Echte Freunde ...

... oder doch nur Bekannte? Mit dem Freundschaften schließen ist es auf der Insel so eine Sache. Sechs Erfahrungsberichte

15.01.2016 | 11:17

Das Thema kann schnell zum ­interkulturellen Minenfeld werden. Unter Freundschaft verstehen Mallorquiner, Spanier, Deutsche und sonstige Zugezogene mitunter ganz unterschiedliche Dinge. Wobei: Letztlich hängt es von jedem Einzelnen und seiner Lebenssituation ab, wie folgende Erfahrungsberichte zeigen.

„Ein Freund ist jemand, den ich frage, ob er meine Blumen gießt, wenn ich verreise", sagt Lina Nadal (36), Palma, Inhaberin einer Werbeagentur: „Die Freundschaft zwischen Einheimischen und Zugezogenen ist zu Anfang immer unausgeglichen, weil die Beziehung für den Neuankömmling eine höhere Bedeutung hat als andersherum. Das habe ich selbst erfahren, als ich 13 Jahre in Madrid lebte. Durch Kontakte zu Ortsansässigen konnte ich mich schneller in die neue Umgebung integrieren und sie leichter verstehen, meine Sicherheit im neuen Umfeld wuchs. Als ich auf die Insel zurückkam, waren die Arbeit und mein alter Freundeskreis die ersten Anknüpfungspunkte zu den Menschen, die mich noch heute umgeben.

Meine beste Freundin lernte ich vor acht Jahren kennen, wir wohnen zwar an unterschiedlichen Orten, aber das ist kein Hindernis. Wir sind Wesensverwandte und haben wichtige Momente im Leben zusammen erlebt. Daneben habe ich viele gute Freunde, jeder einzelne steht für eine bestimmte Facette im Leben. Ich glaube nicht an Exklusivität in Freundschaften. Es gefällt mir, dass ich Menschen mit verschiedenen Nationalitäten begegne, die mir zuhören und aus ihrem Blickwinkel Antworten geben. Wenn sie bleiben, schön, ziehen sie weiter, kann ich das auch verstehen. Das ist Teil des Lebens und lässt uns wachsen."

„Ein Freund ist jemand, der mich bedingungslos annimmt, wie ich bin", sagt Daniel Hildbrand (37), seit 2009 auf Mallorca, Naturheilpraktiker: „Das Thema Freundschaft auf der Insel war für mich von Anfang an positiv besetzt. Ich konnte schon Spanisch als ich auf die Insel kam, meine erste Wohnung war in s´Arracó, ein Glücksfall. Das Dorfleben spielte sich in drei Kneipen ab, ich war ungebunden, knüpfte schnell Kontakte zu Gleichaltrigen, auch über den gemeinsamen Sport wie Klettern und Fahrradfahren. Unter den mallorquinischen Dorfbewohnern haben sich bis heute nicht die dicksten Freundschaften entwickelt, aber ich werde in s´Arracó noch immer herzlich empfangen.

Inzwischen wohne ich mit meiner Verlobten in Santa Maria. Dort haben sich mit Einheimischen bisher noch keine Freundschaften ergeben. Vielleicht liegt es daran, dass Santa Maria eher schon Kleinstadtcharakter besitzt, oder auch am Älterwerden und den veränderten Interessen.

Eine tiefe Freundschaft ist nicht leicht zu finden und hat sich abgesehen von meiner besten Freundin auf der Insel, die halb Amerikanerin, halb Spanierin ist, mit nur wenigen Menschen entwickelt. Ich finde es schön, wenn man ein Stück gemeinsamen Weges geht, denn jede Begegnung ist eine Chance seine Persönlichkeit zu entwickeln."

„Ein Freund ist jemand, der einen bittet, bei strömendem Regen in die Apotheke zu fahren", sagt ­Alexandra Wilms (35), seit 2004 auf der Insel ehemalige MZ-Redakteurin und jetzt Sprecherin im Tourismus„ministerium.

„Die Unterscheidung Freund und Bekannter machen Mallorquiner nicht, sobald man jemanden kennt ist man un amigo. Mich rief mal eine Mallorquinerin samstagabends an und bat mich, für sie zur Apotheke zu gehen, draußen regnete es in Strömen. Da wusste ich, dass ich für sie eine echte Freundin bin. Ich denke, nicht nur für uns Deutsche, auch für Spanier ist der Kontakt schwierig, die Mallorquiner sind eben ein Inselvolk. Spricht man Mallorquinisch, öffnen sich die Herzen, das erlebe ich immer wieder. Ich habe zwei, drei tolle einheimische Freunde, kurios ist, dass man sich selten zu Hause trifft, im Sommer wird man vielleicht zu einer Paella im Garten eingeladen. Ich finde es interessant zu sehen, wie jemand wohnt, man bekommt einen anderen Einblick in dessen Leben.

Was ich erst lernen musste: Man kritisiert sich nicht, Freunden gegenüber sind Mallorquiner immer nett. Meine alten Schulfreundinnen in Deutschland sind mir wichtig, wir sehen uns regelmäßig auf Hochzeiten oder zu Weihnachten, wir telefonieren und besuchen uns auch. Auf Mallorca freunde ich mich auch mit Landsleuten an, mit denen ich in Deutschland eher nicht befreundet wäre. Weil man dieselbe Sprache spricht, denselben kulturellen Hintergrund hat. Wenn ich eine Anspielung auf Captain Kirk mache, versteht das schließlich kein Mallorquiner."

„Ein Freund ist jemand, der immer da ist, auch wenn du ihn nicht siehst", sagt Marta (40), Yogalehrerin in Palma: „Meine deutschen und italienischen Freunde Marion, Marco und Dacia habe ich in einem Ayurvedakurs kennengelernt. Ich hatte nicht geplant, dort Freunde zu finden, es hat sich so ergeben. Wir ­hatten Lust, uns wieder­zusehen und seitdem treffen wir uns regelmäßig. Ich habe sehr unterschiedliche Freundschaften, viele sind übers Yoga entstanden. Da ist zum Beispiel Patricia in Argentinien, wir skypen regelmäßig und halten Kontakt über Facebook. Viaya ist Tschechin, lebt auf Mallorca und hat zwei kleine Kinder. Wir haben uns beim Shiatsu kennengelernt. Auch die Freundinnen aus der Schulzeit sind geblieben.

An meinen deutschen Freunden fällt mir auf, dass sie sehr höflich sind und darauf achten, was sie sagen. Wenn wir uns sehen, gebe ich daher auch mehr acht auf meine Worte. Wir Mallorquiner sind direkter und sagen zum Beispiel: „Lass uns dies und das machen!" Die Deutschen reden im Konjunktiv und fragen um Erlaubnis. Für mich bedeutet Freundschaft, mit anderen Menschen Hobbys und Interessen zu teilen."

„Ein Freund ist jemand, mit dem ich viel Zeit verbracht habe, um festzustellen, wie tief die Freundschaft wirklich ist", sagt Joachim Goertz (66). Er ist seit 1999 auf Mallorca und betreibt ein Antiquitäten­geschäft: „Für Freundschaft braucht es Verbindlichkeit und die gleichen Interessen. Vor einigen Jahren suchte ich in Campos nach einem Restaurationsgeschäft, mit der mallorquinischen Besitzerin verbindet mich seither eine Freundschaft. Wir teilen dasselbe Hobby, laden uns gegenseitig nach Hause ein. Ich würde gerne noch mehr Freunde im Dorf finden, was nicht leicht ist, auch wegen der Sprache. Als ich vor zehn Jahren mein Antiquitätengeschäft eröffnete, tat ich das auch mit dem Gedanken, Menschen mit gleichen Interessen kennenzulernen. Das hat geklappt, viele Freundschaften haben sich über den Laden ergeben und gefestigt.

Echte Freundschaft entwickelt sich für mich über einen langen Zeitraum, das hat nichts mit dem Alter zu tun. Nach einem halben Jahr würde ich jemanden noch nicht als Freund bezeichnen. Meine alten Freunde in Deutschland sehe ich regelmäßig, wir telefonieren, schreiben E-Mails. Diese 30- bis ­40-jährigen Verbindungen sind durch viele gemeinsame Erlebnisse geprägt, die Zusammentreffen sind intensiv, man spricht über alte Freunde, das fehlt mir auf Mallorca. Meinen Freunden gegenüber bin ich sehr ehrlich, auch kritikfreudig, das erwarte ich andersherum auch."

„Ein Freund ist jemand, der mir seine ehrliche Meinung sagt, zum Beispiel bei Beziehungsproblemen", sagt Ana González (31), Palma. Sie betreibt ein Friseur­geschäft. „Ich habe wenige Freunde, um genau zu sein zwei, dafür viele gute Bekannte. Es ist schwer, echte Freunde zu finden, meine zwei Freundinnen kenne ich seit der Kindheit. Früher haben wir jede freie Minute zusammen verbracht, heute müssen wir uns nicht ständig sehen. Vielleicht habe ich ja noch mehr Freunde, das weiß man oft erst, wenn es drauf ankommt. Auf Mallorca lebt man zurückgezogener als zum Beispiel in Murcia, wo ich geboren bin. Als ich mal versuchte, verschiedene Freundinnen untereinander in Kontakt zu bringen, ging das total schief. Da ich jeden Tag lange arbeite, sehe ich meine Freunde kaum. Viele sind verärgert, weil ich Treffen meist absage, auf ihre WhatsApp nicht antworte. Ich habe Stammkundinnen, die fast wie Freundinnen für mich sind, darunter auch Deutsche. Sie laden mich zu Festen ein, aber ich gehe nie hin, weil mir einfach die Zeit fehlt. Ich habe den Salon jetzt seit acht Jahren, und jedes Jahr werde ich ein wenig einsamer."

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