Peter Zingler: Vom ewigen Knacki zum Grimme-Gott

Erst saß er oft im Knast, dann schrieb er unzählige Drehbücher. Jetzt ist sein Leben Filmstoff: Der 71-Jährige kommt auf die Insel

19.02.2015 | 09:04

Wenn einer jahrelang wegen Einbruchs- und Hehlerdelikten im Knast schmort und dann mit 40 ein total legales und sogar
erfolgsgekröntes Leben beginnt, kann das als reife Leistung bezeichnet werden. Peter Zingler ist genau dies gelungen. 1944 in Chemnitz geboren, wurde er als Kind von seiner Mutter weggegeben und von einer Kölner Familie ­adoptiert. Es geriet in der im Zweiten Weltkrieg völlig zerstörten westdeutschen Stadt ins Kleinkriminellen-Milieu und danach konsequent auf die schiefe Bahn.

„Als Drei- und Vierjähriger klaute ich wie ein Rabe und wurde dafür belohnt und geküsst", so der mittlerweile 71-Jährige, der am
6. März in der Kulturfinca Son Bauló aus seinem Leben erzählen wird. Zuvor wird am 27. und 28. Februar in der ARD ein Zweiteiler über seine Kindheit ausgestrahlt: „Die Himmelsleiter". Es war die Zeit, „als die Bauern die Kapitalisten der Stunde waren und man für einen Ehering lediglich einen Salatkopf bekam."

Als die „Himmelsleiter" wurde eine Schmugglerroute von Deutschland nach Belgien bezeichnet. „Ich war damals nicht strafmündig und wurde mit Messing und Kupfer über die Grenze geschickt", sagt Zingler. „Im Grunde genommen wurde ich von den Erwachsenen missbraucht." Die von den Kindern über die geschmuggelte Ware wurde dann in Belgien versilbert.

Man sei eben mit Ehrlichkeit nicht weit gekommen, „als sich jeder selbst der nächste war", sagt Zingler. Er habe nie die Chance gehabt, ein Unrechtsbewusstsein entwickeln zu können, dafür sei er aber so eine Art „Freibeuter" geworden. Zinglers Taten brachten ihm zahllose Gefängnisaufenthalte in Deutschland, Sizilien, Jamaika, Marokko und auch in Spanien (Marbella) ein – insgesamt zwölf Jahre, wobei ihm auch einige Ausbrüche gelangen.

Und dann, nach langer Zeit hinter Gittern, nahm Zinglers Leben eine Wendung. „Ich fing damit an, erotische Geschichten für die Zellen­nachbarn zu verfassen", sagt er. „Im Knast denkt man eben ständig an das, was man nicht hat." Auf Anregung von „den Jungs" versuchte er dann, die Geschichten Herrenmagazinen wie „Playboy" und „Penthouse" anzudienen – mit unerwartetem Erfolg. Als er im Juli 1985 nach seiner letzten Haftentlassung „zum zweiten Mal geboren wurde", wie er sagt, konnte er sich nach und nach als Reportage-, Roman- und Kurzgeschichtenautor etablieren. Doch sein Steckenpferd waren Drehbücher. 80 Stück entstanden in all den Jahren, hauptsächlich für die Serien „Tatort", „Schimanski" und „Ein Fall für zwei". 1993 wurde der Ex-Kriminelle gar mit dem Grimme-Fernsehpreis für den „Tatort" „Kinderspiel" geadelt.

Und jetzt wird er selbst zum Thema eines Films, für den er das Drehbuch schrieb und der mit Top-Schauspielern aufwartet wie Christiane Paul, Axel Prahl, Ernst Stötzner oder Nikolai Kinski, Sohn des unvergessenen Charakterdarstellers Klaus Kinski („Nosferatu"). „Das Ding", wie Zingler die aufwendige Produktion nennt, „ist richtig gut geworden". Man habe in der Nähe von Prag sogar „das kaputte Köln detailgetreu nachgebaut". Im Mittelpunkt des Films steht die Familie, die Zingler adoptierte, und eine weitere Familie, deren Oberhaupt ein Ex-Nazi ist. Der wähnt sich im Nachkriegsdeutschland erneut auf der Gewinnerseite und macht Zinglers Familie das Leben schwer.

„Zehn Jahre habe ich den Stoff den TV-Sendern wie Sauerbier angeboten", so Zingler weiter. Dann sei ihm der gut vernetzte Regisseur Carlo Rola über den Weg gelaufen, und auf einmal sei alles ganz glatt gegangen. „Womit früher niemand etwas zu tun haben wollte, findet jetzt jeder toll."

Das zeige, dass die Medien- und Verlagsbranche verlogen sei, sagt Zingler. Da lobe er sich das Einbrecher- und Hehlermilieu, deren Teil er so lange war. Zwar weine er dieser Zeit keine Träne nach, aber „wenn einer einen Waggon gestohlener Lederjacken versprochen bekommen hatte, dann klappte das, das lief alles sehr zuverlässig ab." Es habe gegolten: ein Mann, ein Wort.

Wie durch und durch kriminell es im Nachkriegs-Köln zuging, wird nicht nur in der „Himmelsleiter" erzählt, sondern auch in Peter Zinglers Autobiografie „Im Tunnel" (Frankfurter Verlags­anstalt, 19,90 Euro). Und eben in der Kulturfinca Son Bauló, mit dessen Betreiber Will Kauffmann er seit gemeinsamen Frankfurter Tagen auf du und du ist. Vor einigen Jahren lief Zingler schon einmal dort auf, um aus seinem Leben zu erzählen. „Dort kamen auch Jungs hin, die ich von früher kenne und die jetzt auf Mallorca leben", plaudert er. „Die tranken dort Wills Champagner ganz weg."

Nachdem er in den 70er Jahren auf den Geschmack gekommen war, war Zingler Mallorca lange Zeit untreu gewesen. „Weil eine Freundin in Conil bei Cádiz ein Haus hatte, fuhr ich eben dort hin." Doch das habe sich inzwischen geändert. Mindestens einmal im Jahr hält sich Zingler nunmehr auf der Insel auf. „Und immer besuche ich Freunde."

Der Zweiteiler „Die Himmels­leiter läuft am 27./28.2. um 20.15 Uhr in der ARD. Der Abend mit Zingler am 6. März auf Son Bauló beginnt um 19 Uhr. Um Anmeldung unter 971-52 42 06 wird gebeten. Kostenpunkt: 18 Euro. Wer danach noch ein Viergänge-Menü verspeisen will, zahlt noch einmal 26 Euro.

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