Erwin Müller: „Man darf den Menschen nicht vergessen´

So hat man sich den Patriarchen der Drogeriemärkte nicht vorgestellt: eine Begegnung mit Erwin und Anita Müller

12.11.2014 | 15:00

Erwin Franz Müller spricht so leise, dass selbst ein geräuschempfind­liches Aufnahmegerät mitunter versagt. Überhaupt ist der 81-Jährige ganz anders, als es das öffentliche Bild des Einzelhandels-­Haudegens erwarten lässt: bestimmt, ja sicher, aber zugleich zurückhaltend, reflektiert, liebenswürdig.

Und noch etwas überrascht gleich zu Anfang des Gesprächs, am vergangenen Samstag in ­Canyamel (2.11.). Der Gründer und Eigentümer der Müller Drogeriemärkte hat die ganze Zeit über Lily auf dem Schoß, eine von zwei Pekinesen­hündinnen, die seine Frau Anita Müller und ihn überallhin begleiten. Die andere heißt Tapsi, beide kommen sie aus einem mallorquinischen Tierheim, und beide sind sie die Nachfolgerinnen von Jordi, einem Pekinesen-Dackelmischling, der Erwin Müller über 14 Jahre so sehr ans Herz wuchs, dass er von ihm nach seinem Tod im vergangenen Jahr eine Bronzestatue anfertigen ließ. Sie steht nun vor seinem Büro in der Firmenzentrale in Ulm.

„Manche lachen darüber", sagt Erwin Müller. Aber das sei ihm egal. „Jordi fehlt mir heute noch."

Pekinesen, so ist nachzulesen und berichtet auch Erwin Müller, sind ausgesprochen intelligente Tiere, die schon genetisch – sie wurden am Kaiserhof in China gezüchtet – auf ein einziges Herrchen fixiert sind.

Außer auf Mallorca gebe er eigentlich keine Interviews, sagt Erwin Müller. Er sei von dem Resultat schon zu oft enttäuscht worden: „Da setzt man sich an einen Tisch, unterhält sich, und es kommt doch etwas ganz anderes heraus." Die Regeln der Müller-Unternehmensgruppe sorgen immer mal wieder für Schlagzeilen: Da wird die Gründung von Betriebsräten verhindert, da wird sehr genau auf den Krankenstand geschaut. Erwin Müller hat in diesen Fragen tatsächlich dezidierte Ansichten: „Es kann doch nicht angehen, dass ein Betriebsrat mehr verdient als die Bundeskanzlerin."

Andererseits werden die rund 30.000 Mitarbeiter nach Tarif bezahlt und sind sich der Aufmerksamkeit der Eigentümer gewiss. Es gibt Grußkarten zum Geburtstag, kleine Geschenke zum Valentinstag, 25 Euro für das Weihnachts­essen. „Unsere Mitarbeiter sind sehr zufrieden", stellt Erwin Müller fest, und eine Mitarbeiterin in Palma bestätigt das durchaus.

Und da sind die berühmten roten Briefumschläge im Aufenthaltsraum, die jeder einzelne Angestellte an Erwin Müller adressieren kann, um ein Problem anzusprechen (um Anfragen und Beschwerden der Kunden kümmert sich seine Frau). Er persönlich würde die Briefe innerhalb von zwei, drei Tagen beantworten. „Und das Gute ist: Auch der Filialleiter weiß, dass die Mitarbeiter diese Möglichkeit haben."

Der Firmenpatriarch, der sich um alle Mitarbeiter sorgt und alle Fäden in der Hand hält – das ist so ziemlich das genaue Gegenteil moderner Unternehmensführung. Aber es funktioniert. „Wissen Sie, wie hoch der Krankenstand in unserem Zentrallager in Manacor dieses Jahr ist?", fragt Erwin Müller: „Null".

60 Jahre ist der gelernte Friseur schon als Unternehmer unterwegs, fünfzig davon mit den reinen Drogeriemärkten, wie er sie sich 1969 auf einer USA-Reise zum Vorbild nahm. Schritt für Schritt hat er eine Firmengruppe aufgebaut, die mit ihren derzeit 682 ­Filialen in sieben Ländern (in Spanien nur Mallorca) dieses Jahr einen Umsatz von 4 ­Milliarden Euro erwartet. Für die Zeit nach Erwin Müller ist inzwischen eine Nachfolgeregelung in Kraft: Ein fünfköpfiger Beirat, in dem auch sein Sohn Reinhard Müller vertreten ist, soll schon mal „üben".

Zwischen 2013 und 2015 will die Gruppe jährlich 50 neue Filialen eröffnen, eine Expansion, die „nur aus dem Cash-flow finanziert wird". Auch auf Mallorca, wo die Gruppe 221 Mitarbeiter beschäftigt, wird weiter aufgestockt. Zu den bestehenden neun Filialen kommen demnächst noch zwei weitere hinzu: in ein paar Wochen eine in Campos und im Februar 2014 eine weitere in Palmas Ikea-Gewerbe­gebiet. Zudem ist für Frühjahr 2015 die Eröffnung einer großen mehr­stöckigen Filiale an der Plaça d´Espanya in Palma geplant. „Da fehlt uns nur noch die Baugenehmigung", sagt Erwin Müller, „ich verstehe nicht, warum die in diesen wirtschaftlich schwierigen Zeiten so lange auf sich warten lässt".

Auch hier gilt: Der Chef und seine Frau sind stets nah dran, überwachen bei ihren Mallorca-­Besuchen den Fortschritt der ­Arbeiten und achten etwa darauf, dass die Müller-Richtlinien – hell erleuchtete und mit vielen Spiegeln ausgestattete Räume, im rechten Winkel stehende Regale – eingehalten werden.

Diese aufwendigen Filialen sind eine der Unterscheidungsmerkmale gegenüber den Mitbewerbern dm und Rossmann. Dass man trotzdem „jeden Preiskampf" mitmachen könne, hinge mit dem wesentlich größeren Sortiment zusammen, sagt Erwin Müller: „Wo Rossmann in einer Abteilung 12.000 Artikel anzubieten hat, haben wir 25.000." Die Zusammensetzung des Warenangebots sei weitgehend gefestigt – nein, man werde sich nicht eines Tages in ein Kaufhaus verwandeln –, wobei demnächst noch das eine oder andere ergänzt werde, etwa bei Bio-Waren oder Naturkosmetik.

In den nächsten Wochen steigen die Müller-Drogeriemärkte auch in den Online-Handel ein: Die Kunden können ihre Bestellungen im Internet aufgeben, müssen aber in die Filialen, um die Ware abzuholen und zu bezahlen. Ob das großen Zuspruch finden wird? „Wir wissen es nicht", gestehen die beiden einhellig. Erwin Müller mahnt zur Vorsicht: „Wer verdient denn wirklich im Online-Handel? Es machen doch fast alle Verluste!" Und nicht nur ihm fällt es schwer, sich vorzustellen, dass das die Zukunft ist: Einkaufen im Netz, ohne Schaufensterbummel, Anfassen und Ausprobieren oder einem kleinen Plausch mit den Verkäufern. „Man darf den Menschen nicht vergessen, man kann ihn nicht von heute auf morgen ändern", sagt Erwin Müller.

Ebenso akribisch wie an den Ausbau ihrer Filialen sind die beiden an die Renovierung des Clubhauses von Golf Canyamel herangegangen, Erwin Müller, der selbst nicht Golf spielt, hatte den Platz Jahre lang mit einem mallorquinischen Partner betrieben. Nach einem langwierigen Streit – „darüber mag ich nicht reden" – hat er die Anlage nun ganz übernommen. „Sie können sich gar nicht vorstellen, wie es hier teilweise aussah", sagt Anita Müller. Anlässlich des 25-jährigen Bestehens des Golfplatzes (vgl. S. 32 und 33) hat sie eine umfassende Modernisierung angestoßen – und dafür unter anderen eigens einen italienischen Inneneinrichter und einen Münchner Vorhang-Spezialisten einfliegen lassen.

Die familieneigene Finca liegt nicht allzu weit von dort entfernt, bei Cala Ratjada. „Ich wollte es ruhiger, ländlicher haben", erklärt Erwin Müller die Standortwahl vor inzwischen ebenfalls 25 Jahren. Sie kämen fünf- bis sechsmal im Jahr auf die Insel und dann auch meist nur ein verlängertes Wochenende. „Hier ständig zu leben, könnte ich mir nicht vorstellen – mir würden die Jahreszeiten fehlen", sagt Erwin Müller.

Mallorca ist dennoch in ihrem Leben sehr präsent: Die Container für die Insel-Filialen – praktisch das gesamte Warenangebot stammt aus Deutschland – gehen mit landwirtschaftlichen Produkten der Müller-Finca zurück nach Deutschland, etwa Lamm- und Straußenfleisch, Wein und Gemüse, Obst und Olivenöl. „Von Brot, Milch und Eiern einmal abgesehen, ernähren wir uns auch in Deutschland ausschließlich von mallorquinischen Produkten", sagt Anita Müller. Auf der Finca werden auch tropische Obstbäume angebaut, wobei es nicht so ist, dass Erwin Müller selbst im Garten mit anpackt und dabei entspannt. Es scheint eher der Reiz des Machbaren zu sein, der ihn lockt. Der passionierte Jäger hat auch Mufflons auf die Insel gebracht. „Ich habe sie in Ungarn entdeckt und mir gedacht, das wäre doch etwas für Mallorca."

Gegen Ende kommt das Gespräch noch einmal auf die Preiskämpfe im Handel, besonders mit Lebensmitteln. „Daran sind die Verbraucher mit schuld, weil sie alles immer noch billiger haben wollen", sagt Erwin Müller. Auch er sei entsetzt über die Zustände, die etwa in der Schweine­fleisch-Produktion herrschen, auch er hat im Fernsehen die Bilder von Schlachthof-Arbeitern gesehen, die alle fünf Sekunden ein Tier töten müssen. „Die sind an ihren Grenzen, das kann doch kein Mensch aushalten." Von dem Geld, das sie dafür bekämen, ganz zu schweigen. „Und da wird noch über einen Mindestlohn von 8,50 Euro diskutiert", sagt der Unternehmer, der immerhin auf Platz 120 der Forbes-Liste der reichsten Deutschen rangiert, „dabei müssten es doch mindestens 15 Euro sein!"

Wie gesagt: Erwin Müller ist ganz anders, als man ihn sich gemeinhin vorstellt. In den kommenden Wochen wird er auf seiner Finca übrigens selbst eine Schlachtung überwachen. Nicht nur eines Schweins, sondern derer gleich zwei: eines für die mallorquinische Sobrassada und eines für die deutsche Leberwurst.

Im E-Paper sowie in der Printausgabe vom 7. November (Nummer 705) lesen Sie außerdem:

- Xisca Capó ist Jägermeisterin
- Neues von der Insel-Society

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