Spanische Frauenbewegung: Vom eigenen Pass zum gleichen Lohn

Erfolge und Rückschläge: von der Franco-Diktatur über den Tourismusboom bis hin zum krisenbedingten Neo-Machismus

05.03.2015 | 02:30
Geschafft: erfolgreiche Teilnehmerinnen beim Frauen-Marathon in Palma 2014

1975, ein halbes Jahr vor Francos Tod, wurden in Spanien die antiquiertesten aller rechtlichen Diskriminierungen abgeschafft. Seitdem dürfen Frauen ohne Erlaubnis ihres Ehemanns einer bezahlten Arbeit nachgehen, sich einen Pass ausstellen lassen oder ein eigenes Konto eröffnen. Esperança Bosch ist in ihrer frühen Jugend für diese längst selbstverständlich wirkenden Errungenschaften auf die Straße gegangen. Heute ist sie Professorin am Psychologie-Lehrstuhl der Balearen-­Universität, wo sie den Masterstudiengang „Gleichstellungspolitik und Prävention geschlechts­spezifischer Gewalt" leitet. Anlässlich des Internationalen Frauentags am 8. März sprachen wir mit der 56-Jährigen, die sich seit vielen Jahren in der „Lobby de Dones de Mallorca" engagiert, über Erfolge und Rückschläge der spanischen Frauenbewegung.

Wenn man bedenkt, dass bereits während der Zweiten Spanischen Republik (1931-1936) das Frauen­wahlrecht eingeführt, die Scheidung legalisiert oder ein Gesetz zum Schutz arbeitender Mütter beschlossen worden war, wirken die Zugeständnisse von 1975 wie eine Wiederholung der Geschichte. Wie sehr hat die Diktatur die Spanierinnen zurückgeworfen?
Ganz gewaltig. Im europaweiten Vergleich hatte Spanien 1931 eine der fortschrittlichsten, avantgardistischsten Verfassungen. Unter Franco wanderten wir wieder auf den hintersten Platz. Die „Sección Feminina" der Falange, die Frauenorganisation innerhalb der faschistischen Bewegung, hat beispielsweise einen verpflichtenden, 16 oder 17 Monate dauernden Sozialdienst für Frauen eingeführt. Wer den nicht absolviert hatte, durfte sich während der Diktatur unter anderem nicht an der Uni einschreiben oder einen Pass beantragen. Dennoch studierten und arbeiteten ab den 60er Jahren immer mehr Frauen – weil durch den Tourismusboom auf Mallorca auf einmal wahnsinnig viele Arbeitskräfte benötigt wurden.

Hat der Tourismus den Insel-Frauen also in die Hände gespielt?
Das ist ein zweischneidiges Schwert. Auf der einen Seite musste wegen der Entwicklung des Arbeitsmarktes das Gesetz angepasst werden, um auch verheirateten Frauen das Arbeiten zu ermöglichen. Auf der anderen Seite entstanden aber gerade in der Tourismusbranche zahlreiche prekäre, leider nach wie vor sehr frauen­typische Jobs. Das beste Beispiel ist das Zimmermädchen. Heute noch sind Frauen bei den Teilzeit- und Saisonjobs überproportional hoch vertreten.

Im frühen 20. Jahrhundert sorgten Urlauberinnen aus dem Norden, die sich im Badeanzug am Strand zeigten, für Aufruhr auf der Insel. Hatten Sie später auch Einfluss auf die Frauen­bewegung?
Die Präsenz von Urlauberinnen aus demokratischen Ländern brachte natürlich frischen Wind auf die Insel und hatte sicher Auswirkungen. Ausschlaggebend war aber, dass die Frauen bereits während der Diktatur erneut aufbegehrten. Eine wichtige Rolle spielten hierbei linke Parteien, Gewerkschaften, aber auch Nachbarschaftsvereine, in denen sich vor allem Frauen organisierten. Auf diesem Weg forderten Frauen erstmals wieder ihre Rechte ein. Wobei das damals nicht so einfach war, wie es heute klingt. Auch im linken politischen Lager waren Machismus und Chauvinismus in den 70er Jahren an der Tagesordnung.

Wie ging es nach dem Ende der Franco-Ära weiter?
Mit der ersten demokratischen Verfassung von 1978 wurden Frauen den Männern dem Gesetz nach gleichgestellt. In Artikel 14 heißt es, dass niemand wegen seines Geschlechts diskriminiert werden darf. Das ist die Theorie, doch im realen Leben waren wir davon noch weit entfernt. Ein wichtiger Meilenstein war 1983 die Gründung des spanischen Fraueninstituts, sie erfolgte auf Empfehlung der Vereinten Nationen. Die Zuständigkeit für Gleichstellungsfragen wurde allerdings den Autonomieregionen übertragen, wo nach und nach Ableger gegründet wurden. Die Balearen waren eines der Schlusslichter: Das hiesige „Institut de la Dona Balear" wurde erst 1997 gegründet. Im Jahr 2000, unter der ersten Mitte-Links-Regierung des Fortschrittspakts, nahm es endlich seine Arbeit auf.

Hatten es die Frauen unter den Sozialisten prinzipiell leichter als unter von der Volkspartei (PP) geführten Regierungen?
Die Konservativen haben natürlich andere Auffassungen als die Linken. Doch am schlimmsten haben uns, unabhängig von jeglicher politischer Couleur, die Kürzungen der vergangenen Jahre getroffen. Im neuen Pflegeversicherungsgesetz etwa wurden die Zahlungen für pflegende Angehörige stark reduziert – und das trifft vor allem Frauen, da sie in der Regel die Fürsorge für kranke Ehemänner, Eltern oder behinderte Kinder übernehmen. Auch die Einsparungen in der Sozial- und Gleichstellungspolitik machen sich negativ bemerkbar: Fälle von häuslicher Gewalt nehmen zu, Jugendliche, vor allem junge Männer, übernehmen auf einmal wieder traditionelle Rollenmuster. Das alles liegt daran, dass Präventions- und Hilfsmaßnahmen gestrichen wurden und die Erziehung zu Gleichbehandlung und Gleichberechtigung zunehmend auf der Strecke bleibt. Diese Art von Neo-Machismus taucht übrigens besonders in Krisenzeiten auf, in Griechenland passiert gerade dasselbe.

Würden Sie den Eindruck bestätigen, dass die heutige Jugend wieder zunehmend konservativ denkt?
Vor allem ist ihre Denke extrem stark von Stereotypen und teils ganz veralteten Rollenmustern geprägt. Das jedenfalls geht aus mehreren gerade erst veröffentlichten Studien hervor. Da ist ein Drittel der jungen Männer der Meinung, dass es gern gesehen wird, wenn sie mit mehreren Mädchen gleichzeitig ausgehen, während sie dies umgekehrt nicht dulden würden. Unter Mädchen und jungen Frauen hingegen ist die Annahme weit verbreitet, dass eine Beziehung umso besser ist, je eifersüchtiger der Freund ist. Und einer von drei Jugendlichen ist der Meinung, dass man das Handy des Partners oder der Partnerin kontrollieren darf oder gar muss. Das ist schon besorgniserregend, was da heranwächst. Schuld ist vor allem die mediale Sozialisation: Filme, Serien, Lieder, Videospiele – all das wird immer noch stark von klassischen Rollenbildern dominiert.

Wofür müssen die Frauen also auch in Zukunft noch kämpfen?
Auf jeden Fall gegen geschlechtsspezifische Gewalt, denn die wird durch die eben geschilderten Denkmuster, wonach die Frau dem Mann unterstellt ist, regelrecht befördert. Auch dass immer noch viele Frauen in prekären Jobs arbeiten und später über keinerlei Altersvorsorge verfügen, ist ein riesiges Problem. Und von gleichen Löhnen sind wir noch weit entfernt. Aus Angst, eine Stelle nicht zu bekommen, akzeptieren vor allem Frauen fast alles – auch dass sie in Bewerbungsgesprächen nach Kinderwünschen und Familienstand gefragt werden, obwohl das gesetzeswidrig ist. Dasselbe Gehalt für dieselbe Arbeit gibt es bisher eigentlich nur in der öffentlichen Verwaltung. Doch selbst da sind Frauen benachteiligt, sobald es um die Beförderungsprüfungen geht. Ihnen bleibt schlichtweg weniger Zeit zum Lernen, weil sie sich um Haushalt und Kinder kümmern müssen. Die Zahl der Männer, die hier einen ernsthaften Beitrag leistet, ist in Spanien immer noch verschwindend gering. Wir haben also noch viel zu tun.

Im E-Paper sowie in der Printausgabe vom 5. März (Nummer 774) lesen Sie außerdem:

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