Die sieben Mallorca-Laster

Nicht, dass schlechte Charaktereigenschaften ein Alleinstellungsmerkmal der Inseldeutschen wären. Und doch – zu jeder einzelnen „Todsünde" sind uns passende Anekdoten eingefallen?

02.04.2015 | 09:43
Die sieben Mallorca-Laster

Gleich zur Vorwarnung: Bei der ein oder anderen folgenden Gegebenheit werden Sie meinen, wir hätten uns das ausgedacht. Doch nein: Das Leben selbst schreibt die besten Geschichten – oder besser gesagt Paradebeispiele für die Begriffe, die in der Bibel als die „sieben Todsünden" bezeichnet werden. Aus Rücksicht auf die Beteiligten erlauben wir uns, die folgenden Mallorca-Laster-Episoden in anonymisierter Form wieder­zugeben.

Ganz besonders allgegen­wärtig ist in der deutschen Parallel­gesellschaft wohl der Neid. „Hier gönnt doch keiner dem anderen die Butter auf dem Brot" dürfte in den einschlägigen Kreisen zu den meist zitierten Sätzen überhaupt gehören. Um die These zu bestätigen reicht es völlig aus, sich einen Nachmittag lang in ein Café am Hafen von Port d´Andratx zu setzen – und ein wenig die Ohren zu spitzen. Den Rest übernehmen die drei elegant gekleideten Endvierzigerinnen am Nebentisch, die sich über eine gemeinsame „Freundin" unterhalten. „Die hat doch immer noch so viele Schulden, oder?", fragt die Brünette mit den Perlen­ohrringen. „Klar, jeder Euro, der auf dem Konto eingeht, wird direkt beschlagnahmt", be­­stätigt die Blonde in der teuren Daunen­weste süffisant lächelnd. „Deshalb ist das ja so komisch, dass die jetzt in dieser geilen Luxuswohnung mit Meerblick lebt", zischt die etwas dunklere Blonde mit der erstarrten Stirn – und fährt mit ihrer Aufzählung fort: Die neuen Lederjacken, die zwei Autos, das aktuellste Handy für den 14-jährigen Sohn, die gestrafften Augenlider, und dann die Zahnbürste für 200 Euro, von der die besagte Freundin erzählte € Unauffällig bestellt der Zuhörer einen zweiten Kaffee, jetzt will man ja doch hören, wie die Abwesende sich das alles überhaupt leisten kann. Die – nicht eben unerwartete – Erklärung liefert dann ausgerechnet die mit den Perlenohrringen und dem eleganten Habitus: „Die schläft doch sicher mit einem alten Knacker, der ihr die Kohle gibt", tönt es aus dem sorgfältig geschminkten Mund, der sogleich in bösartiges Kichern ausbricht.

Zugegeben, die Geschichte hätte auch für das zweite Laster, die Wollust – welch ein Wort, lassen Sie es sich mal auf der Zunge zergehen – herhalten können. Doch auch zum Thema Begehren und Ausschweifungen mangelt es ja nicht an Fallbeispielen. Nehmen Sie nur die Geschichte von dem deutschen Arzt. Seit Jahren lebt der kultivierte Mittfünfziger mit seiner attraktiven gleichaltrigen Frau auf der Insel, sie wohnen in einer schicken Villa, die Praxis läuft gut, alles ist ganz wunderbar. Dann geht er eines Abends in lustiger Männerrunde aus, am Ballermann endet die Nacht in einem Striplokal. Beim Blick auf die osteuropäische Schönheit, die sich an der Stange räkelt, ist es um den Mann geschehen. Unsterblich verliebt er sich, die junge Frau ist dem Mercedes­fahrer sehr zugetan, er reicht die Scheidung ein und heiratet die Schönheit, die etwa halb so alt ist wie er selbst. Sie zieht zu ihm in die Villa, holt ihren „Bruder" aus der Heimat nach, auch er findet Unterkunft in dem groß­zügigen Anwesen. Eine Weile lang ist alles gut, dann kehrt der Mediziner eines Abends nach Hause zurück und wird vor dem Einfahrtstor seiner Villa von der Polizei erwartet. Im Hintergrund steht in der Eingangstür seine schöne junge Frau – mit blauem Auge, geschwollener Wange und blutiger Lippe. Er sei das gewesen, sagt sie den Beamten und zeigt mit dem Finger auf den Arzt, den die Polizisten daraufhin direkt mitnehmen. Als er wieder auf freiem Fuß ist, kommt die richterliche Schutzanordnung: Er darf sich der Frau nicht mehr nähern. Und auch seiner Villa nicht. Dort lebt jetzt sie. Mit ihrem „Bruder".

Tja, der Hochmut, er kommt vor dem Fall. Doch Moment, jetzt sind wir ja schon bei Laster Nummer drei. Also schnell weiter zu dem deutschen Ehepaar aus dem Südwesten, das den klischeeblonden Nachwuchs natürlich standesgemäß in einem dicken Geländewagen vor den Toren der teuren Privatschule absetzt. So weit, so gewöhnlich. Doch dann naht das Schuljahresende, und die überraschte Deutschlehrerin bekommt von der Schuldirektorin die Order, den beiden Kindern kein Zeugnis auszustellen. Warum? Weil die Eltern das Schulgeld nicht bezahlt haben. Draußen vor dem Tor stehen die weinenden Kinder, daneben die blasse Mutter. Von der Lehrerin angesprochen, murmelt sie nur einen einzigen Satz: „Wissen Sie, die teuren Leasing-Raten für das Auto", bevor sie die Tür des schicken Geländewagens für die zeugnislosen und zornigen Nachkommen öffnet.

Während die Zornestränen in diesem Fall wohl mehr als berechtigt sind, richtet sich der Zorn der Deutschen als viertes Insellaster gerne gegen „diese Mallorquiner", die wahlweise nicht Autofahren können, Tiere quälen, sich einfach nicht öffnen (sprich: Deutsch lernen) wollen und ganz allgemein eigentlich gar nichts hinkriegen. Auch „diese Gesetze" (bei Bedarf auszutauschen durch „Steuervorschriften", „Trinkverbote" oder
„Führerscheinregelungen", die natürlich allesamt ausschließlich der Schikane bedauernswerter Ausländer (wohlgemerkt die von der guten Sorte, nicht irgendwelche Wirtschaftsflüchtlinge) dienen, bringen die deutschen Residenten – festhalten, Inselkalauer – auf die Palma. Meist bleibt es bei verbaler Empörung und Wut. Doch nicht immer – fragen Sie mal den Gärtner des für seine Zornesausbrüche berüchtigten deutschen Unternehmers. Aber fragen Sie laut: Nachdem der Angestellte mal nicht das Lieblingsmüsli seines Arbeitgebers beschafft hatte, geriet dieser so in Rage, dass er dem Mann ins Ohr biss.

Finden Sie kleinlich, um nicht zu sagen geizig? Da haben wir aber noch ein viel besseres und inselweit bekanntes Laster-Anekdötchen in petto. Und zwar ausgerechnet von einem, bei dem man Geiz am wenigsten erwartete hätte. Schließlich scheffelte der frühere Profisportler einst Millionen. Was ihn aber nicht davon abhielt, für erwiesenermaßen erbrachte Leistungen auf seiner großen Finca nicht zu bezahlen. Erst muss der Gärtner klagen. Dann die Baufirma. In beiden ­Fällen zeigt sich der Auftraggeber stur und lässt es fast bis zur Zwangsversteigerung kommen. Der Anwalt, der das Begleichen der Schulden empfiehlt, wird entlassen. In letzter Sekunde zahlt der Sportler dann doch. Als der ehemalige Anwalt nachhakt, warum der Mann berechtigten Geldforderungen immer erst auf den letzten Drücker nachkommt, erhält er die lapidare Antwort, der Herr sähe das eben sportlich.

Was uns wieder zum Hochmut führt – ach nein, das hatten wir ja schon. Widmen wir uns also lieber den noch verbleibenden Lastern. Da wäre zum einen die Völlerei, die sich keinesfalls auf die Horden der germanischen Prekariatsurlauber im All-inclusive-Hotel beschränkt – auch Reich und Schön kennt bei Garnelen­schale und Sushi-­Arrangement am Buffet der Wohltätigkeitsveranstaltung weder Halten noch Contenance. Jenseits von Charity-Events wird die Völlerei häufig gar nicht unbedingt quantitativ, sondern vielmehr pekuniär betrieben: Es geht nicht darum, wie viel gegessen wird, sondern was das Ganze kostet. Augenscheinlich wird dies jeden Samstag an den Austernständen im Mercat Olivar: Hierher schleppt der Resident den gutsituierten Besuch, damit der mal sieht, wie viel besser man selbst situiert ist. Dass manch einer die teuren Meerestiere eher nach dem Prinzip „Kopf in den Nacken und weg mit dem Zeug" in sich hineinwürgt, zeugt davon, dass es nicht in erster Linie um den Geschmack geht – zum Glück kann man danach ja ganz wunderbar mit einem ordentlichen Schluck Champagner (wichtig! Ja kein günstiger Cava oder gar Weißwein!) hinunterspülen. Auch in den Restaurants gilt oft: Lage (immer in Blickweite der zumindest nach außen hin betuchten Rest-Gesellschaft) und Preise der Speisekarte sind viel wichtiger als die Erzeugnisse, die auf dem edlen Geschirr gereicht werden – und deren Namen man ohnehin nicht richtig aussprechen kann.

Womit wir auch schon beim letzten der sieben Laster wären: der Faulheit. Dabei geht es gar nicht unbedingt um das süße Nichtstun, dem man auf der Insel unbestreitbar ganz herrlich frönen kann. Es geht um die Sprache. Natürlich bleibt jedem selbst überlassen, wie sehr er oder sie sich in der neuen Wahlheimat integrieren möchte. Doch wenn die Spanisch-Kenntnisse (vom Inselidiom Mallorquinisch sei an dieser Stelle nicht einmal die Rede) nicht über das Bestellen eines Bieres hinausreichen, dann ist es eben auch nicht sonderlich verwunderlich, dass man so gar keinen Kontakt zu diesen verschlossenen Einheimischen findet. Dass ausgerechnet in den deutschen Enklaven der Insel gerne über Ausländer geschimpft wird, die im heimischen Deutschland Parallelgesellschaften bilden – tja, so ist das nun mal.

Gegen Ende des Artikels überfällt die faule und von Neid zerfressene Autorin ob ihrer hochmütigen Betrachtung der anderen ein gewisser Zorn auf sich selbst. Zu retten wäre das wohl nur durch eine sofortige und maßlose Befriedigung der eigenen Wollust. Doch um sich jetzt den knackigen Japaner zu bestellen, auf dessen nacktem Sixpack das Sushi serviert wird, dafür ist sie einfach zu geizig. Es ist schon ein Kreuz mit diesen Lastern.


Im E-Paper sowie in der Printausgabe vom 26. März (Nummer 777) lesen Sie außerdem:

- Mannis Mallorca-Krimi ist fertig
- Klatsch und Tratsch von der Insel
- Stefanie Heinzmann ganz nah: Sängerin stellt neues Album vor

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