Royal Wedding: Große Vorfreude und totales Desinteresse auf Mallorca

Die britische Mittelschicht auf Mallorca schaut sich die Royals-Hochzeit an, die Unterschichtler trinken nur

28.04.2011 | 15:49
Hotel-Managerin Claire Ashby freut sich auf die Mega-Hochzeit
Hotel-Managerin Claire Ashby freut sich auf die Mega-Hochzeit

Das vorgefasste Bild im Kopf ist glasklar: Man fährt gemächlich auf der Autobahn nach Magaluf, den fest in britischer Hand befindlichen Urlauberort südwestlich von Palma. Das unansehnliche Zentrum ist erreicht, und wenige Tage vor der nicht nur von den britischen Medien zu einer Art Weltwunder hochgeschriebenen Hochzeit von Prinz William und Kate Middleton an diesem Freitag wehen Union Jacks en masse, und in jedem zweiten Souvenir-Shop werden Tassen, T-Shirts und anderer Nippes mit den Konterfeis der beiden Jungstars verkauft. Die Leute wandeln durch die Straßen und reden über nichts anderes als über die so märchenhaft attraktiven jungen Royals.

Doch nein, die Wirklichkeit sieht ganz anders aus: In dem zubetonierten Badeort stößt das bevorstehende Weltereignis auf totales Desinteresse. „It´s just another wedding", es ist einfach nur eine weitere Hochzeit, sagt die Betreiberin des „Dreams Pub", die auch auf wiederholte Nachfrage nicht ihren Namen nennen will. „Wir sind hier nicht patriotisch."

Auch in „Mano´s Place" laufen keine Vorbereitungen für die Hochzeit, die am Freitag (29.4.) mit viel Glanz und Gloria über Stunden durchgezogen wird. „Vielleicht wird hier eine britische Fahne aufgehängt, vielleicht auch nicht", sagt Barmann Santiago. „Ein Anlass für eine Spezialveranstaltung ist die Hochzeit nicht. Hier ist sowieso permanent Party, und das aus ganz anderen Gründen. Mal wird ein Junggesellenabschied gefeiert, mal eine Scheidung." Hier in Magaluf zähle zuallererst der Fußball, dann komme der Alkoholkonsum, dann folgten die Mädels. „Alles andere spielt keine Rolle", sagt Santiago.

Donna, Krankenschwester von der Krankenstation „British Surgery", sieht die Vermählung in London ebenso wenig als Anlass, verzückt die Augen zu verdrehen. „I´m no royalist", sie sei keine Monarchie-Anhängerin, sagt die Britin. Ob denn hier irgendwo irgendetwas über die Bühne gehe? „No idea", keine Ahnung. „Das ist eher unwahrscheinlich, fragen Sie doch bei der Touristenauskunft."

In der Cocktail-Bar „Britannia", die mit edlem roten Anstrich und einem goldenen Krönchen für sich wirbt und genauso aussieht wie ein Ort, der ein Treffpunkt eingefleischter Windsor-Jünger sein könnte, weiß man sogar überhaupt nichts über eine königliche Hochzeit. „Ach ja? Heiraten die in Magaluf?", gibt sich Bar-Manager José ahnungslos.

Magaluf! Das ist der Ort, wo tätowierte und von der Sonne gerötete Teenager aus der Arbeiterklasse des Vereinigten Königreichs immer mal wieder im Vollrausch von Balkonen fallen, sich verletzen oder sterben. Wo der Zustand des Betrunkenseins manchmal tagelang andauert, exakt vom Hin- bis zum Rückflug. Wo lautes Grölen, lautes Rülpsen und lautes Sich-Übergeben neben den Automotoren das übliche Geräusch in den Straßen ist. Wo Prügeleien und Bierleichen in der Hochsaison völlig normal sind. Wie kann hier auch nur ansatzweise Respekt vor oder gar ein wohliges Gefühl für die große Liebe zwischen den so bezaubernden Jung-Royals aus der Heimat aufkommen?

Doch dann ein Lichtblick. In der Touristenauskunft von Magaluf weiß man tatsächlich, wo in Sachen Kate und William etwas passieren wird. „Im Hotel Son Matías wird die Hochzeit gefeiert", sagt Mario José Ferrer. „Aber das ist schon das benachbarte Palmanova. Die bessere Gegend direkt am Meer."

In dem überaus gediegenen Vier-Sterne-Haus schreibt Entertainment-Managerin Claire Ashby gerade großformatige Einladungskarten mit dem Kürzel von Queen Elizabeth II. für die betuchten und ausschließlich britischen Gäste. „Wir zeigen ab 9 Uhr morgens auf einer Riesenleinwand das Ereignis", sagt sie. „Wir denken noch über die angemessene Dekoration nach."

Doch es gibt ein Problem. „In der ganzen Gegend hier gibt es keine britischen Fahnen zu kaufen", sagt Claire Ashby. Und die wären doch anlässlich dieses bedeutenden Ereignisses so ungeheuer wichtig. „What a shame!", was für eine Schande! Es sei schlimm, dass das große Ereignis im heruntergekommenen Magaluf so gut wie nicht gewürdigt werde, erklärt Claire Ashby und rümpft ihre Nase. „Ihr Deutschen interessiert euch mehr dafür als wir Engländer hier."

Auf der Rückfahrt ist der Blick geschärft. Tatsächlich lässt sich in den Souvenirgeschäften von Magaluf keine englische Fahnen auftreiben. Zwar ist der eine oder andere Union Jack erhältlich. Doch es sind Handtücher. Dafür gibt es überall Fahnen der englischen Kicker-Nationalmannschaft. König Fußball ist für die Untertanen der Queen auf Mallorca, die nicht den wohlhabenden sozialen Schichten angehören, im Gegensatz zu den versnobten Royals offenbar der wahre Herrscher.

In der Printausgabe vom 28. April (Nummer 573) lesen Sie außerdem:
- Oster-Nachschlag: Wer alles hier war
- Nicht alle Kinder haben einen Vater: Mutter auf künstlichem Weg
- Er hört, was wir sehen: Neil Harbisson, der erste Cyborg
- weinritter gibt's jetzt auch auf Mallorca

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