Käufliche Liebe im Wandel

Der Straßenstrich leidet unter der Krise, andere Prostituierte Früstücken weiterhin Sekt und Erdbeeren

06.12.2015 | 16:54
Aufgrund der gesetzlichen Grauzone haben oft nicht einmal die Frauen, die in den Clubs ihre Liebesdienste anbieten, einen Arbeitsvertrag.

Dezentes Make-up, Perlenohrringe, perfektes Zahnpastalächeln. Jeans, Pulli und Stiefel lassen sie leger und doch elegant wirken. In den dunklen, langen Haaren steckt eine Sonnenbrille. Die Frau, die man höchstens auf Ende 30 schätzt, stellt sich als Tina vor. Eigentlich kommt sie aus Nürnberg, aber das Fränkische hört man ihr nicht an. Inzwischen lebt und arbeitet sie seit zwoöf Jahren auf Mallorca. „Geekelt habe ich mich nie", sagt Tina dann und zieht an ihrer Zigarette. „Man muss in diesem Job ja nichts geben, was man nicht geben will."

Mit „diesem Job" ist das älteste Gewerbe der Welt gemeint. Tina ist eine von rund 2.500 Prostituierten, die es Lluis Ballester zufolge auf der Insel gibt. Der Soziologe, der das Thema an der Balearen-Universität in den vergangenen Jahren ausgiebig erforscht hat, unterscheidet allerdings drei Untergruppen: Etwa 700 bis 1.000 Frauen bestreiten mit käuflichem Sex tagein, tagaus ihren Lebensunterhalt – so wie Tina. Dazu kommen etwa 1.000 Frauen, die dieser Beschäftigung nur während der Hochsaison nachgehen, wenn die Nachfrage parallel zu den Urlauberzahlen in die Höhe schnellt. Und 500 bis 600 weitere Frauen verdienen sich im Rotlichtmilieu ein Zubrot oder stocken die Familienkasse auf. Sie gingen sporadisch anschaffen, sagt Ballester. Manche hätten ein oder zwei feste Kunden pro Woche, andere nutzten bestimmte Anlässe wie Fußballspiele oder Feiertage, um nach Freiern Ausschau zu halten.

Tina nimmt 150 Euro die Stunde. Daran habe sich seit zwölf Jahren nichts geändert. Und daran werde auch die Krise nichts ändern. „Ich gehe keinesfalls mit dem Preis runter." Dafür bekämen ihre „qualitativ hochwertigen Kunden" mit gepflegtem Äußeren und Intellekt schließlich auch etwas Ebenbürtiges geboten – nicht nur Sex, sondern auch mal eine anspruchsvolle Unterhaltung.

Andere können von so einem Stundenlohn nur träumen. Vor allem für die dritte, von Lluis Ballester genannte Gruppe macht sich die Krise bemerkbar, da die Konkurrenz größer wird. Hinzu kämen vor allem Südamerikanerinnen oder Afrikanerinnen, die früher eine Putzstelle oder einen anderen Nebenjob hatten, erzählt Nieves de León Reyes, die als Sozialarbeiterin im Casal Petit nahe der Fußgängerzone Carrer Sin- dicat jährlich an die 300 Frauen von Palmas Straßenstrich rund um die Porta Sant Antoni betreut. Zudem kehrten viele Spanierinnen, die zwischenzeitlich anderswo Arbeit gefunden hatten, zur Prostitution zurück. Die Folge: Preisdumping. „Die Frauen stehen nun zum Teil wesentlich mehr Stunden auf der Straße und am Ende machen sie es für 15 Euro, weil das besser ist als gar keine Ausbeute", sagt Nieves.
Und das Schlimmste: Dafür böten sie teils sogar Sexualpraktiken, die hinsichtlich einer HIV-Infektion oder anderer Krankheiten als hochriskant gelten. Lluis Balles- ter verweist auf die einschlägigenAnzeigen in Tageszeitungen und Internetportalen: „Hier, sehen Sie, für 25 Euro französisch ohne Kondom oder Vaginal- und Analverkehr zusammen für 30 Euro – da ist die Verzweiflung regelrecht zu spüren", sagt der Soziologe.

Dennoch zähle die Prostitution nach wie vor zu den umsatzstärksten Branchen auf Mallorca. Ballester würde sie bedenkenlos zum fünftgrößten Wirtschaftssektor der Balearen erklären. Und das, obwohl das Gewerbe dem Gesetz nach nicht einmal existiert. Den Beruf der Prostituierten gibt es in Spanien – im Gegensatz zu Deutschland – nicht.

Tina arbeitet als Selbständige und ist ordnungsgemäß bei der spanischen Seguridad Social gemeldet – als Model. Als sie sich vor einiger Zeit den Knöchel verstaucht hat, schrieb der Arzt sie krank, die Kran- kenkasse entschädigte sie für ihren Verdienstausfall.

Den meisten ihrer Kolleginnen ergeht es anders. Früher hätten sich auch viele der Frauen vom Straßen- strich als Selbstständige versichert, sagt Sozialarbeiterin Nieves: „Jetzt machen das nur noch die wenigs- ten, da dafür schlichtweg kein Geld bleibt." Dennoch seien die meisten Frauen unabhängig, was sie verdie- nen, gehöre ihnen, und nicht einem Zuhälter. „Manche haben aber so eine Art Beschützer, dem sie ab und zu Geld zahlen", erklärt Nieves. Andere reden von einem Lebensgefährten, der aber im Prinzip dieselbe Rolle einnehme wie ein Zuhälter. „Die Konstellationen sind vielfältig." Und Gesetze, die das Rotlichtmilieu besser strukturieren würden, gebe es nun mal nicht. Wobei auch die Legalisierung der Prostitution die prekäre Situation vieler Frauen nicht lösen würde, gibt Nieves zu bedenken. „Was würde es bringen, wenn sie offiziell als Selbstständige arbeiten könnten, wenn sie nicht einmal eine Aufenthaltsgenehmigung haben?"

Tina hat viele Stammkunden. Zudem schaltet sie wöchentlich eine Anzeige in der Zeitung. Kennt sie einen Freier noch nicht, trifft sie sich mit ihm auf neutralem Boden in Palma, ehe sie ihn mit in ihre schicke Wohnung in der Nähe des Paseo Marítimo nimmt. „Wenn jemand das moöchte, mache ich auch Hausbesuche, auf der ganzen Insel", versichert Tina. Oder auf einer der Yachten, wo es dann Sekt und Erdbeeren zum Frühstück gibt. „Dabei würde mir ein ganz einfacher Apfel reichen." Ja, das sei noch einmal eine ganz andere Welt.

Die mit der der großbusigen Kolumbianerin, die auf der Website nuevoloquo.com den „Komplettservice ohne Eile" für 25 Euro anbietet, doch eines gemein hat: die „Entörtlichung", die der Soziologe Ballester dieser Form der Internet, Smartphones und Verbote verdra?ngen die Prostitution von der Straße
Prostitution zuschreibt. Sie spiele sich zwischen Kontaktanzeigen und Privatwohnungen, manchmal aber auch in Hotelzimmern oder auf Autositzen ab und werde dadurch so gut wie unsichtbar – obwohl immer mehr Frauen und Freier auf diese Weise zueinanderfinden. Das liegt dem Wissenschaftler zufolge einerseits an neuen technischen Errungenschaften wie dem ständig verfügbaren Smartphone und der Anonymität und Diskretion dieser Art der Kontaktaufnahme, die nicht nur Ehemännern und schüchternen Touristen entgegenkomme.

Andererseits führten Verbote, mit denen etwa die Gemeinde Calvià der Straßenprostitution in Touristenhochburgen wie Magaluf den Kampf ansagen will, dazu, dass sich das Geschäft ins Internet verlagert. „Die Prostitution an sich löst sich durch solche Maßnahmen ja nicht in Luft auf", kritisiert Bal- lester das Vorgehen der Ordnungshüter in Calvià. „Als Prostituierte auf der Straße zu stehen, ist nicht illegal", sagt auch Ángel García, Sprecher der Polizei in Palma, wo es deshalb kein derartiges Verbot gibt. „Belangt werden kann eine Prostituierte höchstens, wenn sie einen Freier beklaut oder eine Schlägerei angezettelt hat." Die Probleme an den Avenidas in Palma, wo es wegen der Frauen, die teils auch die Hauseingänge belagerten, immer wieder Ärger mit den Anwohnern gab, hat die Stadt inzwischen anders in den Griff bekommen: Vor etwa zwei Jahren habe man eine Zeitlang ein nächtliches Durchfahrverbot für Autos verhängt, erinnert sich García. „Dadurch blieben die potenziellen Kunden aus, und der Großteil der Frauen verschwand." Ebenso sei es um die Porta Sant Antoni und im Viertel Sa Gerreria inzwischen recht ruhig geworden, auch wenn dort nach wie vor viele Frauen, meist Immigrantinnen, ihre Dienste anböten.

Tina nimmt nur deutsche Männer. Und zwar nicht nur deshalb, weil die Spanier ihre Preise oftmals gar nicht bezahlen könnten. Auch wegen der Sprache. „Da kommt es auf kleine Nuancen an, die nur auf Deutsch richtig rüberkommen." Außerdem sei Sexualität eng mit der jeweiligen Kultur verbunden.

Doch nicht nur die Einstellung zu Sexualität ist von Land zu Land unterschiedlich – auch das Verhältnis zur Prostitution variiert. Der Historiker Jean Louis Guereña, der dem Phänomen eine Studie gewidmet hat, kam 2003 zu dem Ergebnis, dass es in Spanien eine regelrechte „Prostitutionskultur" gebe. Käuflicher Sex sei weitgehend toleriert, Umfragen zufolge hätten sich Bordellbesuche als Teil der Unterhaltungskultur etabliert, der Kunde sei nicht alt und verbittert, sondern jung und hedonistisch. Dass der Spanier das Geschäftsessen gern mit einem Abstecher ins Freudenhaus krönt oder die Mittagspause für ein Schäferstündchen nutzt – natürlich nicht mit der eigenen Ehefrau –, ist somit keine Mär.

„Käuflicher Sex ist hier auf Mallorca, und generell in Spanien, beliebter und verbreiteter als in Nordeuropa", sagt auch Sozialarbeiterin Nieves. Trotz Krise. Vor allem Männer mit „flexiblem Einkommen", wie es der Soziologe Ballester nennt, würden auch in finanziell rauen Zeiten nicht auf dieses Vergnügen verzichten. Selbstständige etwa, oder Taxifahrer, „bei denen die Ehefrau keine Kontrolle über die Einnahmen hat."

Tina macht die Arbeit auf Mallorca mehr Spaß als früher in Deutschland. „Dort kamen meine Kunden aus der Arbeit, waren gestresst, hatten Ärger mit dem Chef." Hier seien alle viel besser drauf. Die Urlauber sowieso. Zu Tinas Klientel zählen auch Golfer, Fahrradfahrer oder Yachtbesitzer. „Manchmal ruft auch ein Tourist aus Arenal an", erzählt sie. Doch mit dem typischen Ballermann-Besucher werde sie in der Regel nicht geschäftseinig.

Die Playa de Palma sei noch einmal ein ganz eigenes Kapitel, sagt Polizeisprecher Ángel García. Während der Sommermonate tummeln sich dort Prostituierte aus aller Herren Länder und machen Jagd auf Urlauber. Manche ziehen sich nicht mal in eine Wohnung oder ein Hotelzimmer zurück, sondern kommen direkt an Ort und Stelle, etwa in den kleinen, schummrig beleuchteten Parks in der Parallelstraße zur Strandpromenade zur Sache. Und nicht selten vermisst der – in der Regel deutlich alkoholisierte – Freier anschließend sein Portemonnaie oder andere Wertgegenstände. „In der Hochsaison haben wir dort vier bis fünf Festnahmen wegen Diebstahls oder gar Körperverletzung pro Woche", sagt Ángel García.

Tina schätzt an ihrem Beruf das gute Einkommen – aber auch ihre Freiheit. Meist habe sie ein oder zwei Termine am Tag, manchmal auch keinen. „Es zwingt mich ja keiner zu arbeiten." Dann genieße sie das schöne Wetter, draußen im Café. Oder fahre in den Urlaub. Mal Südamerika, mal Südostasien. „Thailand war traumhaft."

Die Frauen aus dem „Casablanca" einem der kleinen, unscheinbaren Bordelle, die es über die Insel verstreut zuhauf gibt, haben all diese Freiheiten nicht. Ihrem Chef zufolge, der gerne anonym bleiben möchte, arbeiten sie drei Wochen lang, danach haben sie ein paar Tage frei. Rund 60 Prozent ihrer Ein- nahmen dürfen sie behalten. „Ich muss davon die Räume bezahlen, den Parkplatz, Strom und Wasser." Allerdings sei die Fluktuation sehr groß. „Ich kann ja kein Mädchen zwingen, hier zu bleiben." Auf die Frage, ob es denn keine Arbeitsverträge gebe, verweist der Mallorquiner nur auf die gesetzliche Grauzone.

Nicht einmal in Mallorcas bekanntestem Rotlichtclub „Globo Rojo" könne man deshalb davon ausgehen, dass die Frauen einen ordentlichen Vertrag hätten, sagt der Soziologe Ballester. Wenn überhaupt, seien sie als Tänzerinnen oder Kellnerinnen angestellt. Laut Internetseite liegen die Tarife für die Liebesdienste dort bei 300 Euro die Stunde aufwärts, der Club bietet auch Escortdamen für alle möglichen Anlässe. Zu einer Stellungnahme war das Etablissement nicht bereit. Insgesamt, ist sich Ballester sicher, ginge es den Frauen dort um Welten besser als den Prostituierten auf der Straße. Von denen würden viele den
Straßenstrich lieber heute als morgen verlassen, weiß Sozialarbeiterin Nieves. Im Casal Petit können diese Frauen vielfältige Workshops und auch Weiterbildungskurse besuchen, die sie auf die Rückkehr in ein normales Arbeitsleben vorbereiten sollen. Doch damit allein sei es heutzutage nicht mehr getan. „Früher haben sie danach einen Job gefunden, aber momentan gibt es einfach keine Arbeit", sagt Nieves. Und damit für viele schlichtweg keine Alternative zur Prostitution.

Tina wollte früher mal Psychologie studieren. Doch dann brach sie in der elften Klasse die Schule ab. Über Jobs in Bars und Discotheken kam sie zur Prostitution. Nach Stationen auf Ibiza und Marbella landete sie schließlich auf Mallorca. Bereut habe sie ihren Weg noch nie. „Ich würde diesen Job niemals wechseln, solange es nicht sein muss."

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