Ebby Thusts zweites Leben auf Ebbyland

Der 68-Jährige ist einer der bekanntesten Box-Promoter Deutschlands, auch wenn er längst im Ruhestand ist. Jetzt gab es ein Jubiläum und eine Genesung zu feiern. Ein Besuch

29.03.2016 | 11:27
„Weniger brutal als Tischtennis oder Taubenzüchten": Box-Promoter Ebby Thust über seinen Sport.
„Weniger brutal als Tischtennis oder Taubenzüchten": Box-Promoter Ebby Thust über seinen Sport.

Ebby Thust feiert gerade seinen zweiten Geburtstag. Der 68-jährige ehemalige Box-Promoter aus Frankfurt, der seit 2001 auf einer herrschaftlichen Finca kurz vor Calvià mit dem durchaus ein wenig ironisch gemeinten Namen Ebbyland residiert, hatte im November vergangenen Jahres einen Schlaganfall und Hirnblutungen erlitten. Bei einer Untersuchung im Krankenhaus Son Espases wurde zusätzlich eine Entzündung der Herzinnenhaut festgestellt. Wäre die nicht innerhalb von vier Wochen operiert worden, wäre Thust mit großer Sicherheit heute tot und hätte dieses Jubiläum nicht mehr begehen können. Der echte Frankfurter Jung ist seit 50 Jahren, seit dem 15. März 1966, Mitglied im Bund Deutscher Berufsboxer (BDB). Ihm zu Ehren veranstaltete der BDB seine Jahreshauptversammlung am Samstag (19.3.) auf Mallorca – das erste Mal außerhalb von Deutschland.

Die Finca Ebbyland ist ein imposantes Stückchen Mallorca. Und sie erzählt eine ganze Menge über den Mann mit der großflächigen Dior-Brille – seit Jahrzehnten sein Markenzeichen. Zwar baute der Box-Promoter das Haupthaus und die fünf nicht ganz kleinen Apartmenthäuser nicht selbst, aber er stattete das 34.000 Quadratmeter großes Landgut ganz nach seinem Geschmack aus – etwa mit Büsten von römischen Feldherren oder Gladiatoren. „Das ist meine Welt, die der alten Römer", sagt der Frankfurter beim Rundgang über sein Anwesen. Seinen Sohn hat er sinnigerweise Titus genannt, nach dem römischen Kaiser. Im Haupthaus hängt das Wohnzimmer indes voll mit ebenso monumentalen wie auffällig farbigen Wandgemälden von Boxern.

Dieses Monumentale, Schillernde, das Mann-gegen-Mann in der Arena. All das hat das Leben von Ebby Thust immer bestimmt, all das ist Ebby Thust. Ein Leben, das er, wie er sagt, die meiste Zeit auf der Überholspur geführt hat. „Erst meine Frau Sonja hat mich davon abgebracht und mich von meiner egozentrischen Weltsicht befreit", sagt er und wirft seiner knapp 30 Jahre jüngeren Frau einen verliebten Blick zu. Die Kroatin antwortet mit einem Handkuss aus der Distanz. Ebby Thusts Welt ist in Ordnung, vor ein paar Stunden ist auch seine Tochter Lara angekommen, um ihn an seinem großen Tag zu begleiten. Die 21-Jährige ist auf Mallorca aufgewachsen, spricht fließend Spanisch und Katalanisch. „Sie ist ein echtes Kind von hier."

Zuschauen als Leidenschaft
Aber auch Ebby Thust nennt Mallorca seine Heimat und hat seine durchaus turbulenten Jahre im Boxzirkus hinter sich gelassen. Selbst streifte er sich nie die Handschuhe über, kämpfen ließ er immer andere. Doch er beschreibt sich selbst als süchtig nach dem Sport. „Schon mit 14 Jahren bin ich immer im größten Boxstall der Republik gewesen, um zuzuschauen, wie die starken Männer gegeneinander kämpften." Der Boxstall lag in Kelkheim, nur ein paar Kilometer von seinem Heimatort Frankfurt-Sossenheim entfernt, eigentlich ein Radfahrerstädtchen.

Anfang 1966 lernte Thust Rüdiger Schmidtke kennen, die beiden wurden schnell gute Freunde. Gemeinsam gingen sie auf der Frankfurter Zeil in ein Sportstudio, in dem unter anderem auch geboxt wurde. Die Sportschule gehörte Sandu Petrescu, der das Talent von Rüdiger Schmidtke im Ring schnell bemerkte und ihn dazu überredete, aus dem Boxen mehr als nur ein Hobby zu machen. Am 15. März 1966 wurden Thust und Schmidtke gemeinsam beim BDB vorstellig. Schmidtke holte sich die Boxerlizenz, Thust die Sekundantenlizenz, um in der Ringecke auch weiterhin Schmidtke beizustehen. Petrescu und Thust hatten den richtigen Riecher: Schmidtke wurde nur sechs Jahre später in England Europameister im Halbschwergewicht.

Thusts Boxleidenschaft wurde noch durch eine andere Begegnung befeuert. Nur sechs Monate nach
seinem Eintritt in den BDB wohnte er dem Profikampf von Karl Mildenberger gegen Muhammad Ali im Frankfurter Waldstadion bei und traf Ali wenige Tage zuvor im Sportstudio von Sandu Petrescu. „Ali war neben Max Schmeling die beeindruckendste Boxerpersönlichkeit, die ich kennenlernen durfte", sagt Thust.
Der Frankfurter arbeitete sich hoch, wurde Zeitnehmer und dann technischer Leiter, eine Art Regisseur für Boxveranstaltungen. „Da verdiente man auch mal 15.000 Mark an einem Abend." Als er genügend Geld zusammen hatte, kaufte sich Thust eine Promoter-Lizenz und baute seinen eigenen Boxstall auf. Unter anderem veranstaltete er die ersten fünf Kämpfe der Klitschko-Brüder.

Wobei Boxen nicht ohne die Halbwelt existiert. Auch Ebby Thust war eine Zeit lang dort unterwegs. Er verleugnet das auch gar nicht. „Die Zuhälter gehören nun mal zum Boxen wie die Damen mit den großen Hüten zu der Baden-Badener Rennwoche." Viel wichtiger sei doch, dass die Boxwelt unglaublich loyal sei, wie eine große Familie. Und: „Im Boxzirkus geht es weniger brutal zu als beim ­Tischtennis oder beim Taubenzüchten." Wieder so ein Ebby-Thust-Satz. Während des Gesprächs zeigt sich dann, dass da tatsächlich etwas dran ist. Mehrmals erreichen Thust über sein iPad Glückwünsche für sein 50. Jubiläum verbunden mit Genesungswünschen. Seit Tagen gehe das so.

Nun mal eine Kultfigur
Er sei nun mal eine Kultfigur, sagt Thust. Und er sagt das so unschuldig, dass man ihm es nicht einmal als Arroganz auslegt. Er war sich schließlich nie für einen Scherz zu schade, hatte nie Angst, sich zu blamieren. Davon künden unter anderem ein Til-Schweiger-Film von 1993 mit dem Titel „Ebbies Bluff". Thust spielt in einer kleinen Rolle einen Box-Promoter, der einen völlig talentfreien Schützling dazu überredet, eine CD aufzunehmen. Die dann überraschenderweise den Geschmack des Publikums trifft. Der Film floppte an den Kassen, die Kritiker verrissen ihn.

Auch Ebby Thust ging später kurzzeitig unter die Musiker. Im Jahr 2000 nahm er eine Single mit dem Titel „Life is a Fight!" auf. „Obwohl ich wirklich nicht singen kann. Aber ich hatte Oli P. im Fernsehen gesehen und dachte mir: Das kannst du auch." Man hatte ihm einen Text vorgefertigt, den er allerdings nicht singen wollte. „Der war so in dem Stil: Ebby, hey hey. Damit konnte ich mich nicht identifizieren." Daraufhin habe er sich hingesetzt und in 20 Minuten einen neuen verfasst. „So wie der Ring, so ist das Leben / ein Kampf – so ist das eben./ War ganz unten, bin ganz oben,/ hab mich neu gefunden" heißt es da in der zweiten Strophe. „Ist doch gar nicht so schlecht, oder?", fragt Thust. „Da habe ich ein Stück weit ein neues Talent an mit entdeckt."

Ein Mann mit wenigen Selbstzweifeln. Wahrscheinlich ist er deshalb so weit gekommen im Leben. Und wahrscheinlich ruht er deshalb so in sich und seiner Welt. Die Umstände freilich helfen: Wer wie er mit
seiner Frau auf einer wundervollen Finca auf Mallorca leben kann, dem geht es so schlecht nicht. Die einzige Sorge – neben der Gesundheit – sind dort nur die vielen ­Ziegen, die um sein Haus streunen und seine Pflanzen abfressen. „Aber ich habe einen Zaun ums Haus gebaut", sagt Thust, und sein Blick schweift über die liebliche Landschaft bis hinunter zum glitzernden Mittelmeer.

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