Bei den vergessenen Flüchtlingen

Der mallorquinische Fotograf Xavier Ferré war an der Grenze zu Syrien unterwegs

22.02.2016 | 18:56
Ältere Männer und Studenten: in den Flüchtlingslagern in der Türkei ist die Perspektivlosigkeit für die einen so groß wie für die anderen.
Ältere Männer und Studenten: in den Flüchtlingslagern in der Türkei ist die Perspektivlosigkeit für die einen so groß wie für die anderen.

Syrien ist für Journalisten das gefährlichste Land der Welt, bescheinigt die Organisation „Reporter ohne Grenzen". Unliebsame Beobachter werden entführt, gefoltert, ermordet. Dennoch wollte Xavier Ferré aus Palma seit Jahren in das von Assad-Regime und IS-Miliz gebeutelte Land reisen, um sich vor Ort ein Bild von all dem Elend zu machen, das inzwischen weit über vier Millionen Menschen in die Flucht getrieben hat.

Konkret wurden die Pläne jedoch erst vor ein paar Monaten, als der Fotograf ein Treffen der Bürgerinitiative „Mallorca Terra d´Acollida" (Mallorca Zufluchtsort) besuchte, bei dem Vertreter aller möglicher Parteien, Gewerkschaften und Vereine großmundig über Flüchtlingshilfe diskutierten. „Aber was bringt das, solange hier auf der Insel kein einziger Syrer ankommt", gab Ferré zu bedenken und schlug vor, stattdessen Hilfstrupps zu den Flüchtlingen zu schicken. Der Inselrat will das in Form von Partnerschaften auf den griechischen Inseln Lesbos und Chios tun, Ferré dachte eher an die riesigen Auffanglager in der Türkei.

Doch das Echo fiel bescheiden aus, Politiker und andere Amtsträger scheinen außerdem schnell wieder die Lust an der Bürgerinitiative verloren zu haben. „Jetzt sind wir noch ein kleines Häuflein Privatpersonen, die erstmal auf Aufklärung und Information setzen wollen", sagt Ferré – der kurz darauf einen Flug ins türkische Antakya, gut 100 Kilometer von Aleppo entfernt, buchte und seinen Rucksack packte: Die Zeit war nun endlich reif für seine lang ersehnte Dokumentationsreise.

Allerdings endete die erwartungsgemäß an den syrischen Grenzposten. „Hätte ich gesagt, ich bin Journalist, wäre ich sofort festgenommen worden, als Tourist hatte ich keine Chance, und der Versuch, die Landesgrenze anders zu überwinden, wäre extrem gefährlich gewesen." Der Mallorquiner, der Frau und vier Kinder auf der Insel zurückgelassen hatte, musste sich deshalb mit Plan B begnügen: Zusammen mit einem türkischen Touristenführer, der früher Urlaubern die kulturgeschichtliche Bedeutung der antiken Stätten im türkisch-syrischen Grenzgebiet näherbrachte, fuhr er an der Grenze entlang – vom Flughafen in Antakya ostwärts, fast bis an die irakische Grenze.

Die offiziellen türkischen Flüchtlingslager, die teils 35.000 Menschen fassenden Zeltstädte, waren für Ferré aber ebenfalls tabu. „Das Aufgebot an Militär und Polizei hatte eher etwas von einem Gefangenenlager", erzählt der Fotograf, der nur ein einziges Mal einige Hundert Meter in ein Camp hineinlaufen durfte – ohne Teleobjektiv, und erst nachdem er den Lagerleiter selbst in dessen Büro in Szene gesetzt und ihm die Bilder überlassen hatte.

Mit offenen Armen empfangen wurde der Mallorquiner dagegen in den illegalen Camps, die die Flüchtlinge hundertfach im Grenzgebiet aufgeschlagen haben. „Das sind die Menschen, denen es mit Abstand am dreckigsten geht. Absolute Armut und keinerlei Hoffnung." Neben Essen, Wasser und Strom fehle es den Familien an jeglicher Perspektive. „Das sind die vergessenen Flüchtlinge, für die weder die Türkei, noch Europa, noch sonst jemand eine Lösung hat." Als er auf dem Rückweg nochmal in all den Hütten-Siedlungen, wo er fotografiert hatte, Halt machte und den Menschen zum Dank Orangen und Äpfel schenkte, habe er sich schlecht gefühlt, erinnert sich Ferré. „Traurig, hilflos, wütend."

Am Sinn seiner Reise, deren eigentliches Ziel unerreichbar blieb und für die er sich sogar verschulden musste, zweifelt Xavier Ferré trotzdem nicht. „Wenn ich meine Bilder nicht an Agenturen verkaufen kann, die offenbar nicht viel Interesse an dem immer gleichen Flüchtlingsleid haben, werde ich sie zumindest ausstellen." Und nicht zuletzt werden die Informationen aus erster Hand und das Bildmaterial der Bürger­initiative zugute kommen, die in den kommenden Wochen Vorträge, Diskussionsrunden und Schulbesuche plant. Damit die Menschen auf Mallorca nicht vergessen, dass andernorts Millionen Syrer dringend Hilfe brauchen.

Unter dem Motto „Augenzeugen: Europas Blindheit in der Flüchtlingskrise" findet am 13. Februar (10 bis 13.30 Uhr) im Ca s´Apotecari in Santa Maria ein Workshop von „Mallorca Terra d´Acollida" statt, bei der Ferré und ein Mitglied der NGO Proem-Aid, die auf Lesbos im Einsatz ist, berichten.

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