Ersatz-Oma aus dem Ausland

Seit Kerstin Emmerinck eine Agentur für Au-Pair-Großmütter gegründet hat, kann sie sich vor interessierten Rentnern kaum retten. Familien auf Mallorca sind besonders gefragt

10-01-2013  
 Kinderbetreuung, aber keine Ersatz-Putzfrau: Kartenspielen gehört für Au-Pair-Omas dazu
Kinderbetreuung, aber keine Ersatz-Putzfrau: Kartenspielen gehört für Au-Pair-Omas dazu Foto: Bendgens

ALEXANDRA WILMS Es begann mit der Verwirklichung eines jahrzehntealten Wunsches. Schon als Studentin hatte Kerstin Emmerinck davon geträumt, einige Monate bei einer Familie in Paris zu verbringen und das Leben in der französischen Hauptstadt kennenzulernen. Doch es wurde nichts daraus: Die Mutter erlaubte es nicht.

Als viele Jahre später ihre eigenen Kinder aus dem Haus waren, genoss sie die freie Zeit. Zumindest am Anfang. Doch irgendwann stellte sie sich die Frage, ob das jetzt schon alles gewesen sein sollte – und der alte Traum vom Paris-Aufenthalt fiel ihr wieder ein. Aber mit 62 nochmal ins Ausland?

„Ich sagte mir: Egal, das machst du jetzt." Nach langem Suchen fand sie eine französische Familie, deren Tochter in den Abiturvorbereitungen steckte und Deutsch-Nachhilfe brauchte – der Traum wurde Wirklichkeit. Und in ihrer freien Zeit ging sie selbst in die Sprachschule, lernte Französisch und genoss das Leben als „Einheimische" in vollen Zügen. „Als ich zurückkam, fühlte ich mich 40 Jahre jünger."

Zurück im heimischen Prien am Chiemsee hörte sie als Reaktion auf ihre begeisterten Erfahrungsberichte immer häufiger: „Das würde ich auch gerne machen." Emmerinck studierte den Markt und fand heraus, dass in Deutschland über fünf Millionen Single-Rentner leben. „Nur Golf und Seidenmalerei erfüllt ihr Leben auch nicht: Viele sehnen sich nach Aufgaben, wollen gebraucht werden." Also gründete Emmerinck die Agentur „Madame Grand-Mère" – mit durchschlagendem Erfolg: Zwei Jahre später haben sich fast 250 Senioren bei der mittlerweile als Verein registrierten Agentur angemeldet.

Emmerinck ist nun ständig auf der Suche nach deutschen Gast­familien im Ausland, die ein neues Familienmitglied auf Zeit brauchen. Gerade erst konnte sie eine Oma in die Türkei vermitteln: „Die Mutter hatte in Deutschland studiert und wollte, dass auch ihre kleinen Kinder Deutsch lernen." Bei den Bewerbern wiederum steht vor allem eine Vermittlung nach Spanien hoch im Kurs: „Viele haben bereits Grundkenntnisse im Spanischen, die sie gerne vertiefen möchten", sagt die heute 65-Jährige.

Die Ersatz-Oma bietet gegenüber dem klassischen Au-Pair viele Vorteile, wie Emmerinck aus eigener Erfahrung weiß. Sie selbst lebte lange mit ihren Kindern im Ausland und hatte viele Au-Pairs zu Gast: „Das war mit wenigen Ausnahmen auch ganz wunderbar, aber ich hatte neben meinen drei eigenen Kindern dann noch ein viertes im Haus, inklusive der Verantwortung."

Eine reife Dame hingegen müsse man eben nicht darauf hinweisen, pünktlich aus der Disco heimzukehren oder in die Schule zu gehen. Die Frauen in ihrer Datenbank hätten selbst Kinder großgezogen und könnten zudem kochen: „Gerade Familien mit einem kleinen Baby brauchen jemanden, auf den sie sich verlassen können. Und viele freuen sich, wenn endlich mal wieder ein typisch deutscher Schweinebraten auf den Tisch kommt."

Ob kochen, Kinder von der Schule abholen oder Nachhilfe geben: Die Aufgabenbereiche der Ersatz-Oma werden im Vorfeld genau festgelegt. Sowohl die interessieren Senioren als auch die möglichen Gastfamilien müssen nicht nur Fragebögen ausfüllen, sondern auch kurz umreißen, was sie genau erwarten. „Falls das nicht eingehalten wird, erinnern wir auch mal freundlich daran."

Denn eine billige Arbeitskraft soll die Oma auf Zeit nicht sein. „Ich frage die Familien immer: Was erwarten Sie, wenn Ihre eigene Oma zu Besuch kommt? Die lassen sie ja auch nicht das ganze Haus putzen." Allerdings falle der Aufgaben­bereich für die Austausch-Omis je nach Arbeitsaufkommen der Eltern ganz unterschiedlich aus. Gerade bei alleinerziehenden Eltern sei natürlich mehr zu tun.

In Fällen, in denen intensive Kinderbetreuung gefragt ist, überlege man im Vorfeld gemeinsam, wie das auszugleichen sei: Die Gasteltern übernehmen dann oft die Kosten für das Flugticket, einen Sprachkurs oder zahlen ein Taschengeld. Das gibt es aber nur in Ausnahmefällen: „Wenn Sie nur drei Mal die Woche mit den Kindern in den Sandkasten müssen, ist Kost und Logis genug."

Egal, was beide Seiten vereinbaren – geregelt wird es in einem Vermittlungsvertrag. Denn bei „Madame Garnd-Mère" geht alles ganz offiziell zu. Ganz umsonst ist das nicht: Die Senioren zahlen eine Vermittlungsgebühr von 200 Euro, die Familien 400. Dafür garantiert Emmerinck, dass auch alles passt.

Dazu gehören auch Details: Bei Interviews über den Internetdienst Skype lässt sie sich das Zimmer zeigen, in dem die Ersatz-Oma wohnen soll. Das sei wichtig, weil sich die Damen in ihrem privaten Rückzugsort wohlfühlen sollen. Bisher lief immer alles gut, manche fühlen sich im Ausland so wohl, dass sie ihren Aufenthalt sogar verlängern.

Emmerinck hat auch eine Handvoll Männer, die gerne für ein paar Monate im Ausland leben möchten. Allerdings seien die deutlich schwerer vermittelbar. Dabei preist sie ihre „tollen Männer" immer gerne an: „Gerade bei Jungs im Grundschulalter ist ein Opa, mit dem man Seifenkisten bauen kann, viel gefragter als eine Oma."

Manche Familien gehen übrigens den umgekehrten Weg: Aktuell sucht Emmerinck eine spanische Gast-Oma mit Deutschkenntnissen, die einige Monate bei einer deutschen Familie verbringen möchte.

www.madame-grand-mere.de

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