend, Aktivitäten abzubauen. Aber immer interessiert und neugierig bleiben. Sich immer ein Ziel setzen. Wenn man sich kein Ziel mehr setzt, hat man sich eigentlich aufgegeben.

Die Menschen werden dazu angehalten, immer länger zu arbeiten. Wollen die Unternehmen überhaupt ältere Mitarbeiter?
Wir haben ein demografisches Problem. Und Erfahrung gewinnt an Bedeutung. Wenn Mitarbeiter mit Mitte 50 ausscheiden, hinterlassen sie oft ein großes Loch an Wissen. Wir müssen Lösungen finden, um Mitarbeiter, die viel Erfahrung haben und noch fit sind, auch über die bisherige Altersgrenze zu halten. Auch Teilzeitmodelle müssen ausgebaut werden. Das geht nur, wenn Unternehmen wettbewerbsfähig bleiben. Dann können sie auch länger beschäftigen. Mit überzogenen Lohnforderungen geht das nicht. Das ist offenkundig.

Sie haben eine Ausnahmekarrie­re gemacht. Wie gehen Sie mit Kritik um?

Ein Mensch, der nicht kritikfähig ist, ist auch nicht lernfähig. Man kann Dinge immer noch besser machen. Kritikfähigkeit ist für mich Voraussetzung eines jeden erfolgreichen Menschen.
Mit 72 leiten Sie noch einen wichtigen Aufsichtsrat. Was reizt Sie an Herausforderungen?
Dass sie Energie aktivieren. Ich habe als Vorstandsvorsitzender ein großes Energieunternehmen geleitet. Jeder Mensch lebt doch davon, dass er Energie hat, produziert und auch weitergibt. Und das geschieht, indem man Herausforderungen annimmt.

Viele Menschen haben genau davor Angst. Von Angst und Burn-out ist zurzeit viel die Rede …
Zum Glück habe ich dieses Symptom nie empfunden. Aber ich kann mir schon vorstellen, dass es eine schlimme seelische Krankheit durch Überforderung und zu hohen Druck ist. Wenn man aber von der Persönlichkeit die Gabe hat, mit großen Aufgaben fertig zu werden, sich selbst realistische Ziele zu setzen und dabei mit den Kräften haushaltet, sehe ich eigentlich nicht, dass man in eine Phase des Burn-outs kommt.

Wie gehen Sie denn mit Problemen um?
Für mich ist immer wichtig, dass ich Probleme nicht vor mir herschiebe, sondern so schnell wie möglich löse. Um den Kopf frei zu bekommen für neue Überlegungen. Viele hoffen, dass Dinge sich von alleine lösen. Aber wenn man sie nicht oder zu spät angeht, entstehen erst recht Probleme.

Sie stammen aus Breslau, wohnen in Essen. Leben Sie gerne in Deutschland?
Ja. Ich finde, es ist ein gutes Land mit vielen schönen Gegenden. Ein spezielles Heimatgefühl für eine bestimmte Stadt habe ich aber nicht. Ich vermisse es auch nicht. Ich finde, man kann überall leben, wenn man auf Menschen zugeht, neue Bekanntschaften macht.

Sie sind dienstlich seit Jahrzehnten ständig unterwegs. Haben Sie da privat noch Lust zu reisen?

Ja. Gerade war ich auf Barbados, in der Karibik. Vorher drei Tage in New York. Ich war aber auch viel unterwegs in Ländern, in denen Erlebnisse nicht unbedingt schön sind. Manche Reisen, wie nach Afrika oder Asien, stimmen mich sehr nachdenklich. Aber auch diese Erfahrung ist wichtig. Die Welt hat nicht nur Sonnenschein. Man sollte auch einen Urlaub mal dazu verwenden, die Schattenseiten der Welt zu ­sehen. Manche Dinge muss ich selbst erleben, um dankbar zu sein, dass ich in Mitteleuropa geboren bin.

Es gibt viel Kritik an der Tourismusentwicklung Mallorcas. Wie sehen Sie die Situation?

Im Moment hat die Tourismusbranche überall Rückgänge zu verzeichnen. Das hängt mit der wirtschaftlichen Situation zusammen. Es ist auch nicht unüblich, dass es gewisse Reisetrends gibt. Aber die Balearen haben schon eine gewisse Stetigkeit. Und mit Mallorca kann man die Leute immer anziehen. Man muss natürlich aufpassen, dass die Insel in ihrem schönen und vielfältigen Charakter erhalten bleibt.

Wo liegen die Reiseziele der Zukunft?

Früher überwogen Pauschalreisen. Die heutige Generation wacht mit dem Computer auf und schläft damit ein. Sie sucht sich die optimalsten Lösungen zusammen, schaut: Wo gibt‘s die besten Hotels? Mietwagen, Flüge? Stellt sich die Einzelteile einer Reise zusammen. Zudem verreisen die Leute nicht mehr so lange, sondern machen lieber zwei, drei Kurzreisen.

Haben Sie selbst je Pauschalreisen gemacht?
Ja, insbesondere Kreuzfahrten.

In der Printausgabe lesen Sie außerdem:
- Alles wahr: Ist Penélope Cruz schwanger?
- Auf eine Ensaimada mit: Restaurantleiter Franco Maiorano

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