Lebensmittel sind keine Heilmittel

Aber bitter nötig sind sie trotzdem. Über das Für und Wider von Essensspenden

21.02.2013 | 01:00

An Engagement mangelt es wahrlich nicht: Da ist die übergewichtige Britin, die sich ihre Diät sponsoren lässt und so die purzelnden Pfunde direkt in Lebensmittel für Bedürftige umwandelt. Da gibt es eine Hilfsorganisation, die Milch, Obst und Gemüse für schlecht ernährte Kinder in Sa Pobla heranschafft. Da kann man direkt vor dem ­Supermarkt Reis, Nudeln oder auch Konserven für Mallorcas Lebensmittelbank, die banco de alimentos, spenden.

Doch sind die Berge an Lebensmitteln, die inzwischen tagtäglich auf der Insel eingesammelt und wieder verteilt werden, wirklich das, was die krisengebeutelte Bevölkerung braucht?

„Viele Menschen könnten derzeit ohne diese Lebensmittel nicht überleben", sagt Llorenç Riera von der Caritas in Palma, die selbst jeden Monat tonnenweise Nahrung unters Volk bringt, die teils aus einem EU-Fonds finanziert, teils in speziellen Kampagnen gesammelt wird.

Doch Riera gibt auch zu bedenken, dass mit simplen Geldspenden genau das bezahlt werden könne, was gerade am dringendsten ist – die Stromrechnung, Medikamente, Schulbücher für die Kinder. Wenn Vereine und Gruppierungen Hilfs­aktionen planen, entschieden sie sich allerdings oftmals direkt für Lebensmittelspenden. „Essen ist das sicht­barste und augenscheinlichste Symbol für Solidarität." Wenn hingegen mit einer gezielten Spendenaktion Jugendlichen eine Ausbildung ermöglicht oder die längst überfällige Hypothekenrate beglichen und damit eine Familie vor der Obdachlosigkeit bewahrt werden kann, sei das nicht sofort als erfolgreiche Hilfsinitiative erkennbar – und zudem weniger öffentlichkeitswirksam. Aber unter Umständen sinnvoller.

Daneben bereitet dem Caritas-Mitarbeiter noch ein anderes Problem zunehmend Kopfzerbrechen: Mit der sich verschärfenden Krise gehe ein „Boom an Essens­spenden" einher. Caritas, Rotes Kreuz, banco de alimentos, Hilfsorganisationen wie Zaqueo oder „Mallorca sensa fam" (Mallorca ohne Hunger), Wohltätigkeitsvereine und Pfarreien – alle mischen bei der großen Nahrungsmittel-Umverteilung mit. „Doch es fehlt immer noch an Koordination", klagt Riera. Mit der Folge, dass die Verteilung nicht immer gerecht vonstattengehe – und sich die einen das, was ihnen eigentlich zustehen würde, aus Scham nicht holen, während andere, die teils recht unkontrollierte Essensausgabe schamlos ausnutzten. „Außerdem ist es entwürdigend, wenn sich jemand bei den Kapuzinermönchen in die Schlange stellen muss, um Lebensmittel zu bekommen." Dies könnte man verhindern, wenn man die Verteilung anders organisiere. Ein erster Schritt ist immerhin gemacht: Es liefen bereits erste Gespräche zwischen den beteiligten Organisationen und Palmas Stadtverwaltung.

Jaume Santandreu, streitbarer, inzwischen aus der Kirche ausgeschlossener Priester und Gründer des Wohnheims Can Gaza für sozial Benachteiligte, verteidigt die Essensspenden prinzipiell. „Der Hunger ist Realität. Uns bleibt nichts anderes ­übrig, als Lebensmittel zu verteilen." Die meisten Betroffenen seien keine „professionellen Hungerleidenden" wie etwa Obdachlose, die wüssten, wie man sich durchschlägt, sagt Santandreu. „Die würden ohne diese Spenden nichts essen." Dennoch unterscheidet der Pater zwischen Initiativen wie etwa der „Operación
Kilo", bei der Menschen dazu angehalten werden, eigens Lebensmittel zu kaufen, die anschließend gespendet werden, und solchen wie „Comida para todos", die ­Essen, das sonst im Müll landen würde, einsammelt und an Notleidende verteilt. „Solche Initiativen kommen nicht nur den Armen zugute, sondern sind auch deswegen sinnvoll, weil so weniger Nahrungsmittel weggeschmissen werden." Nehme man dagegen extra Geld in die Hand, könnten damit genauso gut andere, eventuell sinnvollere Dinge finanziert werden.

Außerdem dürfe es sich bei all den Hilfsaktionen nur um Übergangslösungen handeln, betont Santandreu – wie bei einer Naturkatastrophe, nach der es das Elend der Menschen zu überbrücken gilt. „Denn die Lebensmittelrationen sind kein Heilmittel." Zusammen mit fünf anderen im Kampf gegen den Hunger engagierten Gruppierungen hat er deshalb soeben ein an die Politiker adressiertes Manifest verfasst, in dem ein anderes, gerechteres Gesellschaftssystem gefordert wird.

Was Pater Jaume gewohnt rebellisch in der Sprache der systemkritischen 15-M-Bewegung formuliert, sieht Anke Assig vom Bundesverband der Deutsche Tafeln genauso: „Unser Anliegen ist es nicht nur, Bedürftigen schnell und effizient zu helfen, sondern wir fordern auch politische Konzepte, die armen Menschen eine Perspektive geben und ihnen ein menschenwürdiges Leben ermöglichen." Die Ursachen von Armut würden schließlich nicht durch Lebens­mittelpakete beseitigt, sondern durch gerechte Löhne, ausreichend hohe Sozialhilfe-Regelsätze und Arbeit. „Das ist in Deutschland bei einer historisch niedrigen Arbeitslosenquote schon nicht einfach. In Spanien möchte ich es mir gar nicht vorstellen", sagt Assig. Gerade deshalb sei die Arbeit der Tafeln – die in Deutschland bereits auf eine 20-jährige Tradition zurückblicken – unabdingbar. „Die Nahrungsmittel kommen direkt an und entlasten das Budget der Menschen."

Der Bundesverband Deutsche Tafeln habe sich deshalb gegen die von der Bundesregierung geforderte Abschaffung des EU-Sozialfonds für ­Lebensmittelhilfe ausgesprochen – aus dem beispielsweise Palmas banco de alimentos 2012 rund 925 Tonnen Lebensmittel erhalten hat. „Wir plädieren für diese unbürokratische Hilfe", sagt Anke Assig. Sie müsse gewährleistet sein – egal ob jemand in Deutschland oder Mallorca bedürftig ist.

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