Wege zur Selbsterkenntnis: Traurigkeit ist kein Makel

José García Peñalver (48) ist einer der renommiertesten Psychotherapeuten auf Mallorca

11-03-2010  
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Psychotherapeut José García Peñalver in seinem Büro in Palma: „Viele Menschen kennen ihre Bedürfnisse gar nicht.?
Psychotherapeut José García Peñalver in seinem Büro in Palma: „Viele Menschen kennen ihre Bedürfnisse gar nicht.? Privat

GABRIELE RICKE Warum leiden Menschen unter seelischen Problemen? Und wie kann man es ändern? Diese Fragen versucht José García Peñalver, einer der bekanntesten klinischen Psychotherapeuten und -analysten auf Mallorca, in seinem Buch „Hay otra manera de vivir" (Es gibt eine andere Art zu leben) zu beantworten. Er ist Direktor der Berufsvereinigung der Psycho­analytiker in Palma und führt hier eine Praxis.

Viele Menschen leiden unter ihrem Leben. Gibt es überhaupt eine andere Lebensform?
Ja. Es gibt ein Leben ohne Leiden. Unsere Gesellschaft hat sich in eine Wellnessgesellschaft verwandelt, in der suggeriert wird, man müsse ständig lächeln und glücklich sein. Trotzdem, oder gerade deshalb, gibt es immer mehr Menschen, die es nicht sind.

Viele Menschen fühlen sich heutzutage gestresst.
Stress ist ein relativ modernes Wort aus dem Englischen. Es bedeutet nichts anderes als Unruhe und Angst. Wenn ich mich an diesem Punkt befinde, ist schon lange etwas schiefgelaufen.

Was?
Unglücklicherweise haben wir uns daran gewöhnt, nicht mehr eigenständig zu denken, sondern andere für uns denken zu lassen. Wir merken gar nicht mehr, dass wir permanent manipuliert und beeinflusst werden. Wir folgen Normen wie einer Schafherde und unterdrücken unsere echten Wünsche und Gefühle. Genauso paradox: Es ist zu einem Makel geworden zuzugeben, dass es einem nicht gut geht. Dabei sind Symptome, zum Beispiel Phasen der Traurigkeit, ausgesprochen wichtig.

Warum sind sie so wichtig?
Weil sie uns zeigen, dass etwas in unserem Leben nicht rund läuft. Alle Schmerzen, alles Unwohlsein sind ein Zeichen dafür, dass wir nicht im Reinen mit uns sind. Unsere Aufgabe ist es, uns zu fragen, woher sie kommen und warum? Und uns auffordern, nach den Ursachen unseres Nicht-Wohlbefindens zu suchen. Uns zu fragen: Wer sind wir? Was wollen wir? Dazu sind viele nicht bereit. Sie schlucken lieber Pillen und Psychopharmaka. Übertünchen so ihre Leiden. Und unterbinden den Prozess des Nachdenkens. Wenn wir Probleme haben, liegen die Ursachen dafür nie in externen Faktoren, sondern immer in uns selbst. Wenn wir wirklich frei und gesund sein wollen, müssen wir uns von falschen Ideologien befreien.

Was sind die ersten Schritte?
Bewusstwerdung. Wenn ein Auto nicht funktioniert, bringt man es in die Werkstatt, damit die Ursache rausgefunden wird. Patienten kommen zum Beispiel, weil sie sich einsam fühlen, Angst haben, traurig sind, Phobien haben. Sie lernen dann, sich zu fragen: Was passiert mit mir? Warum gelingen mir bestimmte Sachen nicht? Was würde ich lieber machen? Was habe ich mich bisher gar nicht zu denken getraut? Sie müssen sich auch fragen: Was will ich nicht sehen? Was verstecke ich? Was verschweige ich? Dazu gehört gnadenlose Ehrlichkeit mit sich selbst und seinen Bedürfnissen gegenüber. Manchmal auch unedlen. Viele Menschen leben an ihren Bedürfnissen vorbei, weil sie sie gar nicht kennen. 

Warum ist es so schwierig zu erkennen und zu wissen, was man wirklich will?
Oft macht uns das, was wir uns wirklich wünschen, Angst. Wir wollen etwas, haben aber Angst, es uns zu wünschen. In dem Moment, in dem wir erkennen, dass wir uns oder etwas in unserem Leben verändern müssen, widersetzen wir uns deshalb. Es gibt viele Menschen, die, kurz bevor sie ein Ziel erreichen, davor zurückschrecken. Im Beruf und auch privat.

Es gibt also eine Angst, glücklich zu sein?
Ja. Es ist möglich, dass wir unser Leben als schmerzhaft erleben und leiden. Aber es gibt archaische Mechanismen, zum Beispiel aus der Familie, der Vergangenheit, die uns unser Leiden gleichzeitig als befriedigend erleben lassen. Und die uns dazu bringen, daran festhalten. Das können Beziehungen sein oder Situationen. Und weil uns der Gedanke, etwas ändern zu müssen, Angst macht. Das läuft natürlich unbewusst ab.

Ein Beispiel?
Viele Menschen heiraten, weil es der Gesellschaftsnorm entspricht. Weil es einfach dazugehört, eine Familie zu haben. Viele wissen auch gar nicht, aus welchem Grund sie ihren Partner lieben. Oder sie haben einen Beruf ergriffen, weil die Eltern ihn sich für sie gewünscht haben. Oder aus Angst, ihrer echten Berufung zu folgen. Wir müssen unterscheiden: Was sind unsere Wünsche und was die anderer für uns?  

Manchmal scheint es aber, als gäbe es keine Alternative. Zum Beispiel, wenn ich den Zeitpunkt für etwas verpasst habe. Wenn ich sage: Ach, wäre ich doch Zahnarzt geworden …
Es gibt immer eine Alternative. Dann muss ich mich fragen: Wollte ich das damals wirklich? Oder rede ich mir das jetzt nur ein, um mich selbst zu frustrieren? Man muss auch sein eigenes Potenzial realistisch einschätzen. 

Das heißt?
Viele Menschen fantasieren ständig. Sie wollen ganz viel – sind aber nicht bereit, die entsprechenden Opfer zu bringen. Sie wollen so viel Geld verdienen wie Unternehmer X. Gleichzeitig wollen sie viel Freizeit. Sehen aber nicht, dass X für seinen Wohlstand rund um die Uhr arbeitet. Auch das Gegenteil ist oft der Fall: Dass Menschen sich zu wenig zutrauen.

Was bringt mir eine Psychoanalyse?
Selbsterkenntnis. Und die Möglichkeit, das Leben zu lenken.

In der Printausgabe vom 11. März (Nummer 514) lesen Sie außerdem:
- Mode wie aus dem Märchenreich macht die Designerin Antonia Vaquer
- Alles über südliche Pflanzen weiß die Mediterranean Garden Society
- Auf eine Ensaimada mit Galeristin Ingrid Sailer

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