Ladyboys: Wenn Männer die schöneren Frauen sind

Faszination Transgender: Der Schweizer Friseur und Inselresident Valentino macht umoperierte Transsexuelle zu Models

24.06.2015 | 10:41
Schwer zu glauben, dass diese Schönheiten einst als Männer zur Welt kamen: Transgender-Models einer Werbekampagne des Shampoo-Herstellers Goldwell

Er sei ein „hundertprozentiger Italo-Macho-Hetero, der Frauen über alles liebt", stellt er gleich zu Beginn des Gespräches klar: Valentino, der in Zürich und anderen Städten der Schweiz 14 Frisör­salons sein Eigen nennt, ist charmant, gesprächig, entwaffnend offen – und hat einen guten Riecher für Trends. Schon einen Monat, bevor der ehemalige US-amerikanische Leichtathletik-Star Bruce Jenner in seiner neuen Identität als Frau namens Caitlyn auf dem Juni-Cover des Magazins „Vanity Fair" posierte, präsentierte der Insel-Teilzeitresident seine neueste Kampagne: Der Shampoo- und Haarpflegemittelhersteller Goldwell wirbt mit von Valentino in Thailand entdeckten Models – die wie auch Jenner einst als Männer auf die Welt gekommen sind.

Eine Tatsache, die beim Anblick der Fotos nur schwer zu glauben ist. Und die auch den in der Schweiz geborenen Selfmade-Unternehmer zu Anfang sehr überrascht hat. Den ersten „Ladyboy", wie die umoperierten Transsexuellen in Thailand genannt werden, lernte Valentino vor rund drei Jahren bei einem ­Aufenthalt in dem asiatischen Land kennen. „Ich war hypnotisiert", erinnert sich der 54-Jährige, der nicht glauben konnte, dass die vor ihm stehende Schönheit einst ein Mann gewesen sein sollte. „Ich sprach sie an, wollte unbedingt Fotos von ihr machen – aber sie traute dem, was ich ihr vorschlug, nicht", so Valentino über den ersten Kontaktversuch.

Dabei ging es ihm keineswegs um Anzüglichkeiten: „Ich bin ein Ästhet, wenn mein Auge etwas sieht, dann mache ich sofort eine Geschichte daraus."

Und da er die Geschichte nun eben schon im Kopf hatte, blieb er hartnäckig – mit Erfolg. Beim zweiten Anlauf war Cherry, so der Name des schönen Wesens, zu professionellen Aufnahmen bereit. „Ich bin mit ihr als Frau in Kontakt getreten, und das hat sie zu schätzen gewusst". Nach zwei Foto-Sessions ermunterte sein erstes Model zahlreiche andere „Ladyboys", an den Aufnahmen teilzunehmen.

Am Ende wurde das Projekt so groß, dass Valentino drei Monate lang vor Ort war – samt europäischem Produktionsteam. Viele der Mitarbeiter hätten bei den Aufnahmen nicht gemerkt, dass Transgender-Models vor der Kamera standen: Mehr als einer wollte abends mit einer der Schönheiten aus­gehen, erzählt Valentino.

Und betont erneut, wie perfekt die Ladyboys die Geschlechtsumwandlung absolviert haben. Weder Adamsapfel noch Bartstoppeln „wie bei den Transsexuellen, die man bei uns so kennt", hätten Hinweise auf das ursprüngliche Geschlecht der Models gegeben – „höchstens die Tatsache, dass sie fast zu perfekt waren." Das sei der vermutlich einzige Unterschied zu gebürtigen Frauen: „Sie haben sich so lange gewünscht, endlich eine Frau zu sein, dass sie das nach dem Erreichen ihrer Träume richtig zelebrieren": einfach mal ungeschminkt und in Schlabberklamotten in die Öffentlichkeit zu gehen, käme für sie nicht in Frage.

Dabei handele es sich bei den Ladyboys keineswegs um sexuelle Dienstleisterinnen: „Sie haben alle seriöse Jobs, arbeiten als ­Sekretärinnen, Stewardessen oder in Tanzshows – aber ohne ausziehen!", unterstreicht Valentino und fügt hinzu, dass die meisten aus guten Familien der thailändischen Gesellschaft stammten. Denn die Geschlechtsumwandlung von Mann zur Frau ist mit den damit verbundenen chirurgischen Eingriffen und hormonellen Behandlungen nicht eben billig.

Doch während die „Kathoeys", wie sie in Thailand genannt werden, in ihrer Heimat nach Männern, Frauen und Zwittern als viertes Geschlecht anerkannt sind, sei der Umgang mit dem Thema gerade in seiner Schweizer Heimat noch nicht ganz so entspannt. Um so mutiger sei es von Goldwell, eine Werbekampagne mit Transgender-Models zu starten. Dass er als treibende Kraft hinter dem Projekt stand, würde in Zürich und Umgebung hingegen niemanden wundern: „In der Schweiz bin ich seit 34 Jahren als spezieller Vogel bekannt, da sagen sich alle eher ´typisch Valentino´", sagt Valentino.

Seine eigene Geschichte ist mindestens ebenso interessant wie das Transgender-Projekt. Seinen Eltern, die in den 60ern als einfache Gastarbeiter aus Sizilien in die Schweiz kamen, bereitete er als Jugendlicher Sorgen: „Ich hatte keinen Bock auf Schule oder Ausbildung". Auf dem Rat des Vaters, sich selbstständig zu machen, überlegte sich der Sohn, der damals noch seinen Taufnamen Claudio Scattina trug, Schuhmacher zu werden: „Ich dachte, das könne ich am schnellsten lernen."

Dass er sich am Ende nicht mit Füßen, sondern Köpfen beschäftigte, verdankt er einer Cousine: Sie nahm ihn mit in den Frisör­salon in Genf, in dem sie arbeitete. „Mir gefiel die Idee, anderen in die Haare zu fassen, gar nicht – damals waren die Menschen ja auch noch nicht so sauber wie heute." Aber da er so immerhin von den Eltern wegkam, sagte er zu. Als er dann an der Hand der Cousine den Genfer Salon betrat, war es um den Verehrer des schönen Geschlechts geschehen: „Da saßen morgens um neun Uhr 20 Kundinnen auf den Stühlen, und dahinter standen 20 Friseurinnen. In welchem Beruf der Welt erwarten dich um diese Uhrzeit 40 Frauen? Das war super, das war mein Nirwana", erinnert er sich.

Da es in dem ersten Salon, in dem er arbeitete, schon einen Claudio gab, musste er sich einen anderen Namen überlegen – und entschied sich für Valentino. „Nach dem Filmstar Rudolph Valentino – bei dessen Beerdigung hatten sich damals 1.000 Frauen am Grab versammelt, das wollte ich auch!". Das Geld für den ersten eigenen Salon, den er mit 19 eröffnete, lieh er sich von der gesamten italienischen Familie zusammen.

Mit seinem Konzept vom „Erlebnis-Coiffeur", bei dem schon damals die Kundinnen im Schaufenster saßen und Campari oder Espresso serviert bekamen, hatte er großen Erfolg, es folgt ein neuer Salon nach dem anderen. Mittlerweile steht er seit über 18 Jahren nicht mehr selbst am Stuhl, sondern kann es sich leisten, sein kleines Imperium von Mallorca aus zu leiten – drei Tage die Woche ist er in der Schweiz vor Ort, vier Tage auf der Insel, wo er Zeit für die Entwicklung neuer Ideen hat. „Dort arbeite ich, hier lebe ich", sagt er – gemeinsam mit seiner Partnerin und der gemeinsamen Tochter, die auf Mallorca zur Schule geht.

Auch die ist mit ihren acht Jahren schon ein großer Transgender-Fan. Dass Valentino selbst für die Anerkennung und Akzeptanz der umoperierten Frauen kämpft, liegt wohl auch an der eigenen Erfahrung mit Ausgrenzung: Zuerst sei er als dunkelhäutiger „Italiener" in der Schweiz diskriminiert worden, später dann als vermeintlich Schwuler: „Als vor wenigen Jahren der Begriff metrosexuell erfunden wurde, da dachte ich: ´Endlich gibt es ein Wort für mich´„ erinnert er sich, während er sich theatralisch bekreuzigt. Und fasst zum Abschied noch einmal seine Erfahrung mit den ganz besonderen Models zusammen: „Der Mensch ist einfach schön. In all seinen Facetten."

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