Ray Chatham: "Ich war ein arbeitender Hippie"

Der US-Amerikaner galt in den 70ern als einer der buntesten Vögel Mallorcas. Er ist der Insel treu geblieben

28.01.2016 | 09:28
Wohnzimmerszene mit dem Nachbarn im Spiegel: Ray Chatham schätzt die rustikale Landhausatmosphäre.

dass Ray Chatham der Flower-King von Palma war. Damals, Ende der 60er Jahre, betrieb der US-Amerikaner eine Boutique namens „Snob" für Hippie-Mode an der Plaça del Rosari in Borne-Nähe. Ob dieser ungewöhnlichen Mode rannten die damals noch vom dahinsiechenden Diktator Francisco Franco traktierten Spanier dem chico guay die Bude ein. Auch teils prominente Ausländer gehörten zu seinen Kunden. „Den Schriftsteller Robert Graves belieferte ich einmal mit acht Hemden in acht knalligen Farben", erzählt Chatham beim MZ-Hausbesuch im jwd-Dorf Ariany. „Er sagte mir, dass er sie alle getragen habe."

Der in Chicago geborene und auf einer Ranch im US-Staat Missouri aufgewachsene Inneneinrichter, Modedesigner, Bildhauer, Kunst- und Englischlehrer wohnt 75-jährig noch immer auf Mallorca, aber inzwischen nicht mehr im wuseligen Palma. Nunmehr ist in dem 70-Einwohner-Ort ein restauriertes Dorfhaus mit bewusst nicht angestrichenen Wänden, einem 400 Jahre alten Kamin und eine Küche mit Azulejo-Kacheln seine Heimat. „Ich wollte raus aus der Großstadt, weil ich frische Luft und die Natur brauchte", so der in Ehren ergraute Ex-Hippie. „13 Jahre bin ich jetzt schon hier, vor acht Jahren renovierte ich das Haus."

Im Dorf ist Ray Chatham offenbar mustergültig integriert. Während des Gesprächs mit dem MZ-Reporter taucht auf einmal Nachbar Toni auf und stellt mit Spinat belegte cocas auf den Tisch. Der US-Amerikaner umarmt den Katalanen, dessen Frau in Palma eine Praxis für alternative Medizin betreibt. Auf Ariany (gesprochen: Ariain) kam Chatham nach der Lektüre eines Immobilien-Artikels in der „Sunday Times" im Jahr 2000. Darin stand, dass es günstige Häuser nur noch in drei Dörfern gebe – Sineu, Santa Margalida und Ariany. Nach mehreren Versuchen gelang es ihm, sich das nun von ihm bewohnte Anwesen zu sichern.

Zum ersten Mal war Ray Chatham vor einem halben Jahrhundert auf Mallorca aufgeschlagen – eine Freundin namens Beth, die er in der Universität von North Carolina kennenlernte, hatte ihm von den Schönheiten der Insel vorgeschwärmt. Sie habe der berühmten Sängerin Joan Baez geähnelt, sagt er, sei aber um Längen schöner gewesen. „Es war 1965, ich stieg nach einigen Tagen in Nizza und Cannes in Marseille auf eine Fähre." Zuvor hatte er einige Monate in Großbritannien als Englischlehrer in einem Internat in Millfield malocht, „18 Stunden am Tag", wie er sagt. Nur mit einem Rucksack bewehrt, ­verpasste der Mann von jenseits des Atlantiks fast den Halt in Palma und sprang in letzter Sekunde vom Schiff. „Als ich unter einem Torbogen in der Nähe der ­Kathedrale eine Kutsche ins gleißende Licht fahren sah, machte es Klick in mir." Ein weiteres Mal Klick machte es, als Chatham beobachtete, wie eine ältere Frau samt Enkel unterhalb der Kathedrale den Rock hob und ins Meer stieg – der Parc de la Mar existierte damals noch nicht.

Gepackt von der Faszination der Insel, fuhr Chatham im Bus von Palma ins englischsprachige Intellektuellen-Dorado Deià, wo er zunächst einen Monat lebte. „Dann fand ich ein Landhaus in Galilea, das ich aufmöbelte", sagt er. Später ging es dann nach Palma, wo Chatham in der Insel-Society so bekannt wurde, dass er, wie er sagt, ein Dauergast in den einschlägigen Spalten der Tageszeitungen war. „Auf dem Borne habe ich mitunter Modeschauen organisiert, das war einfach wunderbar", erinnert er sich. Damals in der Franco-Zeit waren Leute wie er, die betont unkonventionell auftraten, dünn gesät in Spanien. „Wir fielen auf", so Chatham. Oft genug habe er miterleben müssen, wie Spitzel der damals noch existierenden spanischen Geheimpolizei Leute auf offener Straße abführten, weil sie ihnen nicht anständig genug vorkamen.

Doch ihn, Ray Chatham, ließ man wie andere Nicht-Spanier in Ruhe. Dass sein lässiges Leben auf der Insel einher ging mit dem Genuss aller möglicher Drogen, gehörte zum Zeitgeist. „LSD war damals schwer in Mode", sagt Ray Chatham. Als er sich einmal – wie zuvor schon öfter – mit Robert Graves traf, sei er zum ersten Mal nach dem Genuss eines Joints nicht mehr bei Sinnen gewesen. „Graves sagte mir, Ray, mach´ dich gerade!"

Der US-Amerikaner legt allerdings wert darauf, kein herumlungernder Kiffer gewesen zu sein. „Ich war kein drop out, sondern ein arbeitender Hippie." In diesem Sinne verdiente er sich seinen Lebensunterhalt bis 1985 weiter als Modedesigner und Bildhauer. Während seiner großen Schaffenszeit lief ihm Anfang der 80er Jahre in der damaligen „Bar Formentor" am Borne der bereits sehr gealterte Robert Graves noch einmal über den Weg. Chatham wusste nicht, dass es das letzte Mal sein würde, dass er den Autor von „Ich, Claudius ?" zu Gesicht bekommen sollte. „Ich begrüßte ihn, er trug einen großen schwarzen Hut und sagte zu mir: ´Ich weiß, dass ich dich kenne und dass ich dich mag, aber ich weiß nicht, wer du bist.´"

In den 90er Jahren kam Ray Chatham schließlich auf die Idee, sein Glück vielleicht doch noch mal in den USA zu suchen – auf der Ranch in Missouri, wo er aufgewachsen war und wo seine schon betagte Mutter lebte. Doch die Ödnis im Mittleren Westen kontrastierte allzu sehr mit der bunten, vielsprachigen Insel. „Drei Monate hielt ich es dort aus, dann zog es mich mit Macht wieder zurück nach Mallorca."

Hier besitzt er inzwischen zwei Häuser in Ariany und zwei Wohnungen in Palma. Zudem richtet er nahe der Dorfkirche gerade ein Gebäude her, in das er einziehen will. Chatham beschäftigt sich weiterhin vor allem mit dem Einrichten von Immobilien wie neulich in Santanyí, wo er eine Finca von Deutschen gestaltete. Er lebt betont gesund und verlässt nur selten die Insel. Ab und zu besucht er seine Tochter in London, die dort samt Familie lebt. „Früher sagte ich mir: Mindestens zweimal im Jahr sollte man die Insel verlassen, jetzt sage ich mir, dass es reicht, alle zehn Jahre einmal wegzukommen."

Ray Chatham ist halt schon lange auf Mallorca angekommen. Er sei der Insel aus mehreren Gründen verfallen, sagt er. Wie trotz des touristischen Overkills die Ursprünglichkeit bestehen bleibt, beeindrucke ihn. Und die Menschen, die haben es ihm angetan: „Hier habe ich nichts anderes gefunden als Freundschaft, Gutherzigkeit und Großzügigkeit."

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