"Unser Islam ist offen und tolerant"

Hanane Saadi ist die jüngste Tochter eines Imams und seit November marokkanische Konsulin auf Mallorca

20.03.2016 | 08:51
Die marokkanische Konsulin Hanane Saadi im Gespräch mit zwei Landsfrauen.

Sie trägt das Haar offen, die Hacken sehr hoch und dazu eine weiße „Djellaba", die traditionelle Tunika der Maghreb-Staaten. Im November hat Hanane Saadi ihr Amt als Generalkonsulin für Marokko auf Mallorca angetreten. Saadi lebt seit 2005 in Spanien, machte einen Master in Sevilla, einen Doktor in Madrid und arbeitete die letzten sechs Jahre für die marokkanischen Auslandsvertretungen, zuletzt als politische Beraterin. Am Sonntag (6.3.) feierte die 51-Jährige aus Rabat mit Mallorquinern und Marokkanern den Weltfrauentag (8.3.) in Manacor. Im Anschluss an den offiziellen Festakt ist Saadi von ihren Landsfrauen umringt, unterhält sich mal ernst, mal lachend und posiert immer wieder für ein Gruppenfoto.

Sie sind beliebt bei Ihren Landsfrauen.
Ich bin heute extra gekommen, um sie zu sehen und ihnen zuzuhören. Der Weltfrauentag ist sehr wichtig, weil er Frauen würdigt – diejenigen, die arbeiten, aber auch die, die zu Hause bleiben und dort alles für die Familie und die Erziehung der Kinder tun. Ich sage immer: Man muss gut auf die Frauen aufpassen, weil von ihnen die Zukunft eines Landes abhängt. Sie bereiten die Bürger von morgen vor.

Was können die marokkanischen Frauen auf Mallorca tun, um gute Bürger zu erziehen?
Die Sprache lernen, rausgehen und ihren Platz in der spanischen Gesellschaft finden.

Wie ist es um die Rolle der Frau in Marokko bestellt?
Frauen nehmen aktiv am demokratischen Prozess teil. Von 395 Abgeordneten sind über 60 Frauen. Das sind gut 15 Prozent der Parlamentssitze. Seit einigen Jahren gibt es für das Parlament und die Verwaltung in den Rathäusern eine Quote, damit die Frauen sich beteiligen. Wir stellen gerade vier Ministerinnen, und die Parlamentarierinnen haben unabhängig von ihrer Parteizugehörigkeit eine Plattform gegründet, um weiter für unsere Rechte zu kämpfen.

Für welche zum Beispiel?
Mit der neuen Version der Mudwana, dem marokkanischen Familienrecht, haben wir viel erreicht. Seit 2004 werden zum Beispiel Scheidungen gerichtlich abgewickelt. Früher konnten die Männer ihre Frauen einfach verstoßen, heute müssen sie zu einem Richter gehen. Auch Frauen können nun eine Scheidung einreichen. Zudem ist das offizielle Heiratsalter seither für Männer und Frauen auf 18 Jahre festgelegt, und die Frauen brauchen auch keinen männlichen Heiratsvermittler mehr.

Was genau heißt das?
Früher musste ein Mann eine Frau an ihren Bräutigam übergeben. Es konnte also sein, dass eine Witwe ihren Sohn gebraucht hat, um wieder heiraten zu können – auch wenn sie Anwältin, Pilotin oder Ministerin war. Was meiner Ansicht sehr wichtig ist: Die Mudwana konstatiert die geteilte Verantwortung innerhalb der Ehe, auch die finanzielle. Die Männer nämlich nutzen die islamische Kultur bis heute aus: Sie sorgen für die Frau und fordern als Gegenleistung von ihnen Gehorsam. Jetzt sind Männer und Frauen vor dem Gesetz gleichberechtigt.

Wie können Sie als Konsulin die marokkanischen Frauen vor Ort unterstützen?
Ich glaube, dass schon die Tatsache, dass ich eine Frau bin, ein Zeichen dafür ist, dass die Situa­tion in Marokko eine andere ist als hier. Hier gibt es viel mehr Frauen, die Kopftuch tragen und zu Hause eingeschlossen sind, als in Marokko. Viele marokkanische Familien auf Mallorca kommen aus sehr konservativen Gegenden und wissen nicht einmal, was in Rabat, Casablanca oder Marrakesch passiert. Sie haben einen bestimmten kulturellen Hintergrund. Wenn der dann auf die offene spanische Gesellschaft trifft, schotten die Männer ihre Frauen noch mehr ab.

Das Aufeinandertreffen der Kulturen generiert also Konflikte?
Ja, zumal die Frauen die Kinder erziehen. Wenn sie nicht wissen, was gesellschaftlich und politisch in Marokko passiert, erschwert das die Integration. Die Kinder müssen ihre Wurzeln kennen, um sich in einem anderen Land integrieren zu können.

Was braucht es noch?
Das Allerwichtigste ist die Sprache. Ohne Spanisch können sich Kinder nicht integrieren oder Freundschaften zu Spaniern pflegen. Und wenn die Eltern keinen Kontakt zu Schule und Lehrern haben, können die Kinder nicht optimal ausgebildet werden. Wir haben bilaterale Sprachprogramme mit Spanien. In denen können spanische Kinder auch Arabisch lernen, wenn sie wollen.

Sie selbst tragen kein Kopftuch, viele Frauen hier schon.
Das ist Privatsache. Mein Vater war ein bekannter Imam, und ich bin die jüngste von fünf Töchtern. Meine großen Schwestern sind schon in den 60ern zur Schule gegangen, haben als Lehrerinnen gearbeitet und sich politisch engagiert. Dass mein Vater Imam war, hieß also nicht, dass er uns einsperren wollte. Der Islam in Marokko ist offen und tolerant.

Wie beurteilen Sie die Vorkommnisse in Köln zu Silvester?
Das ist eine Frage der Sensibilisierung: Immigranten müssen wissen, wo sie leben und mit wem. In Marokko haben wir Gesetze, Deutschland hat Gesetze – und die müssen geachtet und angewendet werden. Ich bin aber gegen das negative Bild, das die Medien häufig zeichnen. Es gibt viele Marokkaner, die schon lange in Deutschland leben, gebildet sind und die Wirtschaft unterstützen. Man darf nicht generalisieren.

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