Inselkoller auf Mallorca: Wenn die Sehnsucht zu groß wird

Man könnte auch von Dorfkoller sprechen. Unsere Autorin muss zwischendurch aufs Festland hüpfen, um in die Anonymität einer Großstadt einzutauchen

04.01.2015 | 08:12

Irgendwann ist es wieder so weit und es krabbelt in mir hoch, dieses Gefühl, mal wieder raus zu müssen. Auszugehen und einen Drink zu nehmen, in einer richtigen Bar, in einer Großstadtbar, wo etwas los ist. Eine Fülle von Menschen ist nötig, die mich nicht allein fühlen lässt auf dieser Welt. Und die mich gleichzeitig in einer entspannten Anonymität belässt.

Ganz klar, ich muss mal wieder aufs Festland rüber. Von der Insel in die Großstadt eintauchen, diesen Schmelztiegel von Kulturen, Aussehen, Modestilen, Meinungen, Ideen. In diesem Tiegel möchte ich ab und zu mitrühren. Weil es mir das Gefühl gibt, mich auszuweiten, größer zu werden als ich bin, Landschaften in mir zu erkunden, die sonst dunkel und unbetreten blieben. Und weil es ein bisschen Nervenkitzel bringt, mich in Anwesenheit anderer auf den Weg zu mir selbst zu machen. Ich könnte ja jederzeit die Anonymität brechen, auf jemanden zugehen, ihn ansprechen, ihn in meine Gedanken einweihen. Und was in den eigenen vier Wänden banal geklungen hätte, bekommt so plötzlich Bedeutung. Vielleicht werde ich auch selbst angesprochen und in wirre Ideen ver­wickelt. Kann mich mehr oder weniger tief darauf einlassen oder plötzlich „Adieu, ich zieh weiter" sagen. Und weg bin ich. Auf dem Weg in die nächste Bar.

In der Bar mit dem oder der Liebsten zu flirten – auch das ist etwas anderes als zu Hause auf dem Sofa zu kuscheln. Weil man öffentlich ist und demonstriert: Das ist mein Schatz, ich küsse ihn hier und in aller Öffentlichkeit, um es euch zu zeigen. Oder: Mir ist ganz egal, wo ich gerade bin, ich habe jetzt einfach Lust zu knutschen. Aber das stimmt meistens nicht, denn man weiß genau, dass man nicht daheim, sondern in der Bar ist. Die Bar als aufregender Ort der Versuchung, wo man sich gerne verführen lässt, vom Partner, der mit dabei ist, oder einem Fremden, wenn man allein am Tresen steht. In einer Bar wird die Lebensgeschichte anders weiter geschrieben als daheim, mit ungewissem Ausgang, das ist aufregend und der Alltag zeigt unverhofft seine charmante Seite.

Warum muss es eine Bar in der Großstadt sein, warum funktioniert nicht eine Dorfbar mit Dorfmenschen? Weil das Ambiente wenig, oft gar nicht prickelt. Und weil man etwas Glamouröses oder zumindest Spannendes und Kurioses sehen und erleben will. Und damit ist in der Dorfbar wohl eher nicht zu rechnen. Auch Palma ist so gesehen ein Dorf. Jetzt in der Nebensaison tummeln sich die Menschen in der Bar Cuba, dort zeigt sich am Wochenende ein Schatten von Großstadt. Aber das reicht nicht. Die Großstadtbar ähnelt einem Kinobesuch – und ist noch besser als Kino, weil man selbst in einem Film mitspielt. Klar, auch in der coolsten Bar kann es mal langweilig zugehen, weil die Gäste uninteressant sind, der Barmann/die Barfrau optisch nichts hergeben, die Musik doof ist. Aber dann zieht man einfach weiter und sucht sich eine andere Bar, die von außen nach Kino aussieht (und spätestens jetzt kommt man in Palma nicht weiter).

Oft kann man problemlos den ganzen Abend in derselben Großstadtbar verbringen. Man ist dann Dauergast, fühlt sich schon ein bisschen wie zu Hause. Als Stammgast überblickt man ruhigen und wissenden Auges das Geschehen, ordert immer dasselbe Getränk und bekommt es irgendwann ungefragt vom Barmann nachgeschenkt. Man blättert zwischendurch in einer Zeitschrift, holt vielleicht sogar ein Notizbuch zum Schreiben heraus. Ansonsten sitzt man einfach nur beobachtend da. Man kann auch sein Glas beobachten und über sich selbst nachdenken. Wenn noch andere einsame Menschen in der Bar sitzen, kann man rüberlächeln oder etwas Belangloses sagen, um zu zeigen: Ich bin heute allein hier, weil ich allein sein will. Deshalb bin ich aber kein Eremit, der das Alleinsein zum Leben braucht.

Manchmal kommt man mit den anderen Einsamen ins Philosophieren über das Alleinsein. Das Gespräch dreht sich immer nur um das Phänomen, nie um die persönliche Situation. Genauso unvermittelt wie es begann, endet es meist wieder und man gleitet zurück in die Anonymität der Großstadtbar. Gibt dem Barmann ein Zeichen, das Glas wieder zu füllen und hängt seinen Gedanken nach. Lässt sich ablenken von einer Gruppe von Leuten, die in die Bar stürmen. Entdeckt plötzlich eine Frau, die allein an einem der Tische sitzt und liest. Irgendwann zahlt man, geht heim (oder ins Hotel) und fühlt sich angenehm angefüllt mit Eindrücken, Gesichtern, Gedanken. Man nimmt das Gefühl mit, mitten im Leben gewesen zu sein. Man war mal wieder aus. Und während die Sehnsucht immer stärker in meiner Brust klopft, tippe ich bereits in die Tasten. Fünf Minuten später ist der Flug Palma-Madrid gebucht.

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