Hotelier des Jahres: "Wir denken uns ständig etwas Neues aus"

Rolf Seelige-Steinhoff betreibt 15 Häuser auf Usedom – und das „Bahia del Sol" in Santa Ponça. Jetzt steigt er dort in das benachbarte Café Katzenberger ein

05.03.2015 | 02:30
Rolf Seelige-Steinhoff im Bahia del Sol in Santa Ponça: „Der treueste Gast war schon über 80 Mal hier im Urlaub?

Der Titel wurde ihm Anfang ­Februar von der „Allgemeinen Hotel- und Gastronomie-Zeitung" verliehen: Rolf Seelige-Steinhoff ist „Deutschlands Hotelier 2015". Der geschäftsführende Gesellschafter der Seetel Hotels betreibt 15 Häuser auf Usedom. Die Gruppe ist somit Platzhirsch auf der Ostseeinsel. Doch auch auf ­Mallorca besitzt Seetel ein Hotel: das Bahía del Sol in Santa Ponça. Es war Burghardt Seelige-Steinhoff – sein 51-jähriger Sohn bezeichnet den 2010 Verstorbenen respektvoll als „Senior" –, der mit der Beteiligung an diesem Haus die Erfolgs­geschichte des Familien­unternehmens begann. Die Seetel-Gruppe steigt in diesem Jahr offiziell im benachbarten Café Katzen­berger ein. Ein Gespräch über zwei ganz verschiedene Inseln.

Herr Seelige-Steinhoff, 15 Hotels auf Usedom und nur eins auf Mallorca, Wie kommt´s?
In Santa Ponça legte der Senior, der in der Schuhbranche in den 60ern und 70ern gutes Geld verdient hatte, mit einer Teilhaberschaft den Grundstein für die heutige Seetel-Gruppe. Das Bahia del Sol übernahmen wir Anfang der 90er Jahre von den restlichen Gesellschaftern, das war unser Einstieg ins operative Geschäft. Dank der guten Erfahrungen auf Mallorca beschlossen wir zur Wende, auch im ostdeutschen Tourismusgeschäft aktiv zu werden.

Warum haben Sie Ihre Insel­präsenz nie ausgebaut?
Wissen Sie, unser Engagement in Deutschland war eigentlich nur für zwei oder drei Jahre geplant, nach dem Motto ´Wir machen mal schnell ein bisschen Aufbau Ost´. Aber es war eine so positiv-verrückte Zeit und hat so viel Spaß gebracht, dass wir plötzlich in so eine Art Mühle hinein­gekommen sind – da denken Sie dann gar nicht an Spanien. Zudem weiß man aus Erfahrung, dass es in Spanien auch mal ganz brutale Jahre geben kann. Man muss ein Zeitfenster erwischen, in dem es sich lohnt zu kaufen. Aber wir weiten unser Engagement in Santa Ponça in diesem Jahr ein wenig aus.

Was haben Sie vor?
Wir sind vertraglich in das Café Katzenberger eingestiegen, das sich direkt neben dem Hotel befindet. Die bisherigen Betreiber fanden es schwer, das von Deutschland aus zu tun, also helfen wir da jetzt dezent mit. Mit Daniela Katzenberger ist vereinbart, dass sie regelmäßiger vor Ort sein wird – sie wohnt ja jetzt auch ganz in der Nähe. Wir arbeiten hervorragend zusammen und haben seit 2013 die Katzenberger-Suite im Hotel, die sich großer Beliebtheit erfreut. Teils kommen Leute, die eigentlich auf der anderen Seite der Insel urlauben, um eine Nacht in der Suite zu verbringen.

Beim Anblick der eher betagten Gäste, die sich derzeit hier aufhalten, sei die Frage erlaubt: Sind das Katzenberger-Fans?
Das ist natürlich auch eine Frage der Saison. Im Sommer ist unser Publikum hier ganz anders, und für viele junge Urlauber ist das Katzenberger-Thema das i-Tüpfelchen. Aber egal welche Altersklasse: Wenn Daniela hier zu Gast war, hat nie jemand die Nase gerümpft. Wir haben doch alle schon über ihre freche Schnauze geschmunzelt. Für uns ist der Einstieg ins Café eine schöne Gelegenheit. Ob sich die Partnerschaft rechnet, wird man sehen – wer´s nicht versucht, macht auch keine Fehler. Wir haben uns 2010 nach dem Tod des Seniors in Deutschland neu aufgestellt und eine Marktanalyse für Spanien machen lassen, mit deren Hilfe wir uns neu positionieren und langsam eine neue Zielgruppe ansprechen.

Warum?
Der mit Abstand treueste Gast des Bahia del Sol ist 85 Jahre alt und war schon über 80-mal hier im Urlaub, er gehört mittlerweile bereits zum Inventar des Hauses. Er ist auch der einzige, der an ´seinem´ Zimmer ein Namensschild installiert hat. Weil er in seinem Alter nicht mehr so gut in die Badewanne kommt, haben wir ihm über den Winter eine ebenerdige Dusche eingebaut – über die hat er sich sehr gefreut, als er pünktlich zur Wiedereröffnung am 5. Februar angereist ist. Aber diese Generation von Gästen stirbt leider aus.
Noch haben Sie aber recht viele treue Stammgäste, wie man auf dem Weg zur Eingangshalle sieht. Stimmt. Als wir unseren ´Walk of Fame´ einführten, wollten wir zu Beginn jenen Gästen einen Stern verleihen, die zum fünften Mal bei uns Urlaub machen. Aber das waren so viele, dass wir auf 15 Hotel­besuche erhöht haben – sonst hätten wir bald vorne anbauen müssen, um alle Sterne unterzukriegen. Es sind sicher auch solche Stammgastprogramme, wegen derer das Bahia del Sol sich als Geheimtipp entwickelt hat – wir sind eben kein „ur-typisches" Hotel und denken uns ständig neue Sachen aus. Gerade beschäftigen wir uns übrigens mit der Herstellung von Seife aus Ziegenmilch.

Das müssen Sie uns erklären.
In unserem neuen Biogarten, der auf einem Grundstück direkt neben dem Hotel liegt, halten wir unter anderem ein paar Ziegen. Aus deren Milch wollen wir nun Seife machen, um sie an die Gäste zu verschenken. Außerdem stehen auf dem Grundstück Bienenstöcke. Wir werden demnächst unseren eigenen Honig anbieten – ich werde langsam zum Ökobauer (lacht). Wir wollen unsere Gäste mit ungewöhnlichen Themen abholen, bei denen für jeden etwas dabei ist.

Mit normalem 08-15-Betrieb funktioniert das Geschäft nicht mehr?
Wir verkaufen keine Betten, sondern wir verkaufen Emotionen und Geschichten. Und wenn Sie zu jedem Detail eine Geschichte erzählen können, dann behalten die Gäste das viel mehr in Erinnerung. Wir unterscheiden zwischen Basisqualität, die sich auf Sauberkeit und ordentliches Essen bezieht, Erwartungsqualität – die beinhaltet zum Beispiel, dass das bevorzugte Kopfkissen schon im Zimmer bereit liegt, wenn der Gast anreist – und der Überraschungs­qualität. Wenn man sich zum Gast setzt und fragt: ´Ihre Nichte hatte doch unlängst ihren 7. Geburtstag?´, weil er das im Jahr zuvor erzählt hatte, freut er sich wahnsinnig über diese Aufmerksamkeit – auf solche Details kommt es an.

Da Sie ja die Vergleichsmöglichkeit haben: Wo hat man es als Hotelier leichter, in Deutschland oder auf Mallorca?
Ach wissen Sie, es gibt sympathische Menschen, und es gibt unsympathische Menschen, und beide gibt es eben überall. Auf Mallorca staunt man gerade auf lokaler Ebene teils Bauklötze, welche Steine einem in den Weg gelegt werden. Andererseits herrscht oft auch ein bewusstes Laissez-faire, das in Deutschland fehlt: Ein bisschen Lockerheit könnten wir da durchaus übernehmen. Wir haben in Spanien schon viel mitgemacht – andererseits ist die Entwicklung in Deutschland wegen des Mindestlohns gerade für die Hotellerie katastrophal.

Wie sieht es denn mit der Wintersaison aus – kämpfen Usedom und Mallorca da in gleichem Maße?
Überhaupt nicht, Usedom ist ein ausgesprochenes Winterziel, all unsere Häuser dort haben ganzjährig geöffnet. Usedom ist eine Sonneninsel, es ist dort zwar viel kälter als auf Mallorca, aber es ist die sonnenreichste Region Deutschlands. Die Gäste gehen am Strand spazieren, kehren in die vielen Cafés ein und genießen das Wellness-Angebot.

Da könnte Mallorca etwas lernen?
Als wir hier vor 40 Jahren anfingen, war die Insel eine reine Sommerdestination. Als einer der Vorreiter machten wir damals überhaupt mal im Winter auf, aber für eine ganzjährige Öffnung fehlt es schlicht an Flügen. Wir haben vergangenes Jahr erstmals bis zum ersten November­wochenende aufgehabt und tasten uns da langsam vor. Viele unterschätzen, wie viele Faktoren bei so einer Saisonverlängerung berücksichtigt werden müssen, nehmen Sie allein die Arbeitsverträge. Die langfristige Saisonausweitung funktioniert nur, wenn alle Beteiligten sich Stück für Stück arrangieren.

Ihre Auszeichnung bekamen Sie unter anderem wegen Ihres Engagements für das Musikfestival auf Usedom. Fehlen solche Initiativen hier?
Da hat Mallorca sicherlich noch viel Potenzial. Zumal das nicht mit Geld zu tun haben muss, sondern mit Engagement. Nehmen Sie das Oktoberfest in Santa Ponça – eine schöne Sache, mit der man Gäste lockt. Das muss nicht unbedingt teuer sein, aber es geht nur mit Vernetzung. Hier vor Ort ist die Zusammenarbeit mit den Mitbewerbern sehr gut, bei Über­buchung oder Wasserschaden hilft man sich. Als Einzelkämpfer hat man hier mittelfristig keine Möglichkeit, zu überleben – gemeinsam muss es gehen.

Im E-Paper sowie in der Printausgabe vom 26. Februar (Nummer 773) lesen Sie außerdem:

- Zur Abwechslung Mallorca: Achim Reichel komponiert auf der Insel
- Wo Mallorca am deutschesten ist: der Boulevard von Santa Ponça
- Neues aus der Insel-Society

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