Klasse statt Masse in Santa Catalina

Àngel Romaguera ist der Wirt der Kultbar Lisboa – und macht sich Sorgen um die Ausgehkultur im Trendviertel

12.02.2016 | 10:51
Klasse statt Masse in Santa Catalina

Eigentlich könnte Àngel Romaguera rundum glücklich sein. Die Leute rennen seiner Kultbar Novo Café Lisboa in Palmas Trendviertel Santa Catalina die Türen ein, und er muss nicht – wie so viele andere Wirte – um seine Existenz bangen. Dennoch macht sich Romaguera Sorgen. „Seit vier bis fünf Jahren ist die Gegend immer überlaufener, gerade im Sommer", sagt der Bar-Besitzer und ausgebildete Fotograf, der 2007 als DJ hier anfing, dann Barkeeper wurde und den 1994 eröffneten Laden 2011 kaufte.

Klar, die vielen Feierwütigen, die auch in die Discos Kaelum und Bar Cuba strömen, gäben kräftig Geld aus, doch das Flair des Ausgehviertels nehme Schaden. Und die Menschen, die dort wohnen, würden ob des Krachs ungehaltener. Hinzu komme die Gentrifizierung, also der Zuzug wohlhabender Ausländer und die Verdrängung der Alteingesessenen. „Selbst das Brot beim Bäcker ist hier viel teurer als anderswo in Palma."

Romaguera weiß, dass er die Verteuerung nicht verhindern kann. Aber er könnte helfen, das Viertel vor einer Entwicklung in Richtung allzu schnöde Sauf- und Tanzgegend zu bewahren. Er wünscht sich eine niveauvollere Gast-Belustigung. „Man kann die Kunden auch erziehen, für das Geschäft muss das nicht von Nachteil sein." Gerne würde er im Lisboa auch Ausstellungen zeigen oder über das Thekentheater „Teatre de Barra" hinaus kleine Aufführungen und Shows ermöglichen. „Das darf ich aber nicht, weil die Stadtverwaltung das nicht zulässt." Dabei sei das in der gut besuchten Bar Barroco nahe der Plaça d´Espanya schon seit Jahren möglich.

Romaguera hingegen darf von 21 bis 3 Uhr nachts nur DJ-Musik spielen lassen und die Gäste ­bewirten. In diesem engen ­Rahmen versucht er nach Kräften, sich abzuheben. „Unsere zwei DJs spielen keinen Mainstream, sondern Indie-Musik, auch Latino-Pop und zunehmend Boogaloo." Das mit bunten Sofas, Ohrensesseln aus Omas Zeiten und Starfotos ausstaffierte, schlauchartige Lokal füllt sich vor allem mit 30 bis 50-jährigen Spaniern und Spanierinnen. Wobei Romaguera auch schon Fehler unterliefen. „Eine Zeitlang versuchten wir, vor der Abend­essens-Zeit zu öffnen." Das ging gründlich schief, weil die Menschen nun einmal erst danach ausgehen.

Auch andere Lokale der Gegend haben ihre Nische gefunden: Die ebenfalls in der Carrer Sant Magí gelegene Havanna-Bar etwa lockt vor allem sehr junge Skandinavier und ­englischsprachige Gäste an, nicht selten steigen dort auch ganze Yacht-Teams ab. Im teuren Idem-Café tummeln sich unterhalb von Riesen-Gemälden eher die pijos, also wohlhabendere jüngere Kunden, und die fünf Gehminuten entfernte Sa-Feixina-Bar ist ein Ü-60-Treffpunkt, der in Palma sarkastisch „Elefanten­friedhof" genannt wird.

„Die meisten Bars in Santa Catalina gibt es schon seit vielen Jahren", sagt Àngel Romaguera. „Einige, die nicht bei den Leuten ankommen oder Trends verpassen, sind aber auch wieder eingegangen oder überleben mehr schlecht als recht." Ein Beispiel sei die ehemalige Disco-Bar Raemon Blue an der Restaurantmeile Fábrica, die ausschließlich 70er- und 80er-Hits auf Videos spielte, im Jahr 2014 ­scheiterte, dann renoviert wurde, jetzt ­Trendy Copas heißt – und immer noch nicht wieder im Geschäft ist. Ein unweit vom Novo Café Lisboa gelegener englischer Pub hielt sich kaum drei Jahre.

Àngel Romaguera ist sich daher klar darüber, dass er sich auf einer Gratwanderung befindet: Auf der einen Seite will er Veränderungen, auf der anderen Seite kann er es sich nicht leisten, die ­Bedürfnisse der Kunden zu vernachlässigen. Werde eine Musikrichtung nicht mehr nachgefragt, müsse er schon gegensteuern. „Einfach ausruhen kann man sich in unserem Geschäft nicht", sagt er.

Wenn alles schiefgeht, könne Santa Catalina den Weg der Lonja gehen, das mittlerweile entzauberte und von Urlaubern überlaufene Ausgehviertel rund um die alte Seehandels­börse. Wobei: Das Nachtleben der Inselhauptstadt befindet sich im steten Wandel. „Ich glaube fest daran, dass die Lonja wieder­kommen wird", sagt Àngel Romaguera.

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