„Wir sind wie in einem Rausch"

Das Kölner Dreigestirn herrscht über den Karneval. Stets vorneweg: Mallorca-Hotelier Jörg Hertzner als Jungfrau Johanna

08.02.2016 | 09:37
„Ich darf keine Küsschen geben": Jungfrau Johanna.

Jörg Hertzner alias Jungfrau Johanna mal am Telefon zu erwischen, gleicht einem Glücksspiel. Doch der 52-jährige Kölner und Wahlmallorquiner, der gemeinsam mit seiner Frau Nicole Bibard das bekannte Landhotel Finca Amapola nahe Campos betreibt, hat ja gute Gründe, warum er zurzeit so schwer erreichbar ist. Hertzner verkörpert gemeinsam mit seinen Jugendfreunden Thomas Elster und Ulrich Anton Maslak das Kölner Dreigestirn – beim Karneval in der Rheinmetropole das Nonplusultra. Die Jungfrau (Hertzner), Prinz (Elster) und Bauer (Maslak) sind noch bis zum Aschermittwoch die höchste Instanz in Köln. Hertzner ist gerade auf dem Weg zu einem der insgesamt 410 Auftritte innerhalb von nur vier Wochen, als er am Mittwochnachmittag (27.1.) einen Moment Zeit findet, um die MZ zurückzurufen.

Ihre Lieblichkeit, wie viele Auftritte haben Sie denn heute schon hinter sich?
Heute waren es erst zwei, aber es kommen noch zehn. So gegen 1 Uhr nachts dürften wir dann fertig sein.

Das klingt ja nach einem der erholsameren Tage. Es gibt ja auch mal 18 Termine an einem Tag.
Ja, heute geht es. Aber insgesamt ist es für uns etwas stressiger als für frühere Dreigestirne, weil der Karneval in diesem Jahr so kurz ist. Das heißt: Wir haben intensivere Tage.

Kommt Ihnen der Karneval nicht schon zu den Ohren raus?
Wir sind wie in einem Rausch, rauschen aber eben auch von einem Termin zum anderen. Aber wir genießen das schon. Das kann man ja nur einmal im Leben machen, nur wenige bekommen überhaupt die Chance dazu. Das kosten wir jetzt voll aus.

Aber es geht an die Substanz. Wie halten Sie sich fit?
Wir bekommen Aufbaukuren gespritzt. Außerdem müssen wir uns beim Feiern eben ein bisschen zurücknehmen. Wir haben schließlich keinen Ruhetag. Ich merke schon, dass wir inzwischen immer weniger trinken.

Es ist, mit Verlaub, für Nicht-Kölner etwas schwierig nachvollziehbar, was Sie da abziehen.
Das ist mir klar. Aber es ist einfach atemberaubend, wenn man auf die Bühne kommt und schon bejubelt wird, bevor man noch ein Wort gesagt hat. Oder man stimmt ein Lied an, und 12.000 Menschen in der KölnArena singen es weiter – oder 50 Senioren im Altersheim. In anderen Städten würden wir auch keine Polizei-Eskorte bekommen, wenn wir schnell zu einem Auftritt müssen und Stau ist. Aber in Köln versteht das jeder.

Sie treten an einem Tag sowohl im Kinderhospiz als auch bei einer Fernsehsitzung auf. Wie schafft das der Kopf?
Das ist manchmal schon heftig. Da kommst du aus einem Altersheim oder von krebskranken ­Kindern und sollst plötzlich vor 3.000 ausgeflippten Mädchen Stimmung machen. Aber durch unser gesetztes Alter fällt es uns, glaube ich, etwas leichter.

Hat Mallorca im Programm schon eine Rolle gespielt?
Nein, bisher gar nicht. Nicht einmal der unvermeidliche Schlager „Joana" ist gespielt worden, wenn ich eingelaufen bin. Klar hatte ich Bedenken, dass das Ganze ein wenig abdriftet, aber keine Spur davon. Die Kölner akzeptieren mich als ne Kölsche Jung, und dass ich auf ­Mallorca lebe, ist ihnen völlig egal.

Spüren Sie denn schon eine Verweiblichung an sich?
Ich kokettiere auf jeden Fall deutlich mehr denn als Mann. Dadurch, dass ich so stark geschminkt bin, und durch meine Gestik auf der Bühne nehme ich schon ein bisschen die Haptik einer Frau an, keine Frage.

Müssen Prinz und Bauer morgens immer auf Sie warten, bis Sie geschminkt sind?
Nein, das ist genau durchgetaktet. Ich werde einfach als Erster geschminkt, und ich bin auch immer der Erste, der bei den Prunksitzungen einzieht.

Sie haben vermutlich bisher wenig Erfahrung mit Schminke gehabt. Wie klappt das?
Das geht eigentlich. Wir haben eine so dicke Schicht drauf, die geht auch nicht ab, wenn man schwitzt. Aber es gibt andere Nachteile: Ich darf nur mit Röhrchen trinken. Ausnahme: Ein Kölsch geht auch mal mit geschürzten Lippen. Und ich darf keine Küsschen geben, damit mein Rouge nicht verwischt.

Dafür haben Sie ein Novum eingeführt: Sie verschenken ein Strumpfband an herausragende Karnevalisten.
Ich dachte mir: Der Prinz verleiht seine Prinzenspange als höchste Auszeichnung im Karneval, und die Jungfrau hat gar nichts. Ich habe 300 Stück Strumpfbänder mit einem Aufdruck bedrucken lassen und verteile sie nach den Sitzungen. Aber ich muss besser haushalten, so viele bleiben mir gar nicht mehr.

Wie ist denn generell die Stimmung im Kölner Karneval, gerade nach den Übergriffen auf Frauen in der Silvesternacht?
Der Kölner lässt sich von diesen Dingen überhaupt nicht beeinflussen. Bei den Prunksitzungen sind die Säle bis auf den letzten Platz voll. Der Karneval dient im Moment auch dazu, schnell wieder von diesen unschönen Schlagzeilen wegzukommen. Wir spüren aber schon eine erhöhte Polizeipräsenz in der Stadt.

Und wenn alles vorbei ist, fallen Sie in ein tiefes Loch?
Nein, wir wissen ja, dass die Zeit begrenzt ist und wir freuen uns sehr, danach wieder in unsere Familien zu gehen. Bis ich alles verarbeitet habe, wird es aber sicherlich zwei, drei Wochen dauern. Das mache ich dann auf Mallorca unter den Palmen.

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