Katja Riemann: "Ich weiß nicht, was eine starke Frau ist"

Intelligent und bissig: Die Schauspielerin über Flüchtlinge und Künstler, iPhones und Rollenbilder

10.11.2015 | 08:47
Foto: Aigner feiert Einstand auf Mallorca

Katja Riemann (52) zählt nicht nur zu den bekanntesten, sondern auch zu den engagiertesten Schauspielerinnen Deutschlands: Für ihre Arbeit für Organisationen wie Unicef und Amnesty International erhielt sie 2010 das Bundesverdienstkreuz am Bande. Derzeit ist sie mit der Hitler-Satire „Er ist wieder da" und dem zweiten Teil der Schul-Komödie „Fack ju Göhte" in den Kinos zu sehen. Nach Palma kam sie mit ihrer Tochter Paula auf Einladung der Aigner-Chefin Sibylle Schön, die in der Carrer Jovellanos ihren ersten Shop auf Mallorca präsentierte. Am Rande der Eröffnung sprach Riemann mit der MZ über Flüchtlinge, den Einfluss von Künstlern und die Relativität des Begriffs „starke Frauen".

Das Thema Flüchtlinge treibt Deutschland um, wie ist die Stimmung in Berlin?
Über dieses Thema möchte ich nicht sprechen, weil ich darüber noch mehr nachdenken muss, um Ihnen vernünftige Sätze zu sagen.

Sie haben Anfang September gesagt, dass Sie einen Flüchtlingsmarsch organisieren wollen, gibt es etwas Neues dies­bezüglich?
Die Situation ist eine völlig andere als vor zwei Monaten. Die kann man überhaupt nicht miteinander vergleichen. Manchmal überschlagen sich die Ereignisse von heute auf morgen und stellen alles in einen anderen Kontext.

Also mal schauen, was passiert?
Es geht in mir um, sehr stark. Es belastet mich. Ich stelle mir mehr Fragen, als dass ich in irgendeiner Art und Weise Antworten hätte. Mehr kann ich dazu nicht sagen, weil ich da vorsichtig sein möchte, weil eine Zeitung immer ein großer Multiplikator ist.

Wie kann man als Künstler Einfluss nehmen?
Du kannst stark Einfluss nehmen. Sagen wir mal so: Ich glaube, man hat eine gewisse Verpflichtung als öffentliche Person, sich zu informieren und zu bilden. Das ist das, was wir heute den Künstlern des ­Nationalsozialismus vorwerfen: Dass sie das nicht getan haben. Wobei Künstler ja keine Politiker sind und auch keine Journalisten. Nicht jede Kunst muss eine politische Aussage haben, und nicht nur ein politischer Film ist ein guter Film. Kunst muss erst mal gar nichts sein, sondern kommt als Kunst. Man müsste darüber sprechen, was das bedeutet, und wie das Publikum letztlich Kunst rezipiert. Viele Menschen verwechseln ja Kunst mit Konsum oder auch Freiheit mit Freizeit.

Der US-Musiker und Schriftsteller Henry Rollins sagt, dass Künstler über ihre Fans einen besonderen Einblick haben, was Menschen umtreibt.
Ja, natürlich.

Ist das auch eine Möglichkeit Einfluss zu nehmen?
Aber was ist denn Einflussnahme? In welcher Hinsicht? In künstlerischer, persönlicher, emotionaler Hinsicht, psychologischer, politischer – in welcher Hinsicht? Das Weltgeschehen, worüber reden wir?

Soweit ich mich entsinne, will Rollins die Fans dazu motivieren, sich zu informieren.
Das halte ich für absurd, weil wir in einer völlig überinformierten Welt leben. Schauen Sie, Sie halten gerade ein Smartphone in der Hand, das uns die Welt zeigt. Die Frage ist nur, wie du damit umgehst und wie du das benutzt, welche Information du haben willst oder ob du das Ding als anonymes Instrument benutzen willst, um irgendwelche halbinformierten Geschichten rauszuprügeln. Ein von mir sehr geschätzter Regisseur aus Bosnien, Danis Tanovi?, wurde in einer amerikanischen ­Talkshow gefragt, wo überhaupt Bosnien und Sarajevo liegen und er ist fast ausgeflippt und sagte: „Was ist los mit euch? Ihr habt alle Computer, ihr habt Apple erfunden, ihr seid hier in Amerika, wieso verlangt ihr von mir, dass ich alles über Amerika weiß und ihr wisst nicht, woher ich komme. Ihr wisst nicht einmal wo mein Land liegt?" Insofern: Was soll ich Einfluss nehmen, was soll ich Leute informieren, wenn Apple in den vergangenen Monaten für 51 Milliarden Dollar iPhones verkauft hat? This is what you can fucking do with this stupid thing.

Sich informieren?
Du kannst dich damit informieren, du kannst damit aber auch einfach andere Leute aufs Kreuz legen. Ich würde mich am allerliebsten über meine Art der künstlerischen Herangehensweise an Figuren definieren. Wenn man etwas über mich wissen will, vielleicht sogar auch über mich als Person, sollte man sich anschauen, was ich in den letzten 20 Jahren gearbeitet habe. Film, Theater, Musik. In meinen ganzen eigenen Projekten, die jetzt vielleicht nicht ganz so millionenfach verkauft wurden, in meinen Abenden, die alle politisch sind. Wenn man sich das anguckt, dann ergibt das ein Kaleidoskop, und das hat mit mir zu tun.

Sie spielen häufig starke Frauen, Frauen mit Charakter.
Das ist ja wieder so eine Definition, die man sich genau anschauen muss.

Was ist für Sie eine starke Frau?
Weiß ich nicht, Sie haben das ja gerade gesagt, sagen Sie es mir. In dem Film „Das Wochenende" basierend auf dem gleichnamigen Roman von Bernhard Schlink, habe ich zum Beispiel eine sehr zerrissene Frau gespielt. Ich weiß nicht, was eine starke Frau ist. Ist es eine, die Abitur gemacht hat?

Warum gibt es diese Notwendigkeit, diesen Begriff von der „starken Frau" zu verwenden?
Ich antworte mal andersherum: Wenn man in Deutschland von Absolventen an den Universitäten spricht – ich denke in anderen Ländern ist das vergleichbar – wird gesagt: Mädchen machen die besseren Abschlüsse. Oder wenn eine Frau Vorstandsvorsitzende ist, heißt es: Die ist so gut, die ist um ein Vielfaches besser als die Männer. Ich frage mich aber: Wieso müssen die Frauen immer so viel besser sein? Wieso kann man nicht sagen, die ist genauso gut und genauso schlecht wie der Mann, und trotzdem kriegt sie den Job? Solange das so ist, sprechen wir von starken Frauen. Die dann aber auch noch wahnsinnig geil aussehen, Kinder kriegen und Geliebte sind ... Sorry. Ich bin ein Fan von Frauen, ich finde Frauen toll.

Sie haben mal gesagt, ihr Beruf ist es, Geschichten zu erzählen.
Absolut.

Welche Geschichten liegen Ihnen noch am Herzen?
Das werden Sie dann noch sehen. Ich drehe ja Filme und mache meine eigenen Abende. Vor zwei Jahren habe ich für die Ruhrfestspiele in Recklinghausen einen Abend gestaltet, wo ich das Wintermärchen von Heine mit der Winterreise von Schubert in einen Verbund gebracht habe zu einem Roadmovie. Das ist ziemlich interessant, weil das, was Heine 1843 erzählt hat, alles wahr geworden ist. Das war geradezu prophetisch. Das ist eine Geschichte, die ich erzählen wollte. Ansonsten gibt es andere Geschichten, mit denen ich mich beschäftige, von denen ich glaube, dass es wichtig ist, sie zu erzählen oder dass sie interessant oder amüsant sind. Sie werden sie dann hoffentlich erleben, wenn sie gebacken sind.

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