´Andere Menschen anzuhimmeln, ist mir eher fremd´

Tim Bergmann gehört zu Deutschlands erster Schauspiel-Garde. Montag und Dienstag ist er im Zweiteiler "Der kalte Himmel" zu sehen

04-02-2011  

GABRIELE RICKE Er ist einer der meistbeschäftigten Schauspieler Deutschlands. Und einer der bestaus­sehendsten. Trotzdem hört man von Tim Bergmann (38) wenig – jedenfalls außerhalb seiner Rollen. Er will durch seine Arbeit wirken. Nicht durch sein Privatleben. Schon gar nicht durch sein unbestritten attraktives Aussehen. Diese Woche ist Bergmann im Zweiteiler „Der kalte Himmel" zu sehen (3.1. und 4.1., jeweils 20.15 Uhr, ARD).

Dass er sportlich ist, ist bekannt. Er spielt Tennis, surft und läuft Marathon. Wie vor drei Jahren auf Mallorca: „Das war schon eine ganz besondere, bisher einmalige Erfahrung." Die Insel kennt er gut: „Ich war schon oft hier. Nicht nur privat, sondern auch beruflich." Aber trotz zahlreicher Besuche ist der Schauspieler weit entfernt davon, Stammgast zu werden. Vielmehr sucht er immer wieder das Neue: „Einen Lieblingsferienort gibt es für mich so nicht. Die Entdeckung von neuen Orten und Landschaften ist ja gerade das Reizvolle an einer Reise."

Auch bei Filmrollen ist er immer auf der Suche nach neuen Ausdrucksmöglichkeiten. Sein Repertoire reicht vom kalten Herzensbrecher bis zum Komiker. Seit er 1996 mit der Filmkomödie „Echte Kerle" bekannt wurde, ist Bergmann fester Bestandteil der deutschen Filmlandschaft.

In der amerikanisch-spanisch-deutschen Koproduktion „Camino de Santiago" drehte er in Spanien zusammen mit Weltstars wie Anthony Quinn und Anne Archer. Zurzeit ist er in München im Cuvilliés-Theater in „Die Au Mann Schau – spontan aber herzlich" zu sehen. Darin parodiert er unter anderen den spanischen Schlagersänger Julio Iglesias.

In „Der kalte Himmel" spielt Bergmann einen Arzt, der sich Ende der 60er Jahre auf kindliche Entwicklungsstörungen spezialisiert hat. Sein Patient ist ein sechsjähriger Junge, der wegen seines seltsamen Verhaltens ausgegrenzt ist. Bis Tim Bergmann als Dr. Niklas Cromer eine damals für viele noch völlig unbekannte Krankheit bei ihm diagnostiziert: Autismus.

In dem Zweiteiler überzeugt er als nachdenklicher, willensstarker Arzt, der bereit ist, für seine Überzeugungen zu kämpfen. Auch gegen den Zeitgeist. Der Film spielt 1967. Auf dem Land, im tiefsten ­Bayern, wo sein Patient Felix lebt, ist die Gesellschaft konservativ. Und nicht bereit, Menschen, die anders sind oder sich anders verhalten, zu akzeptieren.

Tim Bergmann war begeistert von dem Projekt: „Der Film bietet auf vielen Ebenen die Möglichkeit, über das Menschsein nachzudenken. Im Allgemeinen reagiert der Mensch auf alles Fremde eher unsicher und zurückhaltend. Wenn wir uns dessen nicht bewusst sind, ist es schwer, offen solchen Menschen oder Situationen entgegenzutreten." Und wie verhält er sich persönlich? „Mein Beruf verlangt grundsätzlich Offenheit mir selbst und meinen Mitmenschen gegenüber."

Seit den 60er Jahren, in denen er noch nicht mal auf der Welt war, ist die Welt nicht unbedingt toleranter geworden: „Bei der Vorbereitung auf den Film haben wir festgestellt, dass es auch aktuell im Umgang mit Autisten immer noch zu Problemen kommt. Was sich für betroffene Familien oft zur Tortur ausweitet."

Als Niklas Cromer setzt er sich alteingesessenen Arzt-Kollegen entgegen auf der Suche nach neuen Erkenntnissen. Seinem Idealismus opfert er sogar seine ­Kar­riere. Eine Entscheidung, die Tim Bergmann nachvollziehen kann. Auch er selbst würde für ein tolles Angebot seine Überzeugungen nicht aufgeben, sagt er.

Wie trifft er persönlich Entscheidungen? „Das kommt immer auf die Umstände an. Ich entscheide oft spontan, aber auch nach eingehender Überlegung. Grundsätzlich sollte man sich darüber im Klaren sein, was wichtig für einen selbst ist und wie weit man kompromissbereit sein will und kann."

„Der kalte Himmel" ist aber auch eine Liebesgeschichte. Da fühlt sich der weltgewandte Arzt und Großstädter plötzlich hingezogen zur einfachen, aber gefühlsbetonten und herzlichen Hopfenbäuerin Marie, gespielt von Christine Neubauer. Die im Film ebenfalls eine Wandlung durchmacht: von der braven Bäuerin, Ehefrau und Mutter zur selbstbewussten, kämpferischen Frau, die sich allein in der Großstadt Berlin durchschlägt, sogar einen Job in einer Striptease-Bar annimmt, um die Arztkosten für ihren Sohn zu finanzieren.

Natürlich kommen sich Arzt und Bäuerin, das ungleiche Paar, näher. Obwohl klar ist, dass es kaum mehr werden kann als eine Nacht. Eine Situation, die Tim Bergmann durchaus verstehen kann: „Da ich die Rolle ja gespielt habe, kann ich Niklas´ Entscheidung und seine Sehnsucht nach genau diesem Menschen nachvollziehen. Die Begegnung mit Marie und ihrem Sohn ändert Niklas´ Leben grundsätzlich. Da er sich ganz bewusst dafür entscheidet, ist er bereit, alle Konsequenzen zu tragen." Er opfert sogar seine Verlobte, als er erkennt, dass ihre großbürgerliche Arroganz und ihre Vorstellungen vom Leben nicht mehr zu ihm passen.

Privat gab es nie Affären. Obwohl Tim Bergmann absolut in die Kategorie Frauenschwarm fällt. Mit seiner Frau, der Tänzerin und Choreografin Johanna Richter, lebt er in München: „Ich glaube schon, dass es für eine Partnerschaft von Vorteil ist, wenn man die gleichen Wertvorstellungen hat. Für mich persönlich wäre es zum Beispiel schwer vorstellbar, mit jemandem zusammen zu sein, der eine vollkommen andere ethische oder politische Meinung vertritt als ich."

Trotzdem ist er weit davon entfernt, andere in ihren Vorstellungen zu kopieren. Zu Marie sagt er im Film: „Ich bewundere dich für deine Gefühle." Privat käme ihm ein solcher Satz kaum über die Lippen: „Andere Menschen anzuhimmeln, Eigenschaften zu bewundern, Idole zu haben, ist mir eher fremd. Dazu ist jeder Mensch viel zu individuell und komplex."

Wer sich, wie Tim Bergmann während der Dreharbeiten, lange mit einem Thema wie Autismus beschäftigt, stellt sich natürlich auch privat die Frage, wie er mit einer solchen Situation umgehen würde. Tim Bergmann hat noch keine Kinder. Macht er sich Gedanken, was wäre, wenn ein Kind krank ist? „Ganz allgemein muss man aufpassen, dass einen die Angst nicht vom Wesentlichen ablenkt. Wenn ich ein Kind hätte, und es krank oder anders wäre, brauchte es andere Qualitäten von mir als meine Angst. Im schlimmsten Fall ist sie nämlich nur ein egozentrischer Ausdruck von Unwissenheit."

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